Von der Nachbarschaft bis zur Krim, von der Schwarzmeerflotte bis zur NATO: Wir erklären den russisch-ukrainischen Konflikt in 15 Fragen.
F1: Sind Russland und die Ukraine Nachbarn?
Russland ist das Land, mit dem die Ukraine ihre längste Land- und Seegrenze hat. Die Ukraine hat mit Russland eine 1974 km lange Landgrenze und eine 321 km lange Seegrenze.
F2: Wie waren die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine in der Vergangenheit?
Die Ukrainische Volksrepublik wurde ab 1917 von anderen Ländern anerkannt. Die Ukraine, 1922 eine der Gründungsrepubliken der Sowjetunion, handelte danach mit Russland unter dem Dach der Sowjetunion wie ein einziger Staat.

F3: Seit wann gibt es Probleme zwischen Russland und der Ukraine?
Die Ukraine, die 1991 mit dem beginnenden Zerfall der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit erklärte, bekam fortan Probleme mit Russland.
F4: Welche Probleme traten mit dem Zerfall der Sowjetunion auf?
Der erste Streit betraf die Schwarzmeerflotte auf der Krim. Zuerst beschloss die Ukraine, dass die Flotte unter ihre Kontrolle kommt. Zur gleichen Zeit beschloss auch Russland, dass die Flotte unter seine Kontrolle kommt. Auch wenn dies später teilweise gelöst wurde, ging es als erste Spannung in die Geschichte ein. Danach gab es verschiedene Probleme, die aber auf die eine oder andere Weise gelöst wurden.
F5: Was ist das Krim-Problem? Warum können sich die Parteien über die Krim nicht einigen?
Die Halbinsel Krim stand bis 1954 unter russischer Kontrolle. 1954 nahm der damalige sowjetische Führer die Krim Russland weg und stellte sie unter ukrainische Kontrolle. Da damals beide Länder Teil der Sowjetunion waren, maß Russland dem keine Bedeutung bei. Mit dem Zerfall der Sowjetunion begann Russland jedoch, Pläne zu schmieden, die Krim, die es als sein Eigen betrachtete, zurückzuholen. 2014 erklärte Russland, die Krim annektiert zu haben und dass sie fortan sein Territorium sei. Auch wenn diese Entscheidung von anderen Ländern einschließlich der Ukraine nicht anerkannt wurde, geriet die Krim in jeder Hinsicht unter russische Kontrolle und steht bis heute darunter.

F6: Wie sieht die ukrainische Bevölkerung Russland?
Man kann sagen, dass im Donbass im Osten der Ukraine der Anteil der russischen Bevölkerung hoch ist (nach der Volkszählung 2001 rund 38 bis 39 Prozent) und Russischsprachige die Mehrheit bilden. Nach dem Austritt der Ukraine aus der Sowjetunion stieg die Zahl antirussischer ukrainischer Nationalisten landesweit erheblich. Landesweit gibt es rund 30 Prozent Russen oder Menschen, die mit Russland sympathisieren. Der andere Teil sind jene, die sagen, das Land müsse sich dem Westen zuwenden.
F7: Was ist das Problem um Donezk und Luhansk im Donbass im Osten der Ukraine?
Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 fassten die zur Ukraine gehörenden Regionalparlamente von Donezk und Luhansk 2014 einen Beschluss und erklärten einseitig ihre Unabhängigkeit. Seit 2014 gab es Kämpfe zwischen den von Russland unterstützten Separatisten in dieser Region und der ukrainischen Armee. Zuletzt beschloss der russische Präsident Putin, die „Volksrepublik Donezk“ und die „Volksrepublik Luhansk“ als Staaten anzuerkennen.
F8: Wie sehen ukrainische Führer Russland?
In der ukrainischen Politik gibt es zwei Flügel, die „Prowestlichen“ und die „Prorussischen“. Führer beider Flügel haben das Präsidentenamt bekleidet. Vor allem prorussische Präsidenten versuchten jedoch offen, die Ukraine auf die Seite zu lenken, der sie sich zugehörig fühlten. Als der prorussische Präsident Wiktor Janukowytsch 2013 die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens zwischen der Ukraine und der EU verweigerte, begannen Proteste gegen die Regierung, und Präsident Janukowytsch musste das Land verlassen. Danach kam die „prowestliche“ Opposition an die Macht. Die Annexion der Krim und die Unabhängigkeitserklärung von Donezk und Luhansk unter russischer Lenkung erfolgten ebenfalls nach dieser Zeit.
F9: Welche geopolitische Bedeutung hat die Ukraine?
Die Ukraine ist sowohl für Russland als auch für „den Westen und die NATO“ wichtig, zunächst weil sie ein Staat der ehemaligen Sowjetunion ist. Aufgrund ihrer geografischen Lage dient sie derzeit als Puffer zwischen NATO und Russland. Bedenkt man, dass die NATO gegen Russland gegründet wurde, könnte eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine für Russland ein schreckliches Szenario sein. Seine eigenen Grenzen wären dann zugleich NATO-Grenzen. Für den Westen bzw. die NATO würde eine Ukraine unter russischem Einfluss die Länder der Europäischen Union zu Nachbarn Russlands machen. Auch das wäre für den Westen kein angenehmes Szenario.

