StartSicherheitKriminelle Verflechtungen Türkei–Syrien (3): Menschenschmuggel

Kriminelle Verflechtungen Türkei–Syrien (3): Menschenschmuggel

Junge Syrer auf der Flucht vor dem Krieg werden auf TikTok mit wie Urlaube vermarkteten, gefährlichen Reisen gelockt. Menschenschmuggel an der türkisch-syrischen Grenze und die neuen Methoden der Schmuggler.

Kriminelle Verflechtungen Türkei–Syrien | 3

Trotz verschiedener Maßnahmen geht der Menschenschmuggel aus Syrien in die Türkei weiter. Interessant ist, dass fast jeder davon weiß. Weltweit bekannt ist sogar diese Tatsache: Wegen der Instabilität in der Region ist die Grenze in beide Richtungen für illegale Übertritte offen. Man muss nur die richtigen Kontakte finden. Und natürlich genug Geld haben.

Obwohl illegale Grenzübertritte an der syrisch-türkischen Grenze häufig mit Festnahme, Abschiebung und sogar Tod enden, werben Menschenschmuggler weiterhin auch über soziale Medien wie TikTok und locken junge Syrer an.

Die sich stetig verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen und die Sicherheitslage in Syrien bringen viele junge Menschen, die fern vom Krieg ein anständiges Leben führen wollen, dazu, in die Türkei und nach Europa zu fliehen. Besonders die Lebensqualität in Europa zieht natürlich auch junge Syrer an.

Obwohl Menschenschmuggel ein schweres Verbrechen ist, ist er in Syrien weit verbreitet. Geschmuggelt wird sowohl in die Nachbarländer als auch zwischen Regionen innerhalb des Landes, die von unterschiedlichen Machthabern kontrolliert werden.

Die Schmuggler nutzen verschiedene Methoden, um Menschen anzulocken. Eine davon sind Anzeigen in Facebook-Gruppen oder auf TikTok veröffentlichte Videos. In diesen Anzeigen und Videos, die sich vor allem an junge Menschen richten, werden die Menschen gedrängt, möglichst schnell aufzubrechen, und die meist sehr gefährlichen und beschwerlichen Reisen werden als vergnüglicher Ausflug dargestellt.

Ahmed al-Hamidi, der im Nordwesten Syriens als Schmuggler tätig ist, sagt in einem Interview mit Al-Monitor:

„Früher habe ich Anzeigen in Facebook-Gruppen geschaltet. Aber viele haben verhindert, dass ich Kunden gewinne, indem sie sagten, ich würde über die Risiken lügen, oder es gebe andere Schmuggler, die sie billiger in die Türkei brächten. Also habe ich eine andere Methode gewählt. Ich habe angefangen, 15-sekündige Videos auf TikTok zu stellen, der besten Plattform für dieses Geschäft. Die Videos habe ich sehr sorgfältig vorbereitet. Ich habe besondere Aufnahmen verwendet und im Hintergrund einen Sprechertext eingefügt, der junge Menschen anspricht und motiviert.“

Hamidi betonte, dass nicht jeder Schmuggelversuch gelingt, und fuhr fort:

„Siebzig Prozent der Versuche, illegal in die Türkei zu gelangen, scheitern. Manchmal gibt es beim Grenzübertritt Tote. Trotzdem drehen wir verlockende Videos, um Kunden zu gewinnen. Wir filmen uns zum Beispiel dabei, wie wir furchtlos Stacheldraht durchschneiden oder den türkischen Soldaten, die die Grenze bewachen, entwischen. Die Leute sind davon sehr beeindruckt und lassen sich überzeugen, dass die Route sicher ist und der Grenzübertritt sorgfältig geplant wurde.“

Hamidi schilderte auch, wie die Netzwerke funktionieren:

„Wir haben Komplettpakete von den Regimegebieten bis nach Europa. In unserem Transportnetz haben wir Leute in allen Gebieten, die von unterschiedlichen Machthabern kontrolliert werden. Jeder bekommt je nach Länge der Strecke seinen Anteil. Zum Beispiel kostet es 4.000 Dollar, einen Menschen von Aleppo nach Istanbul zu schmuggeln, und darin ist das Bestechungsgeld [für den an der Grenze diensthabenden türkischen Soldaten] enthalten. Schmuggel [ohne Bestechung] kostet 3.000 Dollar.“

„Der Übertritt von der militärischen Linie in Idlib in die Türkei kostet 4.200 Dollar. Der Weg von der Türkei nach Europa kostet 4.000 Euro. In diesem Fall wird die geschmuggelte Person nach Serbien gebracht. Wenn sie von dort in ein anderes europäisches Land weiterwill, muss sie weitere 3.500 Euro zahlen.“

Beim derzeitigen Stand ist die Türkei für Syrer eher eine vorübergehende Station. Man kann dort Geld für den Weg nach Europa verdienen, weil die Möglichkeiten für nicht angemeldete und nicht versicherte Arbeit sehr groß sind. Und für diejenigen, die keinen Weg nach Europa finden, gibt es in der Türkei Gegenden, in denen man leben kann, und zwar unter gar nicht schlechten Bedingungen. Welche Folgen die jüngste Wirtschaftslage und die Hyperinflation in der Türkei dafür haben werden, bleibt natürlich abzuwarten, aber die Syrer halten ihr Leben in ihren eigenen Vierteln mit ihren eigenen Formen der Organisation irgendwie aufrecht.

Informationen über die in der Türkei lebenden Syrer sind dagegen sehr begrenzt. Weil das Thema zwischen Regierung und Opposition politisch ausgeschlachtet wird, ist es nahezu unmöglich, an wirklichkeitsgetreue, nicht manipulierte Statistiken über syrische Geflüchtete zu kommen. Die veröffentlichten amtlichen Zahlen sind äußerst zweifelhaft.

Nach Daten eines Europa-Berichts der Crisis Group arbeiten syrische Geflüchtete im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren, die in der Türkei überwiegend in Bereichen wie Textil, Bau, Schuhherstellung, Landwirtschaft, Möbel und Saisonarbeit in der Landwirtschaft beschäftigt sind, weiterhin in gering bezahlten Lohn- oder Schwarzarbeitsverhältnissen.

Wie ernst die Lage bei den Übertritten von der Türkei nach Syrien ist, zeigen die Berichte über Shamima Begum, die in den britischen Medien lange ein Thema waren. Nach Angaben der BBC reisen junge Menschen, die sich dem IS anschließen wollen, über die Türkei nach Syrien. So flogen Shamima Begum, Amira Abase und Kadiza Sultana, die ihren Familien gesagt hatten, sie würden den Tag draußen verbringen, vom Flughafen Gatwick in die Türkei und überquerten von dort die Grenze nach Syrien. Liest man den Bericht genau, ist klar, dass der Weg zu den Terrororganisationen innerhalb der syrischen Grenzen über die Türkei führt. Und dieser Weg ist so leicht, dass ihn selbst 15- und 16-jährige Mädchen bewältigen können.

Die drei Mädchen gelangten im Februar 2015 über die Türkei nach Syrien.
Quelle: BBC Türkçe

Quellen

  1. Al-Monitor – Syrian smugglers’ use of TikTok

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