StartAus dem LebenIntellektuelle Kapazität (2) Die fragende Gesellschaft und das Zeugnis der Regierung

Intellektuelle Kapazität (2) Die fragende Gesellschaft und das Zeugnis der Regierung

Inkompetente Herrscher finden in fragenden Gesellschaften keinen Platz für sich. Der zweite Teil der Reihe Intellektuelle Kapazität behandelt die fragende Gesellschaft und das Zeugnis der Regierung.

Inkompetente Herrscher finden in Gesellschaften, die hinterfragen und nicht blind gehorchen, kein Betätigungsfeld, in dem sie es sich bequem machen können. Deshalb ist eine Wählerschaft, die gut gerüstet ist, weiß, was sie will, sich aus verschiedenen Quellen informiert und zugleich als Kontrollmechanismus wirkt, eine offene Bedrohung für Machthaber, die alle Ressourcen des Landes ausbeuten wollen.

Denn wenn ein bedeutender Teil der Gesellschaft einen wirksamen Bildungsprozess durchläuft, die Grenzen seiner Urteilskraft erweitert, über die mit so viel Mühe errichteten hohen Mauern der Propaganda springt und mit der Wirklichkeit in Berührung kommt, kann die gesellschaftliche Hypnose früher als vorgesehen enden.

Deshalb setzen sich Menschen mit dieser Geisteshaltung, sobald sie ein Regierungsamt übernehmen, mit der Rechtspersönlichkeit des Landes gleich, betrachten jede Kritik als persönlichen Angriff und reden vom Fortbestand des Landes.

In Ein-Mann-Regimen ist die Lage ähnlich. Wenn man den unwiderstehlichen Komfort eines Systems hat, das online bleibt, ergibt es keinen Sinn, durch die Bildung lesender, forschender und weltoffener Generationen den Fortbestand der Nation zu riskieren (!).

Im Gegensatz zu diesen unerfreulichen Beispielen bemühen sich ideale und bescheidene Herrscher, die ihr Amt wirklich als Mittel zum Dienst an der Gesellschaft und ihre Aufgabe eher als öffentlichen Dienst denn als Sultanat sehen, die Gesellschaft auf ihre Höhe zu heben, weil sie begreifen, dass Entwicklung nur gemeinsam möglich ist. Eine Politik der Verdummung der Massen haben sie nicht. Sie brauchen sie auch nicht. 

So sieht es in den Gesellschaften im Allgemeinen aus. Welche Art von Wählern und Gesellschaft wünscht sich also die Regierung in der Türkei an ihrer Seite? Liegt ihr daran, dass ihre Bürger eine gute Bildung erhalten und Weltbürger werden? Um diese Fragen zu beantworten, muss man zunächst hören, was die Daten sagen.

Auszüge aus dem Zeugnis der AKP-Regierung

In der Bildung liegt die Türkei in der 2018 vom Weltwirtschaftsforum veröffentlichten Rangliste der Bildungsqualität auf Platz 101 von 137 Ländern. Sie kommt einfach nicht aus dem Perzentil heraus, in dem Mosambik, Nicaragua, Tansania, Äthiopien und Kambodscha liegen.

In der Rangliste, die die Qualität der Grundschulbildung berücksichtigt, liegt sie noch weiter hinten als in der Gesamtliste. In der Liste, in der Länder mit 1 bis 7 Punkten bewertet werden, liegt die Türkei mit nur 3,1 Punkten auf Platz 105 von 137 Ländern. Die anderen Länder, die wie die Türkei 3,1 Punkte erhielten, sind Guinea, Äthiopien, Bangladesch, Honduras, Georgien und Kuwait. 

In der Rangliste der 500 besten Universitäten der Welt erscheint nach Webometrics-Daten die Technische Universität des Nahen Ostens (ODTÜ) auf Platz 494, die Technische Universität Istanbul nur auf Platz 567.  Vor uns liegt ein Bild nach dem Motto „Sie sehen ja selbst, da muss man nichts erklären“. Was meinen Sie, welche Ergebnisse dieses Bildungssystem hervorbringt, das gestorben ist, ohne dass jemand um es weint?

