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Soldaten, die nicht wissen, wofür sie sterben

Die Bilder abgerissener Soldaten in der Ukraine erinnerten den Autor an den Stützpunkt auf dem Berg Bagok, an dem er gedient hatte. Eine persönliche Erzählung über Soldaten, die nicht wissen, wofür sie sterben.

Auf dem nach Osten gewandten Hang des Bîrik-Hügels auf dem Berg Bagok beobachte ich bei Sonnenaufgang mit dem Fernglas in der Hand aus einer Felsnische das mit Eichen bewachsene Tal. Während ich den Bergziegen bei ihrem Spiel zusehe, von dem sie nicht ahnen, dass ich es sehe, zwinkert mir die Sonne aus der kaum merklich im Bachbett fließenden Quelle zu. Hinter mir, am beherrschenden Punkt des westlichen Talausgangs, liegt der Stützpunkt Dibek Tepe, den 150 Soldaten halten.

Als ich im Ukraine-Krieg die Soldaten in zerlumpten Uniformen sah, fiel mir jener Stützpunkt ein.

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Während meiner Zeit dort ereignete sich etwa die Hälfte unserer Verluste bei Gefechten und Minenexplosionen rund um diesen Stützpunkt. Während 150 Soldaten der Landstreitkräfte den Stützpunkt hielten, wurde zur Verstärkung dieser Einheit in bestimmten Abständen auch ein Spezialeinsatzteam der Gendarmerie dorthin abkommandiert. Ich war in diesem Team.

Mal eine Nacht, mal zwei, Sommer wie Winter taten wir in diesen Bergen Dienst, die sonst niemand betrat. Zum Ausruhen und Nachschubfassen kamen wir zum Stützpunkt. Die meiste Zeit verbrachten wir dort in notdürftigen Unterständen, die wir aus Steinen aufgeschichtet hatten. Lassen Sie sich vom Wort Ausruhen nicht täuschen: Für uns hieß Ausruhen, eine Nacht schlafen zu können, ohne Angst, im Schlaf getötet zu werden.

Der Stützpunkt bestand aus ein paar Baracken auf dem Rücken eines Hügels, Sandsäcken, Waffenstellungen und einer mobilen Toilette, über der Fliegen schwirrten. Wasser war knapp. Pro Tag gab es drei Plastikflaschen Wasser. Es war so knapp, dass Teams am Ende ihrer Dienstzeit ihr übriges Wasser in der Erde vergruben und es beim nächsten Mal benutzten, sofern es kein anderes Team gefunden und ausgegraben hatte.

Duschen war unmöglich. Die Soldaten blieben einen Monat dort. Die Kleidung wurde nie ausgezogen; man schlief in denselben Sachen, ging in denselben Sachen in den Einsatz, und manche von uns starben in denselben Sachen. Am Monatsende verbrannten die vor der Entlassung stehenden Soldaten, die ins Bataillonshauptquartier zurückkehrten, genüsslich ihre nicht mehr tragbaren Uniformen. Es gab kein Internet, kein Telefon. Es gab keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Es gab kein gekochtes Essen. Kurz: Nichts von dem, was ein Mensch lieben kann, gab es dort.

Auch die Kommandeure, die den Stützpunkt führten, wechselten mit den Soldaten. Die Stabsoffiziere im Bataillonshauptquartier einschließlich des Bataillonskommandeurs kamen der Reihe nach zum Stützpunkt. Ein neuer Kommandeur bedeutete für unser Team neue Befehle und neue Hinterhaltspunkte. Doch einer der Stützpunktkommandeure war, wie wir in der Militärsprache sagen, „unter seinesgleichen herausragend“, also ganz anders als die anderen. Wenn Major Serdar Stützpunktkommandeur war, schuf er eine solche Motivation, dass die Soldaten nicht merkten, wie die Zeit verging.

An einem Sommertag, als ich vor einem Einsatz in seinen Steinunterstand ging, um die Befehle entgegenzunehmen, rasierte er sich gerade mit Wasser. Danach setzten wir uns auf Holzhocker. Er breitete seine Karte auf dem Tisch aus. Er hatte eigene Notizen darauf geschrieben und vergangene Vorfälle Punkt für Punkt markiert. Er hatte so detailliert gearbeitet, dass ich als jemand, der das Gelände kannte, überrascht war und zugleich ein besonderes Vertrauen fasste. Sollte uns etwas zustoßen, hatten wir am Stützpunkt einen Kommandeur, der auf uns achten würde. Man könnte nun fragen: „Würden die anderen Kommandeure etwa nicht auf euch achten?“ Jeder Kommandeur tut, was er kann, doch ein Soldat, der weiß, was in einem Gefecht oder bei der Bergung des zerfetzten Körpers eines Kameraden, der auf eine Mine getreten ist, geschieht, wünscht sich einen Kommandeur wie Major Serdar. Wir nennen das Korpsgeist. Dieser Geist ist ein lebender Organismus.

Der deutsche Offizier und Autor Dirk W. Oetting stellt fest, dass der Erfolg im Krieg von verschiedenen Faktoren abhängt, etwa der Art der Waffen und Ausrüstung, der Einsatzfähigkeit, dem Funktionieren von Führungs-, Kontroll- und Fernmeldemitteln, der logistischen Unterstützung und der Qualität der Ausbildung, und räumt der Eignung der Offiziere und dem Kampfwillen der Soldaten eine Schlüsselstellung ein. Krieg birgt in jeder Hinsicht Grausamkeit. Ein junger Mann muss Gründe haben, inmitten dieser Grausamkeit zu sterben und zu töten.

Ja, in der Armee herrscht eine strenge Hierarchie, der Soldat muss seine Pflicht innerhalb der Befehlskette ohne nachzudenken erfüllen. Das kennen wir auswendig. Doch diese Definition bietet einem Offizier im Gefecht keine befriedigenden Lösungen. Hier kommt die Motivation ins Spiel, die man Korpsgeist nennt: „Den Tod in Kauf nehmen, um das Leben des Waffenbruders zu schützen, Opfer bringen, damit die Einheit ihren Auftrag ohne Verluste erfüllt.“ Das ist die Grundmotivation.

Soldaten beschäftigen sich nicht ständig damit, ob ihr Tun richtig oder falsch ist. Der Mechanismus, mit dem sie prüfen, ob ihre Ziele richtig sind, ist Haltung und Verhalten der Offiziere auf Ebene der Kompanie- und Bataillonskommandeure. Für Kompanie- oder Bataillonskommandeure ist die Lage etwas anders. Sie wollen an die Legitimität des Krieges glauben.

An dieser Stelle möchte ich den Bogen zu Russlands Invasionsversuch in der Ukraine schlagen. Es gibt sehr viele Informationen, die darauf schließen lassen, dass dieser Glaube bei Offizieren der russischen Armee fehlt. Eine ganze Artilleriebatterie zurücklassen, ein Flugabwehrsystem wie „Tor“ allein auf eine Spazierfahrt in ein von der ukrainischen Armee kontrolliertes Gebiet schicken und es ihr überlassen … Wie hoch der Anteil unwilliger Offiziere in der russischen Armee ist, wissen wir vorerst nicht. Klar ist auch, dass diese und ähnliche Umstände, die in den ersten Kriegstagen spürbar wurden, nicht ausreichen werden, den Krieg zu beenden. Der russische Stab scheint ohnehin einige Maßnahmen ergriffen und Planungs- und Einsatzschwächen bis zu einem gewissen Grad ausgeglichen zu haben.

Ist die russische Armee also das Opfer eines Ein-Mann-Regimes geworden?

Das Putin-Regime hat die russische Armee jahrelang auf Kriege in dem Umfang vorbereitet, den sie in der Ukraine gezeigt hat. Viele seiner Stabsoffiziere schickte es zur Erfahrungsbildung in Gebiete heißer Konflikte, darunter Syrien. Vor allem nach den Operationen in Georgien 2008 leitete es eine Reihe von Reformen in der Armee ein. Zwischen 2008 und 2012 verschrottete es die meisten alten sowjetischen Systeme. Zudem gliederte es das Einheiten- und Organisationssystem neu und schuf auf kleineren Verbandsebenen professionellere und ständige Kräfte. Auf dem Papier war die „Rote Armee“ also bereit.

Doch es klappte nicht! Was also war schiefgelaufen? Man kann viele Gründe nennen. Der wichtigste war meiner Ansicht nach, dass die hohen Beamten Russlands Gefangene eines Ein-Mann-Regimes waren. Indem Putin die beiden Generäle an der Spitze der Armee nebeneinander an das entfernte Ende eines zehn Meter langen Tisches setzte und selbst am anderen Ende Platz nahm, gab er den Offizieren seiner eigenen Armee wortlos die Botschaft: „Eure Kommandeure sind meine Diener.“

Putin scheint jedoch nicht bedacht zu haben, dass Siege nicht nur materiell errungen werden, sondern auch durch die seelische Kraft der Soldaten, ihren Zusammenhalt und ihr Vertrauen in ihre Vorgesetzten.

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