F10: Ist die Ukraine im Visier Russlands, weil sie der NATO beitreten wird?
So lautet Russlands Darstellung. Russland verlangt von der NATO die Zusicherung, dass die Ukraine nicht NATO-Mitglied wird, doch die NATO lehnt diese Forderung ab. Die Ukraine wiederum will seit Jahren der NATO beitreten. Dieselbe NATO, die Russland eine Absage erteilte, nahm den Antrag der Ukraine mit verschiedenen Ausreden nicht an, statt ihr direkt Nein zu sagen, und versprach „Solidarität“.

F11: Ist die mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine das einzige Problem?
Natürlich nicht. Russland wollte sich mit dieser Rhetorik eine Gelegenheit zur Invasion der Ukraine schaffen. Russland verkraftet es nicht, dass ein ehemaliges Sowjetland nicht unter seiner Kontrolle steht. Hätte die NATO die von Russland gewünschte Garantie gegeben, hätte Russland wahrscheinlich mit einem anderen Vorwand dennoch versucht, in die Ukraine einzumarschieren. Zudem will Russland beim Übergang zu einer neuen Weltordnung gute Karten haben und Spielmacher sein.
F12: Was ist mit neuer Weltordnung gemeint?
Mit dem Zerfall der Sowjetunion ging die Welt von der „bipolaren“ Ordnung des Kalten Krieges zu einer „unipolaren“ Ordnung über, in der die USA die Supermacht waren. In einer möglichen neuen Ordnung wird es wieder ein „bipolares“ System geben. Einer dieser Pole ist der von den USA geführte „atlantische Pol“, der andere der von Russland und China geführte „asiatisch-pazifische Pol“. Russland hält auf seiner Seite dieser möglichen Ordnung die Zügel fest in der Hand. Russland setzt alle Mittel ein, um möglichst viele Länder in seinen Pol einzubinden.

F13: Auf welchem Niveau ist die Ukraine als Militärmacht?
Die Ukraine kann man kaum als „Militärmacht“ bezeichnen. Sie nutzt noch immer Kampfflugzeuge, Flugabwehrsysteme und andere Ausrüstung russischer Produktion aus Sowjetzeiten. Die Modernisierung der Armee ist nicht vollständig gelungen. Als Grund dafür, die Ukraine nicht aufzunehmen, führt die NATO an, dass die Ukraine unter NATO-Standard liege und die nötige Integration erreichen müsse.
F14: Kann Russland mit seinem Invasionsversuch in der Ukraine Erfolg haben?
Betrachtet man die Zahlen, ist Russland als Militärmacht der Ukraine weit überlegen. Russlands Militärausgaben sind etwa zehnmal so hoch wie die der Ukraine, die Zahl seiner Soldaten etwa viermal, die seiner gepanzerten Fahrzeuge etwa fünfmal und die seiner Kampfflugzeuge mehr als zehnmal so hoch. Berücksichtigt man all dies, kann man sagen, dass die Ukraine einen sehr schweren Stand hat.
F15: Russland erlitt am ersten Tag schwere Verluste. Wird das so weitergehen?
Russland greift an, die Ukraine verteidigt sich. Es ist normal, dass Russland mehr Verluste erleidet, denn es versucht, Gebiete einzunehmen. Wenn Russland in den kommenden Tagen jedoch mehr Gebiete einnimmt, wird es der ukrainischen Armee schwere Verluste zufügen können. Dann werden die russischen Verluste wahrscheinlich abnehmen.
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