Nach Ansicht des früheren CIA-Direktors David Petraeus war ein Häuserkampf in Kiew unvermeidlich. Der Autor bewertet anhand von Aleppo und Grosny die Schwierigkeiten des Kampfes in bebautem Gelände.
Der frühere CIA-Direktor General David Howell Petraeus machte in einem Interview mit CNN sehr bemerkenswerte Angaben.
David Petraeus, in der türkischen Öffentlichkeit wegen der Sackaffäre mit türkischen Soldaten im Nordirak als „Sack-General“ bekannt, war während der Irak-Invasion als Kommandeur der 101. Luftlandedivision Befehlshaber des Verbands, der die Brücken über den Tigris und kritische Punkte mit Luftsturmoperationen einnahm.

Petraeus, der die Invasion in der Ukraine bewertet, hält vor allem einen Häuserkampf für unvermeidlich. Er vergleicht Kiew mit den Schlachten von Aleppo und Grosny. Das Besondere an diesen beiden Schlachten ist, dass beide als Kriege in die Militärgeschichte eingingen, in denen die schwächere Seite die stärkere besiegte. In diesem Zusammenhang kann ich als ehemaliger Soldat, der die Schwierigkeiten der türkischen Streitkräfte bei Ortskampfoperationen gegen leicht bewaffnete Kämpfer in mit Sprengfallen präparierten Städten erlebt hat, sagen, dass der russischen Armee schwere Tage bevorstehen.
Häuserkämpfe sind die Operationsform, die reguläre Armeen, die ein Ziel in einem bestimmten Zeitraum erreichen wollen, nicht wählen würden. Die Russen wollten ihre politischen Ziele in der Ukraine mit einem Überraschungsangriff erreichen und die legitime Regierung der Ukraine austauschen, ohne einen großen Bodenkrieg zu führen, der eine Blutfehde mit der Bevölkerung auslösen würde. Doch das gelang nicht.

Betrachtet man das Vorgehen der russischen Armee, zeigt sich, dass Russland in der Ukraine keinen Widerstand in diesem Ausmaß erwartete und den Krieg wie 2014 auf der Krim mit vollendeten Tatsachen zu seinen Gunsten beenden wollte. Hier möchte ich in Klammern betonen, dass Russland seine Elite-Fallschirmjäger seit dem Zweiten Weltkrieg nur in drei großen Fällen so umfassend eingesetzt hat: Ungarn 1956, Tschechoslowakei 1968 und zuletzt Ukraine 2022.
Warum ist das wichtig? Gerade angesichts moderner Waffensysteme ist die erste Voraussetzung für den Einsatz von Fallschirmjägern, die in der Luft zu offenen Zielen werden, dass das angegriffene Land nicht reagiert oder nicht die Kraft dazu hat. Viele Experten sind sich einig, dass die Ukraine vor dem Krieg einen solchen Eindruck erweckte. Es gibt natürlich auch Behauptungen, dass das Duo Großbritannien/USA hinter dieser Taktik stand. Jedenfalls setzte Russland bei seiner Invasion seine besten Verbände mit Luftlandeoperationen mitten in die ukrainische Armee ab. In sozialen Medien wurden Bilder russischer Soldaten verbreitet, die tief im Landesinneren gefangen genommen worden waren. Angeblich verloren sie zeitweise so sehr die Kontrolle, dass die Nachricht kursierte, ein hoher Offizier, der hinter der Front für Planung und Führung zuständig war, sei in die Kampflinie geraten und gefallen. Ich möchte auch anmerken, dass selbst die zuverlässigste Quelle irreführen kann. Der Krieg wird in Print- und Bildmedien durch Propaganda und Desinformation ebenso geführt wie auf dem Feld. Eine andere Entwicklung, die die Behauptungen stützte, ereignete sich jedoch am sechsten Tag der Operation. Laut einem russischen Militärexperten war der Chef des russischen Generalstabs, Waleri Gerassimow, abgesetzt worden. Moskau gab darauf weder eine bestätigende noch eine dementierende Antwort.
Ein weiteres Thema sind die in offene Quellen gelangten Informationen über die russischen Kommunikationssysteme. In offenen Quellen hieß es, dass per Handy kommunizierende Offiziere von ukrainischen und westlichen Diensten abgehört würden und dass russische Funkcodes leicht geknackt und von Russisch sprechenden ukrainischen Soldaten mühelos mitgehört würden. Die britische Zeitung Telegraph veröffentlichte Funkgespräche russischer Soldaten an der Front. Nach den Aufnahmen operieren die russischen Einheiten in völligem Chaos, die meisten Soldaten sind demoralisiert, und manche weinten sogar während der Kämpfe.
Eine Armee, die die Grundprinzipien der Spionageabwehr vernachlässigt, muss auf dem Schlachtfeld zwangsläufig schwere Verluste hinnehmen.
Kurzum: Die russische Armee ist entgegen den Erwartungen offenkundig in Planung, Logistik und Ausbildung schlecht vorbereitet. Doch trotz der Mängel der russischen Armee hat eine Ukraine ohne westliche Unterstützung gegen Russland keine Chance. Und Putin hat ohnehin keine Möglichkeit mehr umzukehren.
Um auf die Äußerungen von General Petraeus zurückzukommen: Er sagt, 90 % der von Russland für die Ukraine vorgesehenen Kräfte seien im Einsatz, und bei Kämpfen, die in Häuserkampf übergehen, werde die Zahl der russischen Soldaten nicht ausreichen. Ich halte das für eine zutreffende Einschätzung. Um den Krieg in die Länge zu ziehen, muss man also auf Häuserkämpfe vorbereitet sein.
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