Wird die mit scharfen Äußerungen eskalierende Spannung zwischen der Türkei und Griechenland in einen bewaffneten Konflikt münden? Unsere Autoren bewerten das Verhältnis der beiden Nachbarn und mögliche Folgen.
Kann die Entwicklung in einen bewaffneten Konflikt münden? Und wenn ja, mit welchen Folgen?
Ob die griechisch-türkischen Beziehungen, die durch die Äußerungen des Präsidenten eine neue Dimension erhalten haben, in einen bewaffneten Konflikt münden können und welche Folgen dies für die Welt und die Türkei hätte, haben PUGAT-Autoren für Sie beantwortet …
Sezai Akyüz:
Die Beziehung dieser beiden Länder habe ich immer mit verwandten Nachbarn verglichen, die sich nicht verstehen, aber Haus an Haus wohnen. Seit Jahren sind die politischen Streitigkeiten zwischen Griechenland und der Türkei für die Politiker beider Länder eine lohnende Stimmenquelle. Ein bewaffneter Konflikt oder Krieg würde jedoch ein Chaos schaffen, das keines der beiden ohnehin wirtschaftlich fragilen Länder verkraften könnte. Dass beide NATO-Mitglieder sind, senkt die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts zusätzlich erheblich.
Seit seinem wirtschaftlichen Bankrott ist Griechenland zu einem Satelliten der EU, insbesondere Deutschlands, geworden. Auch militärisch wird es seit Langem durch Zuschüsse der USA und Unterstützung im Gegenzug für Stützpunkte ausgerüstet. Das lässt sich naturgemäß so deuten, dass diese Länder bei den außen- und innenpolitischen Schritten Athens mitreden. Auch wenn die jüngste Aufstockung der US-Militärpräsenz Griechenland ermutigt hat, wird der ‚große Bruder‘ nicht zulassen, dass die Entwicklung in einen bewaffneten Konflikt mündet.
Da jeder Schritt der Türkei gegen Griechenland letztlich bedeuten würde, sich mit den USA und der EU anzulegen, wird eine ‚vernünftige Regierung‘ einen bewaffneten Konflikt vermeiden. Den Ausdruck ‚vernünftige Regierung‘ verwende ich bewusst, denn wir sprechen von einer ehrgeizigen Führung, die diese Option als Szenario zur Flucht vor den Wahlen nicht ausschließen würde, wenn eine drohende Wahlniederlage ihre Macht ernsthaft gefährdete.
Salih Durmuş:
Unter normalen Umständen ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass die in den letzten Tagen bewusst oder unbewusst geschürte Spannung zwischen der Türkei und Griechenland in einen bewaffneten Konflikt mündet. Solche Spannungen gab es in der jüngeren Geschichte oft, und sie endeten jeweils an einem bestimmten Punkt. Die Äußerungen und Haltungen einiger Politiker mit extremen Ansichten und hoher Militärs in der Führung beider Seiten sowie die Haltung der türkischen Regierung, die der Diplomatie und der alten Staatstradition widerspricht, zeigen jedoch, dass diese Spannung jederzeit in einen bewaffneten Konflikt umschlagen kann.
Jede Grenzspannung und jeder bewaffnete Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei würde sich naturgemäß im gleichen Maß auf Zypern übertragen. Dann wären auch dort Zusammenstöße zwischen Soldaten, Polizei, Milizen und Zivilbevölkerung wahrscheinlich. Jeder ausgerufene Ausnahmezustand und jede Mobilmachung würde dort de facto ebenfalls gelten. Zudem dürften die Luft- und Seestreitkräfte beider Seiten in der Umgebung Zyperns aufeinandertreffen.
Ein bewaffneter Konflikt zwischen zwei NATO-Staaten wäre andererseits für Russland eine Entwicklung von unvorstellbarer Bedeutung. Russland würde jede offene oder verdeckte Unterstützung leisten, die zum Ausschluss der Türkei aus der NATO führen könnte, und alles tun, um den Konflikt zu vertiefen und eine Lösung zu verhindern.
In diesem Prozess wäre auch eine Annexion Nordzyperns durch die türkische Regierung sehr wahrscheinlich. Die Haltung der USA wäre für die weiteren Entwicklungen naturgemäß entscheidend.
Ali Kerem Sezgin:
Der türkische Präsident, der die schwierigste Phase seiner 20-jährigen Herrschaft durchlebt, hat Griechenland offen gedroht, indem er behauptete, Griechenland habe die Inseln in der Ägäis rechtswidrig militarisiert.
Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Lage in der Türkei, sieht man eine Wirtschaft kurz vor dem Bankrott, geführt von unqualifizierten, inhaltsleeren Kadern und konfrontiert mit Hyperinflation. Infolgedessen hat Erdoğan die niedrigsten Umfragewerte seiner Regierungszeit.
Das Ergebnis lässt sich daher von vornherein benennen. Diese Rhetorik wird wohl nicht in einen großen Konflikt münden. Dass eine Regierung, die jahrelang bewusst über die Militarisierung der Inseln hinweggesehen hat, nun so reagiert, ist nichts anderes als eines ihrer innenpolitischen Mittel, um verlorene Stimmen zurückzugewinnen.
Berücksichtigt man die Lobbymacht Griechenlands in den USA und das Vertrauen, das die Türkei wegen ihrer prorussischen Politik bei den USA und der EU verloren hat, scheint Griechenland mehrere Schritte voraus zu sein. Die Erklärungen der USA und der EU weisen bereits in diese Richtung. Deshalb ist auch klar, dass Griechenland in einem möglichen Konflikt die unterstützte Seite wäre.
Auch wenn es unwahrscheinlich ist, wäre es keineswegs überraschend, wenn die türkische Regierung in den kommenden Tagen über die eigenen Medien eine Erfolgsgeschichte nach Art der Kardak-Krise (Imia) präsentierte.
Um es nicht zu übersehen, zum Schluss noch der Blick aus Russland: Ein möglicher Konflikt, ja ein Krieg, wäre derzeit die am meisten gewünschte, vielleicht sogar insgeheim unterstützte Entwicklung. So würde eine zweite Front gegen den Westen eröffnet und ein strategischer Verbündeter wie die Türkei gewonnen.
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