Wenn Sie in dieser Lage sagen „Das Schiff hat Wasser genommen, wir müssen jetzt ins Meer springen“, haben Sie noch einen Rettungsring. Und das ist das Lesen, eine der größten Lokomotiven unserer Bemühungen um persönliche Entwicklung. Die Gedankenwelt lesender Menschen vertieft sich (besonders durch Lektüre in verschiedenen Sprachen und aus verschiedenen Quellen), und sie beginnen, Ursache und Wirkung zwischen Ereignissen besser zu verstehen. Diese Eigenschaft ist eigentlich nur ein anderer Name für das Hinterfragen. Lesen ist zugleich das Gegengift gegen die Manipulation und Wahrnehmungssteuerung, zu der populistische und machiavellistische Politiker so oft greifen.

Leider sagen die Daten auch hierzu nichts Gutes. Nach Angaben der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), der 195 Länder angehören, liegt die Türkei bei der Leserate weltweit auf Platz 86. Sie steht in derselben Kategorie wie arme afrikanische Länder.

Laut dem türkischen Statistikamt TÜİK steht das Buch auf der Bedarfsliste in der Türkei auf Platz 235. Während weltweit durchschnittlich 1,3 Dollar pro Kopf für Bücher ausgegeben werden, ist es in der Türkei ein viertel Dollar.

Weiteren Daten der Untersuchung zufolge widmen die Menschen im Land, die täglich durchschnittlich 3 Stunden im Internet verbringen, dem Bücherlesen nur 1 Minute. Diese Statistiken zeigen unmissverständlich, wo wir beim Lesen stehen.

Womit verbringen wir also unsere Zeit? Die Antwort steckt in der Ehrentafel(!), die Sie gleich lesen werden. Die Medienbeobachtungsagentur Ajans Press führte auf Grundlage von Daten des Hohen Rundfunk- und Fernsehrats (RTÜK) eine Untersuchung zu Fernsehgewohnheiten durch. Ihr zufolge brach die Türkei mit 330 Minuten täglicher Fernsehzeit den Weltrekord. Promi-Nachrichten und Serien sind die meistgesehenen Sendungen. Ach ja, und vergessen wir nicht die Medien, die mit dem Ruf „Lasst die Mehter-Kapelle spielen“ mit musikalischer Untermalung begeistert die unparteiischsten und zutreffendsten Nachrichten der Welt (!) präsentieren. 

„Die breite Bevölkerung weiß nicht, was vor sich geht, und sie weiß nicht einmal, dass sie es nicht weiß.“ (Noam Chomsky)

Die Machthaber, die wissen, wie sehr der nationale Wille das Fernsehen liebt, werden diesen Vorteil natürlich nicht verstreichen lassen und bis zum letzten Tropfen nutzen.

Die Geisteshaltung, die Prorektoren Posten an Universitäten gibt, die sagen können „Wenn die Leserate steigt, bekomme ich Beklemmungen, ich habe immer auf das unwissende Volk vertraut“, spricht ebenfalls für das obige Bildungszeugnis und die Absicht dahinter. 

Offenbar gibt es auf institutioneller wie individueller Ebene ernste Blockaden in den Bereichen, in denen qualitätsvolle Informationen in die Köpfe gelangen und Verhaltensänderungen bewirkt werden.

Im bisherigen Teil haben wir einige der Säulen festgestellt, die die geistige Infrastruktur der weitsichtigen, intellektuellen Menschen bilden, die bei der Schaffung und Bewahrung einer gesunden gesellschaftlichen Ordnung die Rolle des Garanten innehaben, und wie versucht wird, sie zu vernichten.

(Fortsetzung folgt)

Erster Teil: Unsere seit Jahren niedergemähte intellektuelle Kapazität

Dritter Teil: Diagnose und Lösungsvorschläge

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