An seinem Geburtstag wünscht sich ein junger Mann von seinem Vater nur eines: der Jugendorganisation der Partei beizutreten. Die Antwort des kriegsversehrten Vaters ist kurz und entschieden. Eine Tagebuchgeschichte über die Jugend in totalitären Regimen.
Mein Vater fragte mich wieder, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Weder Geld noch ein Geschenk. „Lass mich nur der Jugendorganisation der Partei beitreten“, sagte ich.
Genauso schnell sagte er: „Nein.“
„Aber Papa, alle sind dort. Sie sind sehr gut organisiert. Man hat das Gefühl, etwas erreichen zu können. Wer außerhalb dieses Kreises steht, hat weder Arbeit noch Brot. Ich will nichts ohne dein Einverständnis tun. Sieh uns doch an! Wir leben in Armut. Du bist krank. Meine Geschwister sind klein. Und wie es um das Land steht, sieht jeder. Die Wirtschaft ist katastrophal. Das Volk ist unglücklich. Sobald ich in die Jugendorganisation eintrete, haben wir den Staat hinter uns, glaub mir.“
Mein heldenhafter Vater, ein Kriegsveteran, stand auf, ohne darauf zu achten, dass ihm ein Bein fehlte. Hinkend kam er zu mir. Er sah mir in die Augen und sagte mit Tränen in den seinen:
„Ich werde dich nicht zum Komplizen dieses Verbrechens machen. Das Land wird am helllichten Tag in einen Krieg getrieben. Außer denen, die sie unterstützen, gibt es keine Jugendorganisation, keine Schule, keinen Kindergarten mehr. Ist das Demokratie? Alle sind verrückt geworden. Nein!“
Ich liebte meinen Vater sehr, aber ich hatte meine Entscheidung getroffen. Ob er es erlaubte oder nicht, ich musste nun meinen eigenen Weg gehen. Ich musste etwas tun, um meine Familie zu versorgen. Heimlich stellte ich meinen Antrag. Nun hatte ich eine Arbeit, ein Ziel und einen mächtigen Kreis. Mir schien, als übertreibe mein Vater ein wenig. Wir zogen doch in keinen Krieg. Die Partei und die Jugendorganisation waren legale Einrichtungen des Staates.
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Wer auf die Zukunft seiner Nation spielt, muss alle Listen und Methoden des Krieges anwenden. Zum Beispiel muss man das Volk immer anheizen, es darf nie abkühlen und nachdenken. Scheuen Sie sich nicht zu lügen. Irgendjemand wird es bestimmt glauben.
Je schlechter die wirtschaftliche Lage wird, desto neugieriger wird das Volk auf die Lebensverhältnisse der Prominenten und beobachtet sie genau. Leider messen die Leute in hohen Positionen dem kaum Bedeutung bei. Sie leben weiter auf eine Weise, die ganz und gar nicht zur gegenwärtigen Lage passt. Auch die Briefe, die ich bekomme, sind voller Kritik. Zum Glück wurden in dieser Sache Schritte unternommen. Es wurde sogar ein Erlass herausgegeben, der den Prominenten ein bescheidenes Leben empfiehlt.
In Fragen wie dem Kampf gegen den inneren Feind darf man nicht weichherzig sein. Hätten wir ihnen nicht den Krieg erklärt, hätten sie uns vernichtet. Das ist ein Kampf auf Leben und Tod. Keine andere Regierung ist stark genug, dieses Problem zu lösen. Auch hier sehen wir, dass unser Führer sich mehr als jeder andere bemüht, dieses Problem von Grund auf zu lösen.
Leider werden auf den Straßen, in Bussen, Restaurants und Theatern so üble Flüche ausgestoßen, dass einem die Nerven blank liegen. Länger ist das nicht zu ertragen. Die Moral der Nation ist alles andere als zufriedenstellend. Was den Führer angeht, so ist er ganz sicher, dass im Land kein Aufstand ausbrechen wird. „So etwas kommt ihnen nicht einmal in den Sinn“, sagt er.
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Die erste Geschichte stammt aus den Erinnerungen eines Jungen, der in der Zeit Hitlers, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, ohne Erlaubnis seines Vaters der Jugendorganisation der NSDAP beitrat und es am Ende bereute.
Die zweite Geschichte stammt aus den Tagebüchern von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Goebbels, neben Hitler und Göring einer der führenden Köpfe des nationalsozialistischen Deutschlands, war dafür bekannt, Tag für Tag Tagebuch zu führen. Als er sich nach der Niederlage Deutschlands das Leben nahm, hinterließ er ein Tagebuch, das unbekannte Seiten des Krieges beleuchtet. Goebbels, der die gesamten Medien seiner Zeit kontrollierte, konnte Millionen Menschen alles glauben machen, was er wollte, selbst als das Land am Rand des Untergangs stand.
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Ähnelt das, was in unserem Land geschieht, nicht auch Ihrer Meinung nach dem, was in diesen Erinnerungen geschrieben steht?
Greif nach dem Bildungswesen, gründe Stiftungen, gewähre Steuerbefreiungen, übertrage öffentliche Liegenschaften kostenlos und mach staatliche Institutionen zu Sponsoren. Statt neue Wohnheime zu bauen, zwinge die Studierenden in die Wohnheime regierungsnaher Stiftungen und religiöser Gemeinschaften. Und so verdamme jene, die nicht zu dir gehören, zu Elend oder Untergang.
Lass mit jeder Erklärung, von den Reserven der Zentralbank über Stabilität und Wachstumsraten bis zum Erdgasfund und zum heimischen Auto, Goebbels im Vergleich harmlos erscheinen.
Platon soll den Herrschern geraten haben, zum Wohl des Volkes zu lügen. Wie hätte er ahnen können, dass sein Rat so gut ankommen und so missbraucht werden würde?
Nihal Olçok erklärte unlängst laut, sie vertraue den Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin darüber, wie ihr Mann und ihr Sohn am 15. Juli getötet wurden, nicht und könnte sogar das Grab ihres Sohnes öffnen lassen.
Ebenfalls unlängst gab Ali Babacan, der sagte „Ich bereue manches“, zu, dass er vor Jahren beschlossen hatte zu schweigen, obwohl er sah, dass das Land auf eine Katastrophe zusteuerte, und dass er es nun bereue.
Du wartest, du schweigst genau dann, wenn du am dringendsten reden müsstest. Und jetzt gibst du eine Erklärung ab.
Wie bitter, nicht wahr, zurückgehaltene Erinnerungen?
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