Squid Game erreichte im ersten Monat mehr als 111 Millionen Menschen. Der Autor überträgt die dystopische Welt der Serie über „die Leiter und Spielmacher“ auf unsere eigene gesellschaftliche Wirklichkeit.
Wer hätte gedacht, dass eine Fernsehserie allein im ersten Monat von mehr als 111 Millionen Menschen gesehen würde? Und das mit einem Drehbuch, das vor zehn Jahren niemand eines Blickes würdigte…
Was also ist das Geheimnis des Erfolgs dieser Serie und der Grund für dieses Interesse? Warum und wie hat die in der Serie entworfene dystopische Welt Millionen Zuschauer in so kurzer Zeit an den Bildschirm gefesselt? Wie wäre es, die Antworten in unserer eigenen Dystopie, genauer bei „den Leitern und Spielmachern“ zu suchen?

Die auf Netflix ausgestrahlte Serie Squid Game ist ein Werk, das die Unschuld von Kinderspielen mit dem Gemetzel verbindet, Gegensätze mit übersteigerten Gewalt- und Todesszenen würzt und auf gesellschaftliche Wirklichkeiten überträgt. Die maskierten Figuren, angelehnt an die Aufgabenhierarchie bei Ameisen, die Kulissen und die Musik sind weitere wichtige Details, die die Geschichte der Serie nähren…
Auch wenn sie oft kritisiert wird, scheint sich Squid Game, eine südkoreanische Serie aus den Genres Drama, Action und vor allem Dystopie, schon jetzt einen Namen gemacht zu haben. Die Serie zeigt einerseits das Leben der Kapitaleigner und der Spieler und kritisiert andererseits das globale System und die soziale Ungleichheit anhand von Kinderspielen, bei denen „die Verlierer mit ihrem Leben bezahlen“.
In dieser Hinsicht baut das Drehbuch schnell eine Bindung zum Zuschauer auf. Durch die Bindung an Figuren und Ereignisse der Serie finden sich die Zuschauer mitten in der im Drehbuch geschaffenen dystopischen Welt wieder. Ich vermute, dass das Geheimnis des Interesses und Erfolgs auch darin liegt, dass jeder etwas von sich und der Welt, in der er lebt, wiederfindet und dass die Ordnung, die er im Hinterkopf ständig hinterfragt, kritisiert wird…
Maskierte Milliardäre und der Leiter
Squid-Game-Regisseur Hwang Dong-hyuk beleuchtet mit eindrucksvollen Metaphern, die die Neugier aufs Höchste steigern, die Kehrseite der Medaille. Dafür nutzt er die Figur eines Polizisten, der auf der Suche nach seinem Bruder in dieses tödliche System gerät.

Hier begegnen uns mit ihren Tiermasken die VIPs, also die Kapitaleigner. In der von ihnen geschaffenen Ordnung werden alle Werte, auch das menschliche Leben, um ihres Reichtums, ihrer Interessen und sogar ihres Vergnügens willen missachtet. Menschen sind für sie leider nur Zahlen; im wirklichen Leben ist es jedoch nicht so leicht, die Identitäten zu bestimmen, für die die VIPs stehen. Natürliche und juristische Personen, Unternehmen, geheime oder transparente Organisationen, ja sogar Staaten können diese Rolle übernehmen. Der sichtbarere Teil der Ordnung ist jedoch, dass die VIPs den ganzen Prozess über Leiter steuern.
Betrachtet man die Sache im bisher gezogenen Rahmen aus gesellschaftlicher Sicht, passen auf die Position des Leiters am ehesten Staatsführer. Trump, Putin und Erdoğan fallen einem als Erste ein.
Gerechtigkeit und ihre Ordnung
Der „Leiter“ in der Serie überzeugt uns zunächst alle, dass das Spiel in einer gerechten Ordnung gespielt wird. Er hat sogar ein Motto, in seinen eigenen Worten: „Wir geben jedem, der draußen in der Welt Ungerechtigkeit und Diskriminierung erlitten hat, eine letzte Chance, einen fairen Wettbewerb zu gewinnen.“ Eine Art Wahlversprechen… Es scheint üblich zu sein, zu Beginn stets Gerechtigkeit und Stabilität als zu erreichendes Ziel darzustellen!

Die letzte Bestimmung der dreiteiligen Spielregeln gibt den Spielern das Recht, das Spiel mit Stimmenmehrheit zu beenden. Ein solches Recht in einer Ordnung unter Autorität ist natürlich überraschend, doch das System braucht diese Betonung, damit sich alle gut fühlen.
Dass vor der Abstimmung bündelweise Preisgeld in die riesige Kugel an der Decke des Gebäudes regnet, ist ebenfalls eine Metapher, die die materiellen Schwächen der Menschen vor ihrer Entscheidung wachhalten soll.
Wundern Sie sich nicht, wenn sie in der zweiten Staffel ein paar Teepackungen in die Kugel werfen!
Der Regisseur reißt uns aus dieser Illusion des „Stimmrechts“, als nach dem abgebrochenen Spiel 187 von 201 Menschen freiwillig ins Spiel zurückkehren. Der Grund für ihre Rückkehr ist, dass die Lage draußen nicht besser ist als drinnen… Also eine Art „Alternativlosigkeit und Hilflosigkeit“. Ehrlich gesagt ist es im wirklichen Leben nicht viel anders.
Das beweist, wie geschickt die Spielmacher ihre Arbeit tatsächlich machen. Unsere Umgebung wird so gestaltet, dass der Spieler beziehungsweise Bürger, der glaubt, mit seiner eigenen Stimme etwas Ungewolltes losgeworden zu sein, wegen des Sicherheitsbedürfnisses nach plötzlich auftauchenden Terroranschlägen ins Spiel zurückkehrt. Wieder Alternativlosigkeit und Hilflosigkeit…
Bitter ist dabei auch, dass Massensterben und Massaker nicht nur Filmdrehbücher sind.
Die Inszenierung einer angeblichen Opposition ist ebenfalls eines der bekanntesten und am leichtesten erkennbaren Beispiele für Gestaltung in unserem Land. Wie sonst, außer mit dem Begriff „gestaltet werden“, könnten wir erklären, dass „Nationalisten“, die auf den Plätzen die Regierungspartei als „Diebe, Feiglinge, ehrlos“ beschimpften und sagten, ihr Atem werde nicht reichen, um nach Çankaya hinaufzusteigen, später zu Wächtern von Beştepe wurden?
Zurück zur Serie: Wer sie gesehen hat, erinnert sich, dass die Leitung, die alles beobachtet und kontrolliert, bei einem tödlichen Kampf bewusst Zuschauer bleibt und in jener Nacht durch Ausschalten des Lichts dazu beiträgt, dass alle Spieler einander lynchen.
Auch in diesem Beispiel sehen wir, wie die Leitung die Gerechtigkeit nach Belieben biegt und ein kontrolliertes Chaos verursacht. Ebenso erbarmungslos ist es, dass der Leiter beim Spiel, in dem eine Brücke mit Glasboden überquert werden muss, das Licht ausschaltet und die Brücke zerstört, nachdem er den Spieler bemerkt hat, der mithilfe des reflektierten Lichts eine Glasplatte erkennt, die sein Gewicht trägt. Die Inszenierung ist also eine Reihe von Fallen, die ohnehin darauf angelegt sind, dass die meisten Spieler sterben…
Beim Anschauen dieser beiden Szenen kamen mir irgendwie die Militärschüler und Rekruten in den Sinn, die am 15. Juli auf der Brücke in die Falle gelockt und von Menschen, die ihre Menschlichkeit verloren hatten, grausam getötet wurden.
Auch für Frauen ist die Lage leider wenig erfreulich. Spiele, die auf Muskelkraft beruhen und bei denen niemand ihnen eine Überlebenschance gibt, ein Leben, in dem ihre Sicherheit ständig von Schlägern bedroht wird, und eine Leitung, der Geschlechtergerechtigkeit gleichgültig ist… Dass beim Festmahl vor dem letzten Spiel für die Finalisten nur Smokings bereitliegen, verrät ebenfalls Absicht und Erwartung der Leitung.
Eigenschaften des Leiters / Szenen aus der Serie
Auch wenn die Leiter nach außen mächtig und souverän erscheinen, sind sie in Wahrheit einfache Beamte, die in dem ihnen von den VIPs gezogenen Rahmen mit Hochmut, Prunk und Gewalt die gewünschte Denkweise am Leben halten und für die es immer Ersatz gibt. Dass sie für die Aufgabe, um die sie sich aus freien Stücken beworben haben, selbst ihre Nächsten, ihre Familie oder Weggefährten ohne mit der Wimper zu zucken opfern können, lässt einen sagen: „Das geht zu weit.“ Wer die Serie gesehen hat, wird sich an die Szene erinnern, in der der Leiter seinen eigenen Bruder opfert.
Man sollte auch nicht übersehen, dass der Leiter in Prunk weiterlebt, während die Spieler sich mit einem Stück Brot und einer Limonade als Mahlzeit begnügen. In seiner freien Zeit genießt er sein mit Blattgold verziertes Zimmer und nippt bei Jazzmusik an seinem Getränk. Natürlich hat dieser Luxus im ihm gezogenen Rahmen eine Bedingung: jeder Anweisung zu folgen, wie beim klingelnden Telefon in der Serie, und alles zu tun, um die VIPs zufriedenzustellen.
Kurz gesagt: Für die Leiter, die freiwilligen Beamten der finsteren Ordnung, zählt nichts außer den ihnen übertragenen Aufgaben und den Vorteilen, die sie dafür erhalten.
Ähnliche Beispiele findet man in der Literatur: Suzanne Collins’ Die Tribute von Panem, Jack Londons Die eiserne Ferse, Franz Kafkas Der Process und George Orwells 1984 sind einige davon…
In allen werden politische, wirtschaftliche und religiöse Probleme thematisiert. Dass die Dystopie geradezu zur Gesellschaft selbst wird, wird als globales Problem behandelt.
In diesem Beitrag haben wir anhand der Figur des Leiters in unserer eigenen Dystopie einen Versuch der Bewusstwerdung unternommen. Bewusstsein ist, wie wir in früheren Beiträgen erörtert haben, sowohl das Antivirenprogramm unseres Geistes als auch eine wichtige Stufe, die man vor einer Lösung individuell erreichen muss. Ja, individuelles Bewusstsein und individuelle Entwicklung allein reichen für eine Lösung nicht, denn wir sitzen alle im selben Boot und sind kollektiv von Widrigkeiten betroffen.
Die Antwort auf die Frage „Was ist also die Lösung?“ ist leider nicht so einfach, dass man sie in wenigen Punkten aufzählen könnte. Hier steht nach der individuellen Befähigung der Aufbau der Masse, also eines idealen Gesellschaftsmodells, an. Gesellschaftlicher Frieden, Solidarität und kollektives Bewusstsein sind daher unverzichtbar. Auch das ist ein schwieriger und vielschichtiger Prozess. An dieser Stelle empfehle ich Ihnen, auch einen Blick auf diese (1, 2, 3) Beitragsreihen zu werfen.
Mit Blick auf die positive Haltung der Figur mit der Nummer 456 in der Serie können wir sagen, dass es immer Hoffnung gibt, und diese Hoffnung sind wir. So wie wir sind und was wir verdienen, so werden wir regiert.
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