In jeder Geschichte von Viktimisierung, die sich an Namen, Identitäten und Glaubensüberzeugungen festmacht, verbergen sich die uralten Schwächen der Menschheit: Neid, Hochmut, Zorn, Groll. Ein Essay über das Opfersein.
Beim Systematisieren der Gedanken über das Opfer und das Opfersein lassen sich viele Hypothesen bilden. Jeder Satz, der zur Stützung einer Hypothese formuliert wird, kann ebenso dazu verwendet werden, sie zu bestätigen oder zu widerlegen. An diesem Punkt halte ich es nicht für nötig, uns unter einer Beweislast zu sehen.
Denn in allen Geschichten von Viktimisierung, die anhand von Namen, Identitäten, Zugehörigkeiten und Glaubensüberzeugungen verursacht werden, verbergen sich die uralten Probleme der Menschheit: Eifersucht, Neid, Stolz, Gier nach Macht, Hochmut, Zorn, Groll, Rachedrang, Habgier, Geiz, Hass, Missgunst, Gleichgültigkeit, Grausamkeit, Mangel an Barmherzigkeit…
Man kann die Liste fortsetzen. In jeder Opfergeschichte, die wir erleben, hören, lesen oder sehen, ist eines dieser Motive gewiss vorhanden. Um die Lage eines Menschen zu verstehen, der durch die Hand eines „Unterdrückers“ mit einem oder mehreren dieser Motive zum Opfer gemacht wurde, und um unsere Fähigkeit zur Empathie zu zeigen, ist es keineswegs gerecht, Identität, Persönlichkeit, Glauben oder Zugehörigkeit des Opfers auf den Tisch zu legen.
Am Ende werden die Seiten der aufgestellten Hypothese, die subjektiven Bewertungen offenstehen, sichtbarer sein als ihre objektiven Seiten. Das wird natürlich nicht verhindern, dass das, was über Opfer und Opfersein gesagt wird, auf universelle menschliche Werte verweist.
Vielleicht ist es gerade deshalb angemessener, beim Sprechen über das Opfer zunächst Schlüsse zu ziehen und Bewertungen vorzunehmen, indem man die Formen des Opferseins in den Blick nimmt, die aus der Verletzung universeller Menschenrechte und grundlegender Rechtsregeln entstehen. Dabei muss man sich zwangsläufig an den Grenzen von Recht und Sozialpsychologie bewegen. Und es ist bei diesem Vorgehen nicht zwingend nötig, Arten, Ausmaße und verschiedene Seiten des Opferseins zu untersuchen oder eine Diskussion anhand der Literatur der Viktimologie und Psychologie zu führen.
Wer ist das Opfer?
Im allgemeinsten Sinne ist das Opfer derjenige, der Schaden erleidet. Das Opfer (mağdur) ist jemand, dem Unrecht geschehen ist, der Unterdrückte (mazlum) jemand, der Tyrannei erlitten hat. Wenn wir das Wort Opfer verwenden, meinen wir jedoch meist nicht jemanden, der durch einseitige Handlungen oder Naturereignisse geschädigt wurde, sondern jemanden, der von einer anderen Person oder einem anderen Subjekt geschädigt wurde, das die ihm zur Verfügung stehende Macht missbraucht.
Das Opfer ist ein ausgegrenzter oder zum Anderen gemachter Mensch. Diese Veranderung ist die Hauptquelle des Zustands der Entbehrung. Das Opfersein ist demnach eine Folge der Veranderung. Sie kann viele Ursachen haben: Zielscheibe von Hass zu sein, der aus aufgeblähten Vorurteilen gegen Identität oder Persönlichkeit entsteht, emotionaler oder körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein, die aus ungerechten und rechtswidrigen Praktiken hervorgeht, und anderes mehr.
Opfer oder Held?
Jedes Opfersein birgt auch eine Heldengeschichte. Diese Geschichte schreibt nicht das Opfer selbst. Sie wird von gerecht denkenden Menschen mit Gewissen geschrieben, die das Geschehen zu beobachten vermögen. Doch es gilt auch: Die Geschichte, wie das Opfersein zum Heldentum wird, ist nicht zugleich die Geschichte, wie das Opfer zum Helden wird. Denn wir können nicht wissen, ob das Opfer ein so episches oder dramatisches Leben geführt hat, dass es verdient, ein wahrer Held zu sein. Die Aufrichtigkeit, mit der das Gesagte mit dem Erlebten in Deckung gebracht wird, kann hinterfragt werden, ja sie sollte es sogar.
Die individuelle Position (oder der Status) des Opfers mag nicht immer so beschaffen sein, dass sie eine Bezeichnung als Held erfordert. Doch sehr oft hat der Prozess, der auf das Opfersein verweist, über das Individuelle hinaus und in der Bedeutung, die er mit seiner der Gesellschaft zugewandten Seite ausdrückt, den Wert, zu einer Heldengeschichte zu werden. Wenn wir diese Geschichte von persönlichen Motiven befreien, sie also von den Personalausweisen der Einzelnen lösen, treten die allgemein anerkannten Merkmale des Viktimisierungsprozesses zutage. Übrig bleibt nur das Bemühen einer geübten Feder, diesen „abstrahierten“ Prozess in ein Heldenepos zu verwandeln.
Muss das Opfer also ein Held sein?
Eigentlich nicht. Die einzige Ausnahme ist, wenn das Opfersein ein konstruierter oder inszenierter Prozess ist. In einem solchen Fall wird das Opfer (!) nicht im Geringsten zögern, diesen „erworbenen“ „Rang“ als funktionales Werkzeug auf dem Weg zu seinem Ziel einzusetzen.
Wir haben das Beispiel eines Erdoğan vor Augen, der auf den Plätzen mit dem Satz „Ich habe ein Gedicht gelesen und bin ins Gefängnis gekommen“ Stimmen sammelte. Die Stimmen, die er erhielt, verwandelte er in einen erbarmungslosen Rechtsmechanismus, der unablässig Ungerechtigkeit produziert. Dass er mit Haltungen nach dem Muster „Du hast ein Auge über der Braue, du hast mich schief angesehen“ ohne Rücksicht auf Ideologie, Identität oder Zugehörigkeit Zehntausende Menschen um Arbeit und Brot brachte, sie ins erzwungene (freiwillige) Exil trieb, die Wirtschaft des Landes führte, als wäre sie die Küche seiner Dynastie, und Land und Bürger mit einer Plage heimsuchte, für die sich noch Dutzende weitere Beispiele aufzählen ließen, ist (leider) ein schönes Beispiel dafür, was man mit einer Heldengeschichte auf der Grundlage eines konstruierten Opferseins alles vermag.
Ja, das Opfer braucht kein Held zu sein. Was es braucht, ist auch kein Mitleid. Es braucht nur ein wenig Liebe, ein wenig Empathie und sehr viel Gerechtigkeit. Diejenigen, bei denen es eine solche Antwort findet, sind für es nicht mehr „der Andere“. Die Liebe, die es von anderen erfährt, wird der Beweis dafür sein, dass die Menschlichkeit nicht gestorben ist, die Empathie, der es begegnet, dafür, dass es wirklich Menschen gibt, die seinen Kummer teilen, und die gerechte Behandlung dafür, dass sein Glaube an das Leben weiterbestehen muss.
Ja, das Opfer braucht kein Held zu sein. Doch die Gesellschaft kann aus dem Kampf der wirklichen Opfer um Recht, Gerechtigkeit und Leben viele Lehren ziehen. Und die Gesellschaft muss die Geschichte hören, wie ein erlebter und abgeschlossener Prozess des Opferseins zum Heldentum wurde, indem sie wenigstens die Eckpunkte des Kampfes zusammenträgt, den das Opfer mal bescheiden, mal mit lauter Stimme geführt hat, und sie braucht gerecht denkende, gewissenhafte, ehrliche und faire Menschen und Federn, die diese Geschichte schreiben.
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