Die Haltung „Die Schlange, die mich nicht beißt, soll tausend Jahre leben“ bereitet den Boden für die Aushöhlung von Werten wie Demokratie und Gerechtigkeit. Der zweite Teil der Reihe Kollektives Bewusstsein behandelt moralische Werte.
Betrachtet man den historischen Ausgangspunkt des Begriffs „kollektives Bewusstsein“, sieht man, dass er im soziologischen Sinne eine wichtige Lücke füllt. Bedenken wir an dieser Stelle die folgenden Fragen:
Was bedeuten Begriffe wie Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit, faire Justiz und Respekt? Welche politischen Entwicklungen und administrativen Regelungen bereiten den Boden für den Verfall dieser Werte? Die Antworten auf solche Fragen müssen im kollektiven Gedächtnis klar und deutlich ihren Platz finden, und die egoistische Gefühle nährende Haltung „Die Schlange, die mich nicht beißt, soll tausend Jahre leben“ muss mit der Wurzel ausgerissen werden. Denn sehr oft heißt alles zu wissen nicht, alles richtig zu machen.
Menschen, die die Verwirklichung ihrer persönlichen Interessen zur obersten Priorität gemacht haben, können, um ihre Komfortzone nicht zu verlassen und ihre Errungenschaften nicht zu gefährden, zusehen, wie das Recht wie ein Fußabtreter mit Füßen getreten wird; sie können es mit Beifall quittieren, wenn bestimmte Interessengruppen die Werte, die die Gesellschaft zusammenhalten, als Hemmschuh betrachten.
Offenbar gehört zu den wichtigsten Dingen, die das „Wissen“ begleiten müssen, die Moral. Wir sprechen hier nicht nur von einem religiösen Phänomen. Gemeint ist ein Moralverständnis, das den Handlungsweisen egozentrischer, hedonistischer Menschen Einhalt gebieten kann, die keine Grenzen kennen und mit der Parole „Jeder Weg zum Ziel ist erlaubt“ die gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf stellen könnten.
Die Moral ist im Laufe der Geschichte ein Thema gewesen, mit dem sich verschiedene Religionen, Kulturen, Gesellschaften und philosophische Strömungen befasst haben. Was auch immer ihre Quelle sei, gemeinsam ist allen die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Handlungen und die Regelungen, die vorgesehen sind, damit das soziale Leben störungsfrei weitergehen kann. Natürlich wurde „Moral“ in verschiedenen Epochen und Gesellschaften unterschiedlich aufgefasst. Dennoch lässt sich weitgehende Übereinstimmung über Richtig und Falsch erkennen. Zahlreiche Handlungen wie Diebstahl, Mord, Lügen und Korruption im öffentlichen Dienst gelten als falsch und unmoralisch.
Hinter den nationalen Werten, die die Nation fest zusammenschweißen und den Willen zum Zusammenleben stärken, stehen zweifellos auch bestimmte moralische Werte. Opferbereitschaft umfasst die uneigennützigen und nützlichen Handlungen, die ein Mensch für andere vollbringt, ohne etwas zu erwarten. Auch das Beiseitelassen eigener Interessen und Bequemlichkeit, um sich für die Interessen der Gesellschaft oder des Landes einzusetzen, gehört dazu. Opferbereitschaft ist eine der grundlegenden Dynamiken des Moralverständnisses. Hervorgehoben werden soll hier Folgendes: Wie auch immer unsere Glaubensentscheidungen aussehen, es ist nicht vernünftig, moralische Werte nur mit der Religion in Verbindung zu bringen oder aus Distanz zur Religion auch zur Moral auf Distanz zu gehen.
Wenn wir unter Berücksichtigung unserer historischen und kulturellen Werte dieses Erbe mit universellen menschlichen Werten verbinden, können wir weitgehend einen funktionalen moralischen Rahmen gewinnen. Deshalb scheint es nicht möglich, denen zuzustimmen, die den Begriff der Moral in vage Definitionen drängen oder die Unterscheidung „nach dir, nach mir“ treffen. Der Wunsch, die Antriebskraft eines so wichtigen Hebels für die gesellschaftliche Solidarität zu nutzen, darf nicht ideologischen und religiösen Unterschieden geopfert werden.
(Fortsetzung folgt)
Erster Teil: Kollektives Bewusstsein (1) Unser gesellschaftlicher Antikörper
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