StartSicherheitLevent Göktaş: Meine Waffe, mein Gebetsteppich, mein Staat

Levent Göktaş: Meine Waffe, mein Gebetsteppich, mein Staat

Geständnisse zum Mord an Necip Hablemitoğlu haben den flüchtigen Oberst Levent Göktaş in den Mittelpunkt der Debatte gerückt. Der Autor kommentiert den verdeckten Kampf zwischen Cliquen des tiefen Staates vor den Wahlen.

Die Lage in der Türkei ist wieder angespannt: Vor den nahenden Wahlen tritt der verdeckte Kampf zwischen den alten Cliquen des tiefen Staates und dem Palast allmählich an die Oberfläche. Der jüngste Akteur in diesem Kampf, in dem psychologische Kriegsführung und Wahrnehmungsspiele in jeder Hinsicht bis zum Äußersten betrieben werden, ist Levent Göktaş.

In der Kette von Geständnissen, die den Hintergrund des Mordes an Necip Hablemitoğlu erhellen sollen, ist der Knoten bei Levent Göktaş angelangt. Doch er ist auf seltsame Weise verschwunden. Die Geheimnisse, die er angeblich kennt, müssen so gefährlich sein, dass sein Kontrollverlust seine früheren Weggefährten in Unruhe versetzt zu haben scheint.

Den erhobenen Vorwürfen zufolge sollen diejenigen, die den kemalistischen Akademiker Necip Hablemitoğlu vor seinem Haus in Ankara erschossen, mit dem im Ergenekon-Prozess angeklagten pensionierten Oberst Levent Göktaş in Verbindung gestanden haben; diese Vorwürfe sind bislang durch kein Gerichtsurteil bestätigt. Für manche sind diese Vorwürfe wirklich beängstigend, vielleicht sagen deshalb einige halbherzig „Er soll kommen und sich stellen!“ , während andere eine neue Wahrnehmungskampagne gestartet haben. Die Bandbreite ist groß: von denen, die Göktaş als Sufi beschreiben, der seinen Gebetsteppich nie ablegt, um kein Gebet zu versäumen, bis zu denen, die sagen, Göktaş sei eigentlich nie Kemalist gewesen. Besonders der Artikel von Nihat Genç ist in dieser Hinsicht ein wahres Meisterwerk! Nach der Lektüre sagte ich mir, ich hätte ihn „Meine Waffe, mein Gebetsteppich und mein Staat“ überschrieben.

Levent Göktaş ist ein Offizier, der beim Kommando der Spezialkräfte als Kommandeur des Regiments für Kampfrettung (MAK) diente. Das Besondere an diesem Regiment ist, dass es die elitärste Einheit der türkischen Streitkräfte ist und sein Personal neben sehr harter körperlicher Ausbildung eine fortgeschrittene theoretische und praktische nachrichtendienstliche Ausbildung erhält.

Ein Jahr nach dem Machtantritt der AKP wurde Göktaş als Kommandeur des MAK-Regiments in den Ruhestand versetzt. Wie wir später erfuhren, verließ er die Streitkräfte verbittert. Nachdem er 2009 im Rahmen der Ergenekon-Ermittlungen festgenommen worden war, machten viele Journalisten Sendungen und schrieben Artikel über Levent Göktaş nach dem Muster „Hier ist die Geschichte eines echten türkischen Rambo“ . Nach jüngsten Aussagen von Celal Ülgen, Göktaş’ Anwalt in den Ergenekon-Prozessen, hieß es, diese Sendungen seien in Auftrag gegeben worden, um Levent Göktaş, der damals beschlossen hatte, als Kronzeuge auszusagen, davon abzubringen und ihn anzustacheln. So sagte auch der frühere Geheimdienstchef des Generalstabs İsmail Hakkı Pekin in einem Interview über Göktaş’ Charakter, er lasse sich gern loben und aufstacheln.

Dass ein so gut ausgebildeter Offizier, der als einziger in den türkischen Streitkräften drei Medaillen für außergewöhnlichen Mut und Opferbereitschaft besitzt, nachdem er angeblich bei vielen legalen und illegalen Operationen eingesetzt worden war, ohne Weiteres Kronzeuge werden wollte und diesen Gedanken dann nach Schmeicheleien wie „du bist doch der Adler der Berge, der die PKK in die Knie gezwungen hat“ wieder aufgab, erinnert an den Ausdruck „Papiertiger“.

Wenn wir das Thema Papiertiger etwas ausführen, sehen wir, dass seit Jahren eine einfache, aber sichere Wahrnehmungsoperation angewandt wird, um diese falschen Helden zu erschaffen. Den Auserwählten wird ein Titel verliehen, der in der Gesellschaft Anklang findet: „der Held, der gegen die PKK kämpft“. Dieser Titel ist eine sehr praktische Maske. Ich habe viele Soldaten und Polizisten, von den kleinsten Einheiten bis zu großen Hauptquartieren, gekannt, die diese Maske trugen. Seltsamerweise ist ihre auffälligste Gemeinsamkeit, dass sie den Nationalismus besonders stark betonen. Die Parolen von Vaterland und Nation, mit denen sie in der Kaserne nur so um sich werfen, verwandeln sich vor einem riskanten Einsatz in ein „ärztliches Attest“. Eine weitere Eigenschaft ist, dass sie gern jemandes Mann sind. Sie suchen immer einen Chef. Mal ist das ein Vorgesetzter außerhalb der Befehlskette, mal ein Mafiaboss, der materielle Vorteile verschafft.

Ihre Rhetorik ist von der großspurigsten Sorte. Vom Märtyrertod reden sie ununterbrochen. Doch ihrer Meinung nach sollen nur die Kinder der Armen zu Märtyrern werden. Denn sie denken wie derjenige, der sagte: „Der Militärdienst ist kein Ort zum Faulenzen“. Unser Volk vergisst seine Märtyrer schnell, doch diese hormongemästeten Helden verkaufen, weit davon entfernt, vergessen zu werden, das Erklimmen eines Felsens 20 Jahre lang als Heldentat.

Wer es als „persönlichen Fehler“ darstellt, dass fehlerhafte Soldaten, deren Schwächen mit falschen Geschichten überdeckt werden, ihre Ausbildung für Verbrechen nutzen, handelt offensichtlich in böser Absicht. Schmutzige Beamte einzusetzen, ist eine Notwendigkeit des Systems, das sie errichtet haben. Für die Kräfte hinter den Kulissen, die ihre Fäden in der Hand halten, töten und sabotieren sie. Geraten sie in Schwierigkeiten, eilen ihnen die sogenannten Journalisten des Systems zu Hilfe: Hört her, das ist ein Heldenoffizier! Er drang im Gebiet Ballıkaya am Berg Cudi unter 100 Militante vor … Was für Geschichten! Doch wer über den Helden von Cudi-Ballıkaya schreibt, schreibt nie, wie viele Soldaten bei diesem Vorfall fielen. Warum? Weil Märtyrer den Zauber brechen. Uns wurde jahrelang beigebracht, dass Führungskräfte keine leeren Heldentaten vollbringen sollen, wenn dadurch das Leben eines Soldaten aufs Spiel gesetzt wird, ein Kind seinen Vater und eine Mutter ihr Kind verliert. Der Tod liegt im Wesen des Soldatenberufs, doch die Männer, die als Helden ins Schaufenster gestellt wurden, haben die PKK keineswegs besiegt, sondern Aktionen durchgeführt, die den Terror verstärkt haben. Noch schlimmer ist, dass die Gesellschaft nicht begreift, dass sie über die Leichen von Märtyrern hinweg sichtbar geworden sind.

Zusammengefasst: Diejenigen, die einst eine Figur mit ihrer Pistole in die Schlagzeilen brachten, die dank ihrer hochrangigen nachrichtendienstlichen Ausbildung von einer Rolle in die andere schlüpft, mal mit Gebetsteppich, mal als Waffenhändler im Auftrag seines Chefs, mal als Vertrauter des Vorstandsvorsitzenden der Zeitung Cumhuriyet, haben nun neben die Pistole auch einen Gebetsteppich gelegt. Eine Struktur, die skrupellos genug ist, einen kemalistischen Akademiker mitten in Ankara hinrichten zu lassen, ist zum ersten Mal ertappt worden wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht und hat begonnen, Unsinn zu reden.

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