„Eine Botschaft an García“, ein Klassiker der Militär- und Geschäftswelt, und eine Geschichte aus Rumis Masnawi. Zwei lehrreiche Texte über Eigeninitiative, Redlichkeit und Pflichtbewusstsein.
Liebe Leserinnen und Leser! Ich wollte mit Ihnen den Essay „Eine Botschaft an García“, den man uns in unserer Schulzeit zu lesen gab und sogar zum Mitnehmen aushändigte, und eine Geschichte aus dem Masnawi von Mevlânâ teilen.
„A Message to Garcia“, 1899 von Elbert Hubbard geschrieben, ist ein Essay über den Wert individueller Eigeninitiative und Redlichkeit, der in der Geschäftswelt und in militärischen Kreisen große Beachtung fand.
1898, während des kubanischen Unabhängigkeitskriegs, standen die Vereinigten Staaten (USA) am Rand eines möglichen Krieges mit Spanien. US-Präsident William McKinley wollte Informationen über die spanischen Truppen auf Kuba und über die Armee des kubanischen Generals Calixto García, der auf Kuba gegen Spanien kämpfte. Dazu beschloss der Präsident, General García eine Botschaft zu schicken.
Der Präsident fragte Oberst Arthur Wagner, den Leiter des militärischen Nachrichtenbüros der US-Regierung: „Wo finde ich jemanden, der García eine Botschaft überbringt?“
Oberst Wagner schlug ihm einen jungen Leutnant namens Andrew S. Rowan vor.
Der junge Rowan, der die Botschaft Anfang 1898 erhielt, überbrachte sie General García nach einer beschwerlichen Reise.
Als Rowan aufbrach, hatte er nur einen kleinen Hinweis, dass sich General García im Osten Kubas aufhielt. Würde er unterwegs gefasst, drohte ihm die Hinrichtung durch ein spanisches Erschießungskommando.
Rowan brach dennoch auf, setzte mit einem Boot nach Jamaika über und meldete seine Ankunft per Telegramm in die Vereinigten Staaten. Danach gelang es ihm, über offenes Land, durch den Dschungel, durch Gebirge und in einem geschlossenen Waggon reisend, General García die Botschaft zu überbringen.
Rowan wusste beim Aufbruch, wie schwierig die Aufgabe war. Dennoch nahm er die Botschaft entgegen und überbrachte sie dem Empfänger, ohne seinen Auftraggebern die naheliegenden Fragen zu stellen wie „Wer ist García? Wie erreiche ich ihn? Hilft mir jemand? Wie lange dauert die Reise? Werde ich befördert, wenn ich es schaffe? …“.
Gemeint ist hier, dass der Mensch eigene Initiative ergreift, persönliche Interessen zurückstellt, unter Einsatz seines Lebens ein persönliches Opfer bringt und mit Entschlossenheit und Redlichkeit die Aufgabe erfüllt.
In der Privatwirtschaft und der Bürokratie braucht man heute dringend Leutnants wie Rowan. Wer für einen reibungslosen Ablauf zuständig und verantwortlich ist, will sich der Selbstständigkeit und des Könnens derer sicher sein, die er beauftragt. In diesem Sinne rücken individuelle Kompetenz und Leistung in den Vordergrund.
Auch Mevlânâ hat im Masnawi ein ähnliches Thema als Geschichte erzählt, und zwar so.
Der Sultan hatte unter all seinen Leuten einen Sklaven namens Ayaz ausgewählt und schätzte ihn so sehr, dass er nicht einmal seinen hundert Wesiren ein Zehntel der Wertschätzung zeigte, die Ayaz genoss (Rûmî, 1273: Bd. 2, Verse 1045-1050).
Die Beys um den Sultan waren so eifersüchtig auf Ayaz, dass sie, vor Neid überkochend, schließlich sogar den Sultan zu tadeln begannen und sagten:
Dein Ayaz hat nicht den Verstand von dreißig Männern, wie kann er da das Gewandgeld von dreißig Beys verzehren?
Der Sultan zog mit dreißig Beys zur Jagd in die Berge und Ebenen. Er sah von Weitem eine Karawane und sagte zu einem der Beys: „Geh und frag, aus welcher Stadt diese Karawane kommt.“
Der Bey ging, fragte, kam zurück und sagte: „Sie kommt aus Rey.“ Als der Sultan fragte: „Und wohin geht sie?“, stand der Bey sprachlos da. Er sagte zu einem anderen Bey: „Geh du, edler Herr, und finde heraus, wohin sie geht!“
Auch dieser ging, kam zurück und meldete dem Sultan: „Sie geht nach Jemen.“ Als der Sultan fragte: „Was ist ihre Last?“, konnte auch er nicht antworten. Der Sultan sagte zu einem weiteren Bey: „Los, finde du heraus, was ihre Last ist.“
Der Bey ging, kam zurück und sagte: „Allerlei Waren, aber vor allem Schalen aus Rey.“ Da fragte der Sultan: „Wann ist sie aus Rey aufgebrochen?“ Auch dieser Bey konnte die Frage nicht beantworten.
So erwiesen sich alle dreißig, ja noch mehr Beys als hilflos und mangelhaft.
Darauf wandte sich der Sultan an die Beys und sagte: „Eines Tages habe ich meinen Ayaz allein geprüft. Woher kommt diese Karawane? Geh und finde es heraus, sagte ich. Er ging und erkundigte sich nach allem. Ohne weiteren Befehl von mir berichtete er mir den ganzen Zustand der Karawane Punkt für Punkt, wie er war. Was diese dreißig Beys in dreißig Gängen erfahren konnten, hat er auf einmal erfahren und mitgebracht.“ (Rûmî, 1273: Bd. 6, Verse 385-400)
Mevlânâ betont in dieser Geschichte die Bedeutung der Befähigung im Staatsdienst. Wertschätzung, Ämter und Gehälter sollten nicht deshalb vergeben werden, weil jemand ein Verwandter oder Bekannter ist, sondern an wirklich Befähigte. Wird das nicht gewährleistet, verkommt die staatliche Autorität, und der Machthaber setzt sich der Kritik aus.
In der heutigen Geschäfts- und Behördenwelt braucht man mehr denn je Menschen, die die ‚Botschaft an García‘ überbringen, und besonnene, wahre Staatsmänner wie Ayaz. Dass kompetente und wirksame Menschen mit solch anerkennenswerten Fähigkeiten in Ämter und Positionen gelangen, die ihren Vorzügen entsprechen, wird sich positiv auf den Wohlstand der Nation und die Lebensqualität der Gesellschaft auswirken.
Monatlich · kostenlos
Kompass des Monats
Der monatliche Newsletter von PUGAT.
Weiterlesen
Was ist PUGAT? Eine gemeinnützige Gemeinschaft, die aus Europa unabhängige Analysen zu Sicherheit, Migration und Gesellschaft auf Türkisch, Deutsch und Englisch veröffentlicht.
Zur Startseite
