Was passiert, wenn die USA sich aus Syrien zurückziehen? Der Beitrag bewertet Personalstärke, Waffenkapazität und Widerstandsfähigkeit der SDF gegen eine mögliche türkische Operation für den Fall, dass der US-Schutz wegfällt.
Der Krieg in Syrien, einer der verheerendsten innerstaatlichen Konflikte der jüngeren Geschichte, hat das Leben von Millionen Menschen zerstört und die Region in eine dauerhafte Spirale der Instabilität gestürzt.
Dieser Krieg ging über einen bloßen inneren Konflikt hinaus und zeigte auch, wie nichtstaatliche Akteure in der internationalen Politik eine entscheidende Rolle spielen können. Während der brutale Aufstieg des IS und sein Versuch, die Region zu kontrollieren, zum eindrücklichsten Beispiel dieser neuen Zeit wurde, übernahm im Kampf gegen diese für die westliche Welt bedrohliche Organisation ein weiterer nichtstaatlicher Akteur, die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), eine Schlüsselrolle.
In dieser Phase beschäftigen die komplexen Machtverhältnisse in Syrien nicht nur regionale Akteure, sondern auch globale Mächte. Vor allem die Unterstützung der USA für die SDF und die amerikanische Präsenz in der Region bleiben sowohl für die Akteure vor Ort als auch für die US-Innenpolitik ein Thema.
Trumps Sieg bei den amerikanischen Wahlen hat eine neue Debatte entfacht. Viele fragen sich, welche Folgen es hätte, wenn Trump die in der Region Rojava stationierten US-Soldaten abzöge und den faktischen Schutz der USA für die Region beendete.
Auch wenn ein Rückzug der USA aus Syrien unter den gegenwärtigen Bedingungen im Nahen Osten unwahrscheinlich erscheint, veranlassen Trumps unberechenbare Persönlichkeit und seine radikalen Entscheidungen die Beteiligten, ihre Alternativpläne zu überprüfen.
Vor diesem Hintergrund will ich die Fähigkeit der bewaffneten Kräfte Rojavas einschätzen, sich bei einer möglichen türkischen Operation gegen die türkischen Streitkräfte zu behaupten, falls sie den Schutz der USA verlieren.

Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF)
In dem von den SDF kontrollierten Gebiet leben mehr als 4 Millionen Menschen in einer autonomen Verwaltungsstruktur aus 6 Großstädten, 40 Städten und 105 Gemeinden.
Die Gründungserklärung der SDF wurde am 12. Oktober 2015 von dreizehn Gruppen unterzeichnet und trat in Kraft. Diese Gruppen sind:
- YPG
- YPJ
- Al-Sanadid-Kräfte
- Syrischer Militärrat (MFS)
- Burkan al-Furat
- Liwa Thuwar al-Raqqa
- Brigade Nordsonne
- Seldschuken-Brigade
- Al-Dschasira-Brigaden
- Kurdische Front
- Armee der Revolutionäre (mit Untergruppen)
- Tahrir-Brigade
- Liwa 99 Muschat
Die SDF, deren Hauptquartier sich in der Stadt Hasaka befindet, haben bekanntermaßen knapp 60.000 aktive Kämpfer. Diese Zahl kann je nach Kriegsverlauf und Lage in der Region schwanken.
Die YPG (Volksverteidigungseinheiten), das Rückgrat der SDF, verfügten in den intensivsten Phasen des syrischen Bürgerkriegs schätzungsweise über 30.000 bis 50.000 Kämpfer. Der Frauenzweig der YPG, die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), soll 6.000 bis 8.000 Kämpferinnen haben. Aktuelle und gesicherte Angaben darüber, wie viele Kämpfer die kurdischen Kräfte genau haben, sind jedoch spärlich.
Kapazität an schweren Waffen
Die Kapazität der YPG an schweren Waffen entwickelte sich vor allem dank der US-Unterstützung im Krieg gegen den IS. Die an die YPG gelieferten Waffen umfassen in der Regel Panzerabwehrraketen, gepanzerte Fahrzeuge, Mörser und schwere Maschinengewehre. Umfangreiche Panzer- und schwere Artilleriesysteme hat die YPG jedoch nicht.
Die USA und die Koalitionskräfte lieferten der YPG zwar meist leichte gepanzerte Mannschaftstransporter zu Verteidigungszwecken, Panzerabwehrraketen wie TOW und 120-mm-Mörser, aber keine schweren Waffensysteme wie Panzer oder großkalibrige Geschütze. Solche Waffen sind in der Regel staatliche Systeme, die umfangreiche Logistik erfordern. Die YPG mag eine begrenzte Zahl gepanzerter Fahrzeuge und einige alte sowjetische leichte Panzerfahrzeuge von regionalen Verbündeten oder durch Erbeutung erhalten haben, doch solche schweren Systeme sind begrenzt.
Wie groß ist die Widerstandsfähigkeit der SDF gegen eine mögliche türkische Operation?
Die Antwort auf diese Frage kann von mehreren Faktoren abhängen.
Das Widerstandspotenzial der SDF hängt vom Umfang der türkischen Operation, den geografischen Bedingungen, der Unterstützung durch Akteure wie die USA und Russland und der Widerstandsfähigkeit der örtlichen Bevölkerung ab.
Die wichtigsten Faktoren für die Widerstandsfähigkeit:
Militärische Kapazität: Die SDF verfügen über Verteidigungswaffen wie für den Guerillakrieg geeignete Handwaffen, Panzerabwehrraketen und eine begrenzte Zahl gepanzerter Fahrzeuge. Das Fehlen schwerer Waffen wie Panzer, schwere Artillerie und Kampfflugzeuge wird gegen eine konventionelle Armee wie die türkische langfristig jedoch zweifellos Probleme bereiten.
Die Türkei wird diesen Mangel der SDF an schweren Waffen berücksichtigen und ihre überlegene Luftmacht und schwerere Bewaffnung einsetzen. Da die Luftabwehr der SDF unzureichend ist, kann man sagen, dass sie vor allem gegen Kampfflugzeuge und Drohnen machtlos wären.
Unterstützung der USA und der Koalition: Das Bündnis der SDF mit den USA macht ein Eingreifen von außen in Operationen möglich. Ein direktes militärisches Eingreifen der USA ist jedoch nicht zu erwarten. Zudem würde die Türkei keine Operation beginnen, ohne sicherzustellen, dass das Risiko eines solchen Eingreifens bei null liegt. Wie die Operation Friedensquelle 2019 zeigte, ziehen es die USA in solchen Fällen in der Regel vor, diplomatischen Druck auf die Türkei auszuüben und die kurdischen Kräfte logistisch zu unterstützen.
Lokale Unterstützung und Guerillataktik: Das Ungleichgewicht der Kräfte zwingt die SDF, unter Nutzung ihres geografischen Vorteils und der Unterstützung der Bevölkerung einen Guerillakrieg zu führen. Gemeinsam mit den ihnen verbundenen Kräften werden die SDF versuchen, die türkischen Operationen auch durch Organisierung der örtlichen Bevölkerung in den Städten aufzuhalten. Geheimdienstberichten zufolge wurden in Städten und an Verteidigungsstellungen bereits Tunnel und Unterstände für einen Guerillakrieg angelegt.
Zeit und Widerstand: Ich denke, dass die SDF bei einer möglichen türkischen Operation auf Zeit spielen und nach Überwindung des ersten Schocks dazu übergehen würden, die türkische Armee mit Hit-and-Run-Taktiken zu zermürben. Ein langer Widerstand und die damit verbundenen Verluste könnten die Kosten der Operation erhöhen und ihre Durchhaltbarkeit erschweren. Ein solcher Widerstand würde zudem international wahrscheinlich die Erzählung stützen, die Kurden übten ihr „Recht auf legitime Selbstverteidigung“ aus und die Türkei sei eine „Besatzungsmacht“. In diesem Fall könnten die Reaktionen gegen die Türkei zunehmen und diese Zuschreibung breitere Unterstützung finden.
Die Trümpfe der SDF
IS-Kämpfer und das Lager al-Hol: In den Gefängnissen unter Kontrolle der SDF sitzen noch immer rund 10.000 IS-nahe Verurteilte und Inhaftierte. Darunter sind Syrer ebenso wie ausländische Kämpfer aus verschiedenen Ländern.
Die Familien dieser Kämpfer werden überwiegend in den Lagern al-Hol und Roj festgehalten; die meisten sind Frauen und Kinder. Im Lager al-Hol leben rund 60.000 Menschen, im Lager Roj weniger. Insgesamt übersteigt die Zahl der Familienangehörigen in diesen Lagern 70.000.
Dies birgt für Syrien das Potenzial einer ernsten Sicherheits- und humanitären Krise und ist zugleich eine dem Ermessen der SDF überlassene Zeitbombe für den Westen. Die SDF könnten also unter Verweis auf zunehmenden türkischen Druck und eine Operation diese Gefängnisse leeren.
Durch den Krieg zwischen Israel und Palästina veränderte innere Gleichgewichte Syriens: Eines der wichtigsten strategischen Ziele Israels in Syrien ist es, die wachsende Präsenz Irans in der Region einzudämmen. Nach dem syrischen Bürgerkrieg baute Iran seine militärische Präsenz im Land stark aus und stationierte sich über die Hisbollah nahe der israelischen Grenze. Eine mögliche türkische Operation in Nordsyrien könnte das Gleichgewicht in Syrien verändern, indem sie den Spielraum Irans in einigen Gebieten einengt. Dies könnte für Israel positiv sein, da es Irans Kontrolle über strategische Positionen schwächen könnte, die Israel bedrohen.
Andererseits unterhält Israel indirekte diplomatische Beziehungen zu kurdischen Gruppen in Syrien und sieht die kurdische Präsenz in der Region als wichtigen Puffer gegen Iran und radikale Gruppen. Sollten die türkischen Operationen dazu führen, dass die SDF an Macht verlieren oder ihre Position geschwächt wird, könnte Israel Gefahr laufen, einen seiner indirekten Verbündeten in der Region zu verlieren. Israel dürfte daher nicht wollen, dass die türkischen Operationen ein Ausmaß erreichen, das die kurdischen Gruppen schwächt, und könnte eine größere Verwundbarkeit der Kurden gegenüber der Türkei langfristig als Bedrohung seiner Sicherheit betrachten.
Klar ist auch, dass weder die USA noch Israel es vorziehen würden, dass salafistische und israelfeindliche dschihadistische Gruppen an die Stelle der Kurden treten.
Fazit
Die Machtverhältnisse in Syrien werden weiterhin von den Strategien innerer und äußerer Akteure der Region geprägt. Eine mögliche türkische Operation gegen das von den SDF kontrollierte Gebiet könnte regional wie international vielschichtige Folgen haben.
Die gegenwärtige militärische Kapazität der SDF, ihre lokale Unterstützung und ihre Erfahrung im Guerillakrieg mögen nicht ausreichen, um die türkische Armee aufzuhalten. Ein Konflikt zwischen der türkischen Armee und den SDF lässt sich jedoch nicht allein anhand der militärischen Stärke der Parteien beurteilen, denn er hätte weitreichende Folgen, die die Interessen äußerer Akteure in die ohnehin komplexe politische und strategische Gleichung Syriens einbeziehen.
Der Erfolg einer türkischen Operation hängt nicht nur vom militärischen Kräfteverhältnis vor Ort ab, sondern auch von vielen Faktoren wie diplomatischen Manövern, internationalen Reaktionen und der langfristigen Durchhaltbarkeit der Operation. Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg eines solchen Vorhabens ist daher nicht allein die militärische Kapazität, sondern ob eine mehrdimensionale Strategie verfolgt werden kann. Aktualisierung (Oktober 2026): Nach Erscheinen dieses Beitrags hat sich das Bild grundlegend verändert. Im Dezember 2024 stürzte das Assad-Regime. Mitte Januar 2026 begannen Regierungstruppen eine groß angelegte Offensive östlich des Euphrat; viele arabische Stämme wechselten die Seiten, und Rakka, Tabqa und Deir ez-Zor gerieten rasch unter die Kontrolle von Damaskus. Mit der umfassenden Vereinbarung vom 30. Januar begann die Eingliederung der SDF in staatliche Strukturen, und Mazlum Abdi gab am 25. August 2026 die offizielle Auflösung der SDF bekannt.
Quellen
- Military Review (Mai–Juni 2020), Portzer: The People’s Protection Units armyupress.army.mil
- The Conversation: US military presence in Syria carries substantial risks, but so does complete withdrawal theconversation.com
- SWP Berlin (2020/A74) swp-berlin.org
- Enab Baladi (August 2023): Two currents within the Kurdish SDF english.enabbaladi.net
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