Für die einen ist der Bandit ein Volksheld, der sich gegen Unrecht auflehnt, für die anderen ein Räuber, der dem Volk schadet. Der Beitrag wirft einen kurzen Blick auf das Banditentum in Geschichte, Soziologie und Literatur.
Das Banditentum, Gegenstand vieler Bereiche wie Geschichte, Soziologie und Literatur, ist sogar in Lieder eingegangen und hat unser aller Interesse geweckt. Eşkıya (Banditen) bezeichnet Menschen, die in den Bergen und auf dem Land Wege versperren und Tribut erpressen, also Räuber, und ist der Plural des Wortes „şaki“. Şaki ist ein Wort arabischen Ursprungs. Im Sinne von Räuber verbreitet gebraucht, ist es als eşkıya bis in unsere Zeit gelangt.
Der Blick auf den Begriff des Banditentums ist nicht eindimensional. Es gibt hierzu im Allgemeinen zwei gegensätzliche Ansichten, eine romantische und eine obrigkeitsfreundliche. Die erste verherrlicht das Banditentum, sieht es als Widerstand gegen Unrecht und betrachtet es als gerechte Bewegung im Namen der Gesellschaft und des Volkes; die zweite betrachtet das Banditentum als illegales Handeln von Personen und Gruppen, die innerhalb der Grenzen des Staates, aber gegen ihn agieren, mit dem Volk in Konflikt geraten und eher dem Volk als dem Staat schaden.
Der bekannteste Vertreter der ersten Ansicht ist der britische Historiker Eric Hobsbawm. In seinem Werk „Die Banditen“ untersuchte Hobsbawm das Phänomen des Banditentums weltweit aus der Perspektive der Sozialgeschichte und prägte den Begriff des „Sozialbanditentums“. Laut Hobsbawm ist das Sozialbanditentum das universellste und einheitlichste gesellschaftliche Phänomen der Geschichte. Sozialbanditen sind bäuerliche Gesetzlose, die von Bürokraten und Staat als Verbrecher angesehen werden, aber in der „bäuerlichen Gesellschaft“ leben und von den Bauern als Helden, unbesiegbare Rächer, Kämpfer für Gerechtigkeit und mitunter sogar als Anführer der Befreiung betrachtet werden; sie werden unter allen Umständen respektiert und deshalb unterstützt und gefördert.

Laut Hobsbawm kommt es für einen Sozialbanditen niemals in Frage, die Ernte der Bauern (nicht die des Grundherrn) aus dem einfachen Volk in seiner eigenen oder in anderen Regionen zu rauben. Hobsbawm befasste sich vor allem mit dem „edlen Banditentum“, das unter den Bedingungen des ländlichen Lebens entsteht, und grenzte es in dieser Hinsicht von illegalen Aktivitäten ab, die sich in der sozialen Struktur der Stadt herausbilden (wie Drogenhandel, Diebstahl, Gangstertum und Geldwäsche). Laut Hobsbawm überwiegt, auch wenn das Banditentum der Gesellschaft in gewissem Maße schadet, der romantische Diskurs, wonach das Banditentum ein edler Widerstand ist.
Die wichtigste Frage beim Banditentum ist, ob es sich um eine gesellschaftliche Revolte handelt. Fern von der Sicht des edlen Banditentums betrachtet Karen Barkey das Banