Russland machte die sozialen Medien zu einem Operationsgebiet gegen die „angelsächsische Informationsvorherrschaft“. Der Text beschreibt die Internet Research Agency und die Methoden russischer Trollfabriken.
„Beendet die angelsächsische Vorherrschaft über die globalen Informationsströme!“ Alles begann mit dieser Anweisung Putins im Jahr 2013. Unmittelbar danach wurden alle Social-Media-Plattformen, allen voran YouTube, Facebook, Instagram und Twitter, zum operativen Interessengebiet der Russen.
Heute übertreibt man nicht, wenn man sagt: „Die Russen haben das Gestalten von Politik über soziale Medien erfunden.“ Die Russen, die eigens für Social-Media-Operationen eine großzügig ausgestattete Agentur namens „Internet Research Agency“ (IRA) gründeten, in Russland als Glawset bekannt, legten ihren Amateurstatus zunächst mit dem Hacken von E-Mails ab. Ihre Social-Media-Operationen begannen sie mit Briefings von Cambridge Analytica. Erstes Thema: Wie beeinflusse ich den US-Wähler? Die folgenden Vorwürfe sind Ihnen ja bekannt. Mark Zuckerberg, der im US-Senat dazu aussagte, ob die Facebook-Konten von 126 Millionen Wählern wirklich gestohlen worden seien, konnte nur den Kopf hängen lassen. Dann brachte er verlegen hervor: „Ja, das ist möglich!“
Das Vorstrafenregister der Agentur IRA, die die Amerikaner „Trollfabrik“ nennen, ist ziemlich lang. Ihre wichtigsten Kunststücke sind, wie zu erwarten, die Wahlen in der Ukraine und den USA.
Auch die Zeitschrift Joint Force Quarterly zeigte beim Social-Media-Engineering direkt auf Russland. Die Liste der Vorfälle ist endlos. Falsche Bombendrohungen gegen wichtige Unternehmen oder Institutionen von Zielländern, im Land begangene Morde der Opposition in die Schuhe schieben, Falschmeldungen produzieren, um die Wirtschaft gut aussehen zu lassen oder politische Misserfolge zu vertuschen (Das muss Ihnen irgendwoher bekannt vorkommen.)
Die Rede ist von Hunderten Menschen, die Soziologie und soziale Medien vermischen und ihren Tag am Computer mit einer Hingabe nach dem Motto „Wir hacken und ködern drauflos, zeig uns nur das Ziel, Chef“ beginnen. Laut einem ehemaligen Mitarbeiter dieser Agentur stellt die Fähigkeit der Russen, das Medienökosystem zu kontrollieren, die IT-Giganten der Welt in den Schatten. Psychologisches Hacken, Profiling von Personen mittels Psychometrie und Verbreitung von Nachrichten mit Webspidern (Bots oder Robotersoftware) gehören zu den Methoden, die amerikanische Cybersicherheitsexperten beunruhigen.
Amerikanischen Cybersicherheitsexperten zufolge ist Aktivität in den sozialen Medien für die kontrollierte Verbreitung von Informationen sehr wichtig. Russland greift häufig auf Methoden wie das Sammeln von Informationen über die Zielgruppe, die Vorherrschaft auf Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter, die Täuschung der Medien mit manipulativen Meldungen und die Platzierung einer Meldung auf vielen verschiedenen Seiten und Plattformen zurück, um so ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen.
Studien zufolge verbreitet sich eine sensationelle Falschmeldung in den sozialen Medien sechsmal schneller als eine wahre Meldung. Russland, das dies sehr gut weiß, schaffte es sogar, eine der umfassendsten Übungen Amerikas zu „trollen“. Es wäre wohl überraschend gewesen, hätte Russland, das besonders bei umstrittenen Themen wie Islamophobie Verschwörungstheorien verbreitet, diese charismatische Übung auf amerikanischem Boden verpasst. Russische Social-Media-Experten stellten die zweimonatige Spezialkräfteübung, die gleichzeitig in sieben Bundesstaaten stattfand, so dar, dass Umfang und Erfolg der Übung im Schatten von Verschwörungstheorien standen. Manche glaubten, die Übung sei eine Operation, um Andersdenkende aus ihren Häusern zu holen, andere, den Bürgern würden ihre privaten Waffen abgenommen. Es wurde sogar behauptet, das Kriegsrecht sei verhängt worden und die Macht habe durch einen faschistischen Putsch den Besitzer gewechselt. Obwohl die Soldaten sagten „Wir haben nichts beschlagnahmt, es gibt keinen Putsch, redet keinen Unsinn“, blieben von der Übung nur die schaurigen Behauptungen, die die Bürger glaubten.
Der einfachste Weg, auf Twitter Unwahrheiten zu verbreiten, ist nicht, wie man meinen könnte, Millionen mit Tweets zu bombardieren. Russische Experten erreichen Millionen, indem einflussreiche Personen Falschmeldungen retweeten. So wird die Meldung glaubwürdiger. Bei den US-Wahlen 2016 trugen etwa viele Senatoren, Autoren, Journalisten und sogar Trumps Sohn unwissentlich zur Verbreitung und Glaubwürdigkeit der Falschmeldungen bei, die sie retweeteten.
In den vergangenen Jahren wurde ein Twitter-Konto, das sich bald als gefälscht erwies, genutzt, um breite Massen zu erreichen, und das gilt als eine der häufigsten Methoden. Zuerst wurde ein Twitter-Profil eines pensionierten Offiziers der US-Luftwaffe angelegt. Einige Regierungsvertreter und sogar einflussreiche Figuren der Trump-Regierung wie Sebastian Gorka und Michael Flynn folgten dem Konto mit der Zeit. Wie zu erwarten, erreichten die sensationellen Meldungen und Insiderinformationen dieses Kontos die Menschen glaubwürdiger und schneller. Dass auch Details aus gehackten E-Mails wichtiger Persönlichkeiten in die Operation einflossen, verstärkte die Behauptungen noch. Dass gleichzeitig auf YouTube und Facebook Meldungen geteilt wurden, die diese Behauptungen stützten, brachte für einen Bürger das Fass zum Überlaufen. Was dann geschah? Ein Amerikaner, der den unbewiesenen Behauptungen glaubte, nahm sein Gewehr und eröffnete das Feuer auf das Restaurant, das als Ziel ausgegeben worden war.
Dem Experten für Verschwörungstheorien Ilya Yablokov zufolge ist das vorrangige Ziel der Russen, Gegner wie die US-Regierung zu zermürben. Dieses Ziel stammt allerdings aus früheren Zeiten, aus der Sowjetära. Das neue Ziel ist allgemein die Kontrolle über Informationen. Russland bestätigt, was es will, und dementiert, was es will. Es verbreitet die gewünschten Informationen schnell in der Welt. Und es entschärft und vernichtet, was es will.
Fragt man, wo die Türkei bei Social-Media-Operationen steht: Am Steuer sitzt sie sicher nicht. Nach einer Pew-Studie liegt der Anteil der Social-Media-Nutzung in Ländern wie der Türkei bei etwa 50 Prozent. Das ist einer der Faktoren, die beeinflussen, wie schnell sich Falschmeldungen in der Bevölkerung verbreiten. Doch die Lage in der Türkei ist Thema einer ganz anderen Untersuchung. Man könnte sogar meinen, große Investitionen in so verwickelte Arbeit wie Social-Media-Engineering, um die Bevölkerung zu lenken oder zu täuschen, seien Verschwendung. Es sei denn, Sie sagen: „An Lügen wird nicht gespart.“
Monatlich · kostenlos
Kompass des Monats
Der monatliche Newsletter von PUGAT.
Weiterlesen
Was ist PUGAT? Eine gemeinnützige Gemeinschaft, die aus Europa unabhängige Analysen zu Sicherheit, Migration und Gesellschaft auf Türkisch, Deutsch und Englisch veröffentlicht.
Zur Startseite
