Jahre nach der Kubakrise sagte Castro, er hätte den Einsatz der Raketen erlaubt, selbst um den Preis, dass sein Land von der Landkarte getilgt würde. Der Autor erörtert am Beispiel des Ukraine-Kriegs, dass sich Führer im Atomzeitalter nicht immer rational verhalten.
Bild: Cecil Stoughton, White House / Wikimedia Commons, gemeinfrei
Die Kubakrise kennt fast jeder, der sich für Zeitgeschichte interessiert. Kurz gesagt ist es die Krise, die mit der Stationierung atomar bestückter Raketen durch die USA in der Türkei und Italien und durch die UdSSR auf Kuba begann, im Oktober 1962 die beiden damaligen Supermächte gegeneinander aufbrachte und die Welt unter die Drohung eines Atomkriegs stellte.
Jahre später kommen die führenden Persönlichkeiten jener Zeit bei einer Gelegenheit zusammen, und der frühere US-Verteidigungsminister Robert McNamara fragt Fidel Castro:
„Hätten Sie den Russen erlaubt, die Raketen in Ihrem Land gegen die USA einzusetzen, hätten die USA zurückgeschlagen und Kuba wahrscheinlich von der Landkarte getilgt, das wussten Sie. Hätten Sie den Russen trotzdem erlaubt, diese Raketen einzusetzen?“
„Ja“, sagt Castro, „ich hätte es erlaubt.“
McNamara sagt, diese Antwort habe ihn sehr überrascht, ja schockiert, und Logik funktioniere offenbar nicht immer. Die Produktionen „Clouds over Cuba“ und „The Fog of War“ über jene Zeit sind für Interessierte die Zeit wert.

Menschen, die in Bereichen wie Diplomatie, internationale Beziehungen und Verhandlungstechniken gearbeitet haben, kennen dieses Thema. Warum Menschen, von bestimmten Gefühlen überwältigt, mit irrationalen Entscheidungen sich selbst und ihrer Umgebung schaden, beschäftigt auch Psychologie und Soziologie.
Kürzlich tauchte im Internet in ähnlicher Weise ein Interview wieder auf, das Putin 2018 gegeben hatte. Es ging um den Einsatz von Atomwaffen. Putin erklärte darin, er könne notfalls Atomwaffen einsetzen, und zu den möglichen Folgen, es brauche keine Welt ohne Russland.
Natürlich kann diese mafiöse Haltung und der auf roher Gewalt beruhende Überlegenheitsanspruch, wie bei pubertierenden Jungen, die ihre Kräfte messen, in manchen Ländern noch Anklang finden. In der westlichen Zivilisation oder der modernen Welt bedeuten übersteigerter Nationalismus, Großtuerei, geschlechtsbezogene Überlegenheit, rohe Gewalt und Drohungen jedoch nicht viel, sondern werden im Gegenteil negativ wahrgenommen. Deshalb versuchen entwickelte Länder, jede unerwartete Entwicklung und ihre möglichen Folgen im Voraus zu bewerten, mit realistischen und rationalen Szenarien zu analysieren und Handlungsoptionen für mögliche Entwicklungen festzulegen.
Wie sehr sich Atomwaffen von konventionellen Waffen unterscheiden, ihre zerstörerische Wirkung und die jahrelang andauernden furchtbaren Schäden sind allgemein bekannt. In Analysen aus der Zeit des Kalten Krieges verschaffte sich, wer Atomwaffen zuerst einsetzte, also den ersten Schlag führte, einen großen Vorteil gegenüber dem Gegner. Heute wissen wir jedoch nicht genau, welchen Stand die Waffentechnologie entwickelter Staaten erreicht hat. Und sich die Zeit nach einem möglichen Atomkrieg vorzustellen, übersteigt unsere Vorstellungskraft.
In diesem Zusammenhang lief kürzlich als Eilmeldung über die Agenturen, Putin habe seinen atomwaffenfähigen Einheiten erhöhte Bereitschaft befohlen. Wenn Putin diesen Befehl gab, wollte er damit seine Entschlossenheit zeigen und seine Gegner einschüchtern, oder hatte er seinen letzten Trumpf so früh ausgespielt, weil die Dinge nicht nach Wunsch liefen? Das können wir derzeit nicht wissen.

Diese Lage, die natürlich von vielen, allen voran UNO und NATO, scharf kritisiert wird, signalisiert eigentlich auch viele künftige Veränderungen. So wie sich nach den Anschlägen vom 11. September viele Paradigmen der internationalen Beziehungen veränderten und viele Theorien ihre Gültigkeit verloren, birgt offen gesagt auch Putins Operation in der Ukraine samt nuklearer Drohung das Potenzial, in naher Zukunft viele Entwicklungen auszulösen. Wie bemerkenswert, dass die Ukraine nach dem Zerfall der UdSSR die Atomwaffen auf ihrem Gebiet feierlich an Russland übergab.
In diesem Zusammenhang könnte der von vielen Ländern zum Schutz der Welt vor einer atomaren Katastrophe ausgearbeitete und von fast allen Staaten unterzeichnete „Atomwaffensperrvertrag“ (Non-Proliferation Treaty) vor allem von vielen entwickelten Staaten neu bewertet werden. Bekanntlich haben nach diesem Vertrag nur fünf große Staaten (USA, Großbritannien, Russland, China und Frankreich) das Recht, Atomwaffen zu besitzen. Dieses Recht ist also auf Länder beschränkt, die vor dem 1. Januar 1967 eine Atombombe gebaut hatten.
In den internationalen Beziehungen unterzeichnen Staaten Verträge jedoch freiwillig. Abgesehen von Ausnahmefällen bindet ein Vertrag den nicht, der ihn nicht unterzeichnet hat. So haben Israel, Pakistan und Indien diesen Vertrag nicht unterzeichnet und setzen ihre Strategien zum Besitz von Atomwaffen nach eigener Sicherheitswahrnehmung fort. Nordkorea unterzeichnete ihn, trat aber später aus. Iran hat den Vertrag zwar unterzeichnet, hatte aber Probleme mit den Kontrollen der Internationalen Atomenergiebehörde aus den Zusatzprotokollen und wurde dafür kritisiert, in dieser Frage nicht transparent zu sein und Atomwaffen herstellen zu wollen.
Dieser Vertrag erlegt auch den Atomwaffenstaaten bestimmte Pflichten auf, etwa andere nicht zu bedrohen, bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten oder diese Waffen nicht zu verkaufen. Was aber, wenn nach Putins Drohung auch andere Länder den Weg zur Atomwaffe wählen? Wenn auch andere diktatorische Regime in das atomare Wettrüsten einsteigen und daraus etwas für sich herausholen wollen? Kurz: Könnte diese Lage einen Dominoeffekt auslösen? In der heutigen Welt verfügen schätzungsweise dreizehn Länder über Anreicherungs- oder Wiederaufarbeitungsanlagen, die nötig sind, um geeignetes Material für Atomwaffen herzustellen. Wenn sie es wollten und Mittel bereitstellten, würde es also auch bei diesen Ländern nicht lange dauern, bis sie Atomwaffen besitzen.
Andererseits heißt es in den geltenden Militärdoktrinen, das entscheidende Ergebnis werde durch die abschließende Bodenoperation erzielt. Die Folgen einer möglichen groß angelegten Bodenoperation vorherzusagen, ist jedoch sehr schwierig.
Viele Parameter sind derzeit ungewiss:
- Wie stark werden das Ausmaß der zivilen Opfer, der Einfluss der Weltöffentlichkeit und der innenpolitische Druck in Russland wirken?
- Werden die USA, Großbritannien und die EU den Prozess verlangsamen und einen Machtverlust Putins vorziehen?
- Wird China Russland im Hintergrund unterstützen?
- Werden die USA, die vom Projekt einer EU-Armee gar nicht begeistert sind, es vorziehen, stets gebraucht zu werden, um ihren Einfluss in der Region zu steigern?
- Ist Großbritannien für eine starke oder eine schwache EU?
- Wie sieht die neue Energiestrategie der EU künftig aus?
- Werden andere Diktatoren Putins möglichen Abgang als Anfang ihres eigenen Endes sehen?
- Wie hohe Verluste kann die Ukraine der russischen Armee mit der geleisteten Waffenhilfe zufügen?
- Wird Putin noch rücksichtsloser angreifen, wenn es für Russland schlecht läuft?
Offen gesagt kennen wir die Antworten auf all diese Fragen nicht, wir können nur Vermutungen anstellen. Jede Information, die uns erreicht, müssen wir mit Skepsis betrachten. Wie sehr sich jene, die im Fernsehen Kommentare über ihre Kompetenz hinaus abgeben, irrten und lächerlich machten, haben wir seit den Zeiten Saddams und Gaddafis hautnah erlebt. Doch offenbar will die westliche Welt mit Sanktionen, die so hart sind, dass sie auch das russische Volk treffen, sowohl Russlands Macht auf internationaler Bühne brechen als auch den innenpolitischen Druck auf Putin erhöhen. Das scheint derzeit zu gelingen.
Wie Russland seine Verluste dem eigenen Volk erklären wird, ist offen. Kurz: Welche logische Erklärung man den Familien der jungen Soldaten geben wird, die beim Einmarsch in ein anderes Land starben, wissen wir nicht. Es scheint aber möglich, dass sich Russlands militärischer Sieg wegen der wirtschaftlichen und politischen Verluste in einen „Pyrrhussieg“[i] verwandelt. Abschließend sei Folgendes gesagt: Jeder versucht, aus den Optionen, die sich ihm bieten, die für ihn nützlichste, also die logischste zu wählen. Und am Ende erwartet er ein positives Ergebnis. Leider funktioniert das menschliche Leben nicht so einfach, und logische Entscheidungen bringen nicht immer positive Ergebnisse. Doch der Mensch hat keine andere Wahl, als logische Entscheidungen zu treffen. Ein vernünftiger Mensch fügt sich nicht wissentlich und willentlich Schaden zu. Daneben ist es eine eigene Frage, dass es Menschen gibt, die irrationale Entscheidungen treffen und damit sich und anderen schaden. Und wenn diese Menschen über das Schicksal von Ländern mitbestimmen, werden die Probleme unweigerlich groß.
[i] Pyrrhussieg: ein Sieg, der angesichts der dafür erlittenen Verluste bedeutungslos wird.
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