Wie die Lymphknoten in unserem Immunsystem verfügt auch die Gesellschaft über Abwehrmechanismen, die Probleme stoppen, bevor sie sich ausbreiten. Der dritte Teil der Reihe Kollektives Bewusstsein beschreibt diese „kugelsichere Panzerung“.
Das kollektive Bewusstsein verfügt über Mechanismen, die dem Immunsystem unseres Körpers ähneln. Die Lymphknoten etwa sind ein wichtiger Teil des Abwehrsystems des Körpers gegen Infektionen und Krankheiten. In diesen Knoten befinden sich Zellgruppen, Lymphozyten genannt, die Infektionen eine Barriere entgegensetzen. Lymphozyten bilden Antikörper, die infektionsauslösende Zellen oder Gifte zerstören oder unschädlich machen. Die Lymphknoten sind die Vorposten des Immunsystems. Sie greifen gegen Vorboten von Krankheiten, die an irgendeiner Stelle des Körpers beginnen, vor Ort ein und versuchen, das Problem zu lösen, bevor es sich auf den ganzen Körper ausbreitet. Reichen sie nicht aus, tritt das zentrale Immunsystem in Aktion, und es wird eine Mobilmachung im ganzen Körper beschlossen. Der bettlägerige Kranke spart durch Ruhe die Energie, die er für die täglichen Aktivitäten aufwenden würde, und bildet einen Schwerpunkt an den Stellen, die die Krankheit verursachen.
Da wir nun eine solche Analogie zwischen kollektivem Bewusstsein und Immunsystem gezogen haben, was sollte dann die soziologische Entsprechung der Lymphknoten sein? Der Aufbau von Vorposten und die Fähigkeit, vor Ort einzugreifen, sind von entscheidender Bedeutung. In diesem Sinne können wir zivilgesellschaftliche Organisationen als Einrichtungen betrachten, die diese Funktion erfüllen können. Zivilgesellschaftliche Organisationen sind ja Einrichtungen außerhalb der offiziellen Institutionen, die unabhängig von ihnen arbeiten und im Sinne ihrer politischen, sozialen, kulturellen, rechtlichen und ökologischen Ziele durch Überzeugung und Aktionen wirken.
Zivilgesellschaftliche Organisationen sind gleichsam das Gewebe des kollektiven Bewusstseins. Sie sind die ersten Plattformen, auf denen Einzelne, die Zellen der Gesellschaft, kollektives Denken erfahren. Auf diesem Weg legen die Menschen das auf persönlichen Vorteil ausgerichtete Denken nach und nach ab und lernen, sich gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft auf dasselbe Ziel zu konzentrieren. Über gemeinsame Werte wird Einigkeit erzielt, die nötige Arbeitsteilung vorgenommen, und man beginnt, dem festgelegten Fahrplan entsprechende Schritte zu gehen. Organisierte Arbeit und koordiniertes Handeln führen dazu, dass mehr erreicht wird als die Summe dessen, was die Mitglieder allein erreichen würden.
Zivilgesellschaftliche Organisationen erfüllen erfolgreich die Aufgabe der „Früherkennung und Warnung“, eine der drei Säulen des kollektiven Bewusstseins. Kommt etwa eine gesetzliche Regelung auf die Tagesordnung, die Frauenrechte bedrohen könnte, werden die betreffenden Organisationen aktiv und beginnen mit verschiedenen Aktivitäten Bewusstsein zu schaffen. Um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf das Thema zu lenken, veranstalten sie friedliche Demonstrationen und fordern, den Fehler rückgängig zu machen, bevor es zu spät ist. Deshalb sind sie wegen „der Störung, die sie verursachen(!)“ auch nicht sehr beliebt. Weil sie die Hände aufhalten, die nach dem Körper greifen, um ihn zu betäuben, können sie ins Visier der Mächtigen geraten. Wenn man an einer Gesellschaft im Tiefschlaf bequem operieren kann, ist eine soziologische Struktur, die durch den Schmerz über das Geschehene mobilisiert wird und vom Operationstisch aufzustehen versucht, das Letzte, was man sich wünscht. Tugendhafte Menschen, die sich zivilgesellschaftlichen Bewegungen verschrieben haben und gesellschaftliche Interessen über ihre persönlichen stellen, sollten nie vergessen, dass oligarchische Banden im Gewand des Staates oder verschiedene Machtzentren mitunter versuchen könnten, sie mit unvorstellbaren Methoden und Intrigen einzuschüchtern, zu diskreditieren und mundtot zu machen.
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Eine weitere Säule des kollektiven Bewusstseins ist die Pressefreiheit. In vielen Verfassungen, internationalen Erklärungen und Konventionen wird sie zusammen mit der Meinungsfreiheit behandelt. In Artikel 12 der Virginia Bill of Rights von 1776 wurde die Pressefreiheit zu einem der stärksten Bollwerke der Freiheit erklärt. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 wurde mit Bestimmungen über die Veröffentlichung von Gedanken neben der Gedankenfreiheit zu einem der ersten Dokumente, die auf die Pressefreiheit verweisen.
Die erste dauerhafte Regelung zur Pressefreiheit erfolgte 1791 mit der Aufnahme des ersten Zusatzartikels in die amerikanische Verfassung, der lautet: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, … das die Rede- oder Pressefreiheit einschränkt“. Unter dem Gesichtspunkt der Verfassungsgebung sind die Vereinigten Staaten der erste Staat, der die Pressefreiheit zusammen mit der Rede- und Meinungsfreiheit verfassungsrechtlich garantierte.
Gedanken- und Pressefreiheit wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in Paris verkündete, unmissverständlich festgeschrieben.
Ein Medienverständnis mit Nachrichtenvielfalt, in dem jede Meinung frei vertreten werden kann und dessen Grundsatz nicht Provokation und Propaganda, sondern allein wahrheitsgemäße Berichterstattung ist, gehört zu den größten Sicherungen der Demokratie. Pressefreiheit sorgt nicht nur dafür, dass Nachrichten die Massen korrekt erreichen. Sie erfüllt zugleich eine Aufgabe der ständigen Weiterbildung zusätzlich zur formalen Bildung, die die Menschen erhalten. Beim Aufbau und Erhalt der gemeinsamen Werte in der Datenbank des kollektiven Bewusstseins wirkt sie wie eine Lokomotive. Bekanntlich wirkt die Propagandamaschine wie zerstörerische, unwiderstehliche Massenvernichtungswaffen, die wahllos auf Menschen abgeworfen werden.
Deshalb ist es auch eine entscheidende Aufgabe, das kollektive Bewusstsein vor Desinformation und Wahrnehmungssteuerung zu schützen. Denn wo die Pressefreiheit nicht gewährleistet ist, schaffen die mächtigsten Zentren ein Medienmonopol und schalten eine Presse mit nur einer Stimme ein. In einer Atmosphäre, in der Dutzende Zeitungen dieselbe Schlagzeile auf dieselbe Weise bringen und man beim Umschalten das Gefühl hat, immer denselben Sender zu sehen, zeigen sich in den Gedankenwelten allmählich kollektive Zerstörungen.
Man darf nicht vergessen, dass kollektives Bewusstsein unbedingt kollektive Verteidigung erfordert.
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Ohne Verhaltensänderung keine Bildung
Kommen wir zur grundlegenden Sauerstoffquelle des kollektiven Bewusstseins. Wir alle hören oft den Satz „In den Schulen hat das Bildungs- und Unterrichtsjahr begonnen“. Achten wir darauf, dass von zwei verschiedenen Dingen die Rede ist. Das eine ist Bildung, das andere Unterricht. Richtiger wäre der Satz eigentlich so: „Das Unterrichtsjahr hat teilweise begonnen, das Bildungsjahr bleibt auf unbestimmte Zeit geschlossen.“ Leider zeigt die Wirklichkeit, dass dieser Satz recht hat.
Bildung ist der Prozess, im Verhalten eines Menschen durch seine eigene Erfahrung bewusst eine gewünschte Verhaltensänderung herbeizuführen. Kurz gesagt ist Bildung der Prozess der Enkulturation des Einzelnen. Bildung beginnt mit der Geburt und setzt sich ein Leben lang in der Wechselwirkung von Familie, Schule und Umfeld fort. Sie bereitet den Menschen einerseits auf das Leben vor und sorgt andererseits für seine Entwicklung. Am Ende der Bildung sollte eine bestimmte Verhaltensänderung stehen, und diese sollte in die gewünschte Richtung gehen und dem Zweck entsprechen.
Unterricht ist der in Schulen geplant und programmatisch durchgeführte Teil der Bildung. Er bezeichnet das Erlernen eines festgelegten Lehrplans und danach den Erwerb von Fachkompetenz. Wie richtig ist es da, den ganzen gewaltigen Bildungs- und Unterrichtsprozess auf Füll-und-leer-Sitzungen zu reduzieren, in denen Schüler das vor der Prüfung Auswendiggelernte nach der Prüfung wieder vergessen?
Mit drei auswendig gelernten Formeln und fünf Absätzen „Qualitätsbildung“ zu preisen, ist mit einem Wort lächerlich. Bildung bietet einzigartige Gelegenheiten, das kollektive Bewusstsein Stich für Stich in die Köpfe einzusticken. Alles, was im Namen des Unterrichts getan wird, fällt zugleich in den Bereich der Bildung. Hier werden gemeinsame Nenner geschaffen und erweitert.
Ein Ort, an dem Drogen umgehen, Streit und Lärm nie aufhören und Lehrer nicht ernst genommen werden, kann mit Bildung nichts zu tun haben. So wie feststeht, welche Mindestnoten ein Schüler in den Fächern erreichen muss, muss klar festgelegt werden, welche Verhaltensweisen und Werte er bis zum Abschluss erwerben soll. Ohne Verhaltensänderung keine Bildung. Menschen, die sich nicht in die Gesellschaft integrieren können und keine Fähigkeit zeigen, im Rahmen gemeinsamer Ideale ihren Teil zu leisten, bringen der Gesellschaft keinen Nutzen, selbst wenn sie das Wissen für Nobelpreise hätten.
(Fortsetzung folgt)
Erster Teil: Kollektives Bewusstsein (1) Unser gesellschaftlicher Antikörper
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