Angst schlägt dem Einzelnen eine Wunde ins Herz und erzeugt in der Gesellschaft Eingeschüchtertheit. Der Autor fragt, wie die Kultur der Angst banal geworden ist und welchen Schaden sie im Einzelnen anrichtet.
In letzter Zeit hat eine Debatte über den Begriff der Angst eine Eigendynamik entwickelt.
Meist können wir unsere Ängste nicht über unsere individuellen Sorgen hinaustragen. Es ist unrealistisch zu erwarten, dass jeder eine Denkpraxis zu den nicht aufzuhaltenden gesellschaftlichen Problemen hat, und das Thema an den Grenzen von Psychologie oder Philosophie zu erörtern, ist nicht jedermanns Sache. Doch die Wunde, die die Angst den Menschen ins Herz schlägt, die Verwüstung, die sie in den Köpfen anrichtet, und die Eingeschüchtertheit, die sie in der Gesellschaft hervorbringt, sollte jeder, der eine Feder führt, auf die Tagesordnung setzen. Denn dieses Thema verdient es, viel besprochen zu werden.
Der größte Schaden, den die Kultur der Angst im Einzelnen anrichtet, ist, dass sie verhindert oder verzögert, dass der Wunsch nach Freiheit konkrete Gestalt annimmt. Hier ist der Ansatz des norwegischen Philosophen Lars Svendsen zum Verhältnis von Angst und Freiheit sehr aufschlussreich: „Ein Staat, der sich durch Angst legitimiert und so den Gehorsam seiner Bürger sichert, schafft im Grunde keine Demokratie, denn die Strategie der Angst gräbt der Freiheit, dem Kern der Demokratie, das Grab.“ (Philosophie der Angst; zitiert nach der türkischen Ausgabe Korkunun Felsefesi, S. 163, Redingot, 3. Aufl.)
Die Gesellschaft lebt am Rand eines Abgrunds. Die Regierenden sind darauf versessen, diesen Zustand, der die seelische und geistige Gesundheit und die soziale Sicherheit bedroht, als politisches Instrument zu nutzen. Dass die Angst von einer mit diesem Zustand zufriedenen herrschenden Klasse und von den Massen, die ihm zustimmen, bloß als abstraktes, inneres Gefühl bewahrt wird, ist eine ziemlich luxuriöse Reaktion. Mehr noch, es ist Reaktionslosigkeit.
Ich werde hier keine Theorien der „reaktionslosen Gesellschaft“ aufzählen. Ich möchte sagen, dass Reaktionslosigkeit nicht aus Furchtlosigkeit entsteht, sondern ganz im Gegenteil eine unmittelbare Folge der Angst ist. In einer Atmosphäre der Angst, die ein starres, rechtsverachtendes und egozentrisches Regierungsverständnis hervorbringt, rührt die Reaktionslosigkeit derer, die weder direkt noch indirekt reagieren, großenteils aus Angst. Für die Teile der Bevölkerung, die nicht wissen, was vor sich geht, gibt es ohnehin kein Problem. Und für jene, die nach einer an den vollen Magen gekoppelten Glücksformel leben, verdient keine Haltung der Regierenden Kritik. Bis sie fürchten müssen, in wirtschaftliche Not zu geraten.
Ängste und Sorgen
In welchem Verhältnis stehen also unsere Sorgen zu unseren Ängsten?
Während unsere Sorgen uns eine Motivation geben, die uns zuweilen anleitet, unser Denken und Handeln zu ordnen, lassen uns unsere Ängste unsere Gefühle in Extremen erleben. Während unsere Sorgen uns lehren, mit Stress zu leben oder ihn zu überwinden, erzeugen unsere Ängste Motivationen in unterschiedlichen Frequenzen, zwischen einem Kampf auf Leben und Tod und der Hinnahme der Niederlage. Daraus folgt nicht, dass Sorgen gut und Ängste schlecht sind. Denn der Mensch weiß mehr oder weniger, was ihm wegen dessen, was er fürchtet, widerfahren wird, die Sorge aber ist nicht so. Deshalb ist die Sorge, wenn sie chronisch geworden ist, ein Krankheitszeichen und bedarf ärztlicher Behandlung.
Während es uns ausgeglichener macht, unsere Sorgen unter Kontrolle zu bringen, stürzt es uns in einen pathologischen Stressprozess, wenn wir sie nicht kontrollieren können. Während es uns mutig macht, unsere Ängste unter Kontrolle zu bringen, zwingt es uns, wenn wir es nicht vermögen, uns dem Unterdrücker zu beugen, den Mächtigen anzubeten, angesichts von Unrecht zu schweigen oder uns in alle Winkel zu verkriechen.
Eigentlich verbergen sich im Auf und Ab unserer Sorgen und Ängste viele Belege unseres Menschseins. Durch sie können wir in uns eine Kraft finden, die die Wege des Guten, des Wahren und schließlich des Tugendhaften ausgetreten macht. Kurzum, wir können unsere Sorgen mit unserem Willen und unsere Ängste mit unserem Mut in positive Richtungen lenken.
Die Sehnsucht nach einer „angstfreien Gesellschaft“ möge vorerst als Utopie unter unseren Optionen verborgen bleiben. Mit angstfrei meine ich eine Gesellschaft, die sich von den Mächtigen nicht einschüchtern lässt, und Massen, die aus ihren individuellen Sorgen keine individuellen oder gesellschaftlichen Ängste ableiten.
Wenn wir zu Menschen werden können, die angesichts des Verfalls oder Verlusts ethischer Werte eine maßvolle Sorge empfinden und jenseits der Sorge innerhalb der Spirale der Angst nach Auswegen suchen, dann, so vermute ich, finden wir auch einen wirksamen Weg, gegen Angriffe auf unseren Freiheitsraum und unsere Entscheidungen Mut zu fassen.
Wovor fürchtet sich der Mensch?
Die Ursachen der Angst zu erforschen, ist Aufgabe der Wissenschaftler. Richtig. Doch um ihre Folgen festzustellen, genügt ein wenig Beobachtungsgabe. Wir alle können zumindest einige Sätze über die „berechtigten“ Gründe unserer Ängste aneinanderreihen. Wir fürchten uns vor Bienen, Fliegen, Schlangen, Skorpionen, vor der Höhe oder vor dem Aufzug. Wir haben viele individuelle Ängste, jede im Kern harmlos. Die heutige verbreitete Angstwelle nährt sich aus der Corona-Pandemie und dem Terror. Doch die Quellen unserer Ängste erschöpfen sich nicht darin.
Sich vor der Bosheit „des Anderen“ nicht sicher fühlen zu können, ist eine ernste Quelle der Angst.
Es gibt auch Ängste, die uns in den Labyrinthen unserer Persönlichkeit von einer Sackgasse in die nächste treiben. Etwa die Angst, missverstanden zu werden. Ein Gemütszustand, der unsere Neigung, Gutes zu tun, oder unseren Eifer, ein freundliches Wort zu sagen, verkümmern lässt.
Die Angst vor dem Tod. Die edelste, älteste, stärkste und nie veraltende aller Ängste. Was ist die Quelle der Todesangst? Die Vorstellung der Qual des Todesaugenblicks oder die Widersprüche, die der Mensch zwischen seinen Überzeugungen, Gedanken und Erwartungen darüber erlebt, was ihn nach dem Tod erwartet?
Die Schnittmenge unserer Ängste zieht uns in eine Spirale, und so treten unsere gesellschaftlichen Ängste zutage. Jede Nation, jede gesellschaftliche Schicht und jeder Einzelne hat eigene Ängste. Wenn diese Ängste unseren Alltag und unsere politischen Entscheidungen bestimmen, wäre es nicht mehr aufrichtig zu sagen, wir seien unabhängige Menschen.
Andererseits sind es in Wahrheit nicht diese Phänomene, die dem Menschen schaden, sondern der Zustand der Eingeschüchtertheit, den die Angst nährt.
In diesem Zustand der Eingeschüchtertheit, in dem auch die Angst wie das Böse banal geworden ist, sollte jeder, der seine körperliche und seelische Gesundheit bewahren kann, nicht vergessen, dass er sehr wichtige Aufgaben übernehmen muss, um die in der Gesellschaft entstandene Atmosphäre der Angst zu überwinden. Welche Aufgaben das sind, ist Thema eines anderen Textes.
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