StartAus dem LebenWovor sollte der Mensch Angst haben?

Wovor sollte der Mensch Angst haben?

Wir fürchten Herrscher mit diktatorischem Geist, doch wir fürchten nicht, dem nicht gerecht zu werden, was das Menschsein verlangt. Der Autor fragt nach der Quelle der Angst und nach dem rücksichtslosen Gebrauch der Macht.

Fürchten wir uns ebenso sehr davor, dem nicht gerecht zu werden, was das Menschsein verlangt, wie wir uns vor Menschen fürchten, etwa vor Herrschern mit diktatorischem Geist? Nein!

Und lässt diese Furchtlosigkeit unser Gewissen erschauern? Nein!

Wovor fürchtet sich der Mensch also wirklich?

Der Mensch fürchtet den Mächtigen, mehr noch, den, der Macht rücksichtslos gebraucht. Er fürchtet, dass die rücksichtslos gebrauchte Macht sich eines Tages gegen ihn wendet und ihm schadet. Unsere gesellschaftlichen Wahrnehmungen sind so sehr dekonstruiert worden, dass wir, wenn wir von „Macht“ sprechen, inzwischen sehr oft dazu neigen, das „Böse“ zu beschreiben oder darauf anzuspielen.

Die Möglichkeit, dass Macht rücksichtslos gebraucht wird, ist einer der wichtigsten Faktoren, die unsere Ängste nähren. Um uns davor zu schützen, versuchen wir entweder, uns von ihr fernzuhalten, oder wir beugen uns ihr. Nur damit der Schaden uns nicht trifft.

Terroranschläge, Horrorfilme

Ich möchte anhand zweier Beispiele für den rücksichtslosen oder unkontrollierten Gebrauch von Macht fortfahren: Terroranschläge und Horrorfilme.

In unseren Köpfen haben Terroranschläge ihren Charakter als Tragödie längst verloren. Jeder Anschlag ist zu einem Teil der allgemeinen Statistik geworden.

Zugleich sind die fantastischen Gewaltszenen, die wir aus Horrorfilmen kennen, bis in unseren Alltag vorgedrungen. Ihre Wiederholung erzeugt in uns allmählich Gewöhnung und Überdruss. Damit eine neue Gewalt- oder Schreckensszene in unseren Augen noch etwas gilt, erwarten wir inzwischen, dass sie etwas Originelles hat. Gewaltbilder, die nur frühere wiederholen, also nicht originell sind, interessieren uns kaum. In gewissem Sinne reproduzieren wir das alte Wort „Entweder der Thron oder Aas für den Raben“ immer wieder in der heutigen Sprache der Gewalt und erfüllen pflichtbewusst die Anforderungen einer Gewaltgesellschaft. Der Punkt, an den dieser Verlauf die Gesellschaft treibt, ist naturgemäß eine Atmosphäre der Angst.

Horrorfilme unterhalten uns nicht mehr. Von der Gesellschaft, die Horrorfilme zum Vergnügen sah, ist nichts übrig. Heute begegnen uns im wirklichen Leben Gewaltvorführungen und Todesszenen, schrecklicher als Horrorfilme, so wirklich, wie wir es uns nicht wünschen, in der Schule, am Arbeitsplatz, auf dem Markt, in den sozialen Medien, kurzum überall. Als wäre das nicht genug, scheuen sich diejenigen, die die Gesellschaft in eine Spirale der Angst treiben, nicht, daraus Vergnügen zu ziehen.

Von den Szenen aus Angstritualen in unserer Vorstellungswelt ist nur die Gefühllosigkeit unseres Gewissens geblieben, das angesichts gewohnter Gräuel kein Erschauern mehr kennt. Das Sprichwort „Angst schiebt den Tod nicht auf“ denken wir nicht mehr im Zusammenhang mit dem Sterben. Als ermutigender Motivationssatz mag es noch Wert haben, doch in einer Gesellschaft der Angst ist es kaum möglich, dafür eine konkrete Entsprechung zu finden. Zumindest in der Zeit, die wir gerade durchleben, ist es so.

Liebe und Angst

Angst und Liebe sind je eine wichtige Quelle des „Gehorsams“. Diktatoren verstehen es sehr gut, beide einzusetzen. Doch die Menschen, in denen sie Liebe zu sich wecken können, in ihre Reihen zu holen und deren Gehorsam zu festigen, genügt nicht, um sie glücklich zu machen. „Mehr, mehr“, sagen sie. Sie wollen auch „die Anderen“ in ihre Reihen holen. Wo die erwartete Liebe fehlt, setzen sie die Angst als Mittel des Gehorsams ein. So wollen sie auch diejenigen, die sie nicht lieben, durch „Einschüchterung“ auf ihre Seite ziehen.

Kann Angst also als Methode der Überzeugung und Einstellungsänderung eingesetzt werden? Bewirken Ängste eine Einstellungsänderung beim Menschen? Wenn wir bedenken, dass manche politische Machtzentren ohne Zögern zur Einschüchterung greifen, um bei ihrem Gegenüber eine politische Einstellungsänderung herbeizuführen, können wir diese Fragen ohne Weiteres mit „Ja“ beantworten. Und zwar so:

Gehorsam gegenüber dem Gefürchteten

Soziologisch gesehen ist Angst eine Art Abwehrreflex und führt oft zu einem psychologischen Ausdruck wie dem Gehorsam gegenüber dem Gefürchteten. Für jeden Einzelnen, der über keinen physischen oder geistigen Mechanismus des Widerstands verfügt, ist der Ort, an den der Angsttrieb ihn trägt, mehr oder weniger derselbe: Gehorsam gegenüber dem Gefürchteten. Ich vermute, dass man diesen Zustand auch als „Gefühlsstörung“ betrachten kann. Diesen Gefühlszustand haben in allen Gesellschaften, von der Vergangenheit bis heute, zur Diktatur neigende Machthaber genutzt, um politische Macht zu ergreifen oder nicht zu verlieren.

Heute werden Politiken, die eine Atmosphäre der Angst schaffen, weniger zur Machtergreifung als zum Machterhalt weithin eingesetzt. Dieser Ansatz, der vor allem in Gesellschaften wirkt, die keine demokratische Reife erlangt haben, bereitet zugleich den Boden für eine Ordnung, die aus der Angst entsteht. Eigentlich ähneln sich die Parolen stets. Etwa so: „Gebt uns 400 Abgeordnete, und die Sache wird in Frieden gelöst.“

An dieser Stelle können wir ohne Weiteres sagen, dass Diktatoren Händler der Angst sind. Wenn wir ihre „Ware Angst“ kaufen, sind wir gezwungen, all ihren schmutzigen Politiken zuzustimmen, all ihre rechtswidrigen Handlungen abzusegnen und all ihre Heuchelei zu übersehen. Deshalb müssen wir die Möglichkeiten vermehren, uns vor den Angstparadigmen der Diktatoren zu schützen und uns ihnen niemals zu beugen.

Wovor sollte man Angst haben?

Wovor also sollte der Mensch Angst haben?

Der Mensch sollte vor allem fürchten, dem nicht gerecht zu werden, was das Menschsein verlangt. Denn diese Angst lehrt uns die Weisheit, der Spur eines furchtlosen und tugendhaften Lebens zu folgen.

Der Mensch sollte fürchten, die von seinen Vorfahren übernommene Welt nicht lebenswerter an seine Enkel weitergeben zu können. Sonst macht er sich des Verrats an einem anvertrauten Gut schuldig.

Der Mensch sollte fürchten, sich an das Leben unter einer Herrschaft der Unterdrückung zu gewöhnen. Denn diese Gewöhnung führt zuerst zur Gleichgültigkeit, dann zum „Was geht’s mich an“ und schließlich dazu, als Soldat der Unterdrückerschar Menschen zu quälen.

Der Mensch sollte fürchten, den Geschmack der Freiheit nicht zu kennen und den eingeschränkten Raum der Freiheit für die ganze Welt zu halten. Denn jede verlorene Festung der Freiheit führt zur Belagerung des Selbst und dazu, dass die Persönlichkeit von Zugeständnissen durchlöchert wird.

Der Mensch sollte fürchten, Schwarz für Weiß und Weiß für Schwarz zu halten, das Krächzen der Elster für das Lied der Nachtigall und den Rosengarten für dornenlos. Denn sich täuschen zu lassen gehört zu den charakteristischsten Schwächen der menschlichen Natur. Solche Täuschungen, die einen auf dem falschen Fuß erwischen, stürzen den Menschen in ein Elend, das er sich nicht vorstellen kann.

Und der Mensch sollte fürchten, so zu leben, als würde er nie sterben. Ich weiß nicht, ob es nötig ist, für diese Angstthese eine Begründung zu liefern. Denn gewiss hat jeder den Wunsch nach einem ewigen Leben. Die Gläubigen im Jenseits, die Ungläubigen in dieser Welt, mit lobenden Worten und süßen Erinnerungen …

Und wovor sollte der Mensch Ihrer Meinung nach Angst haben?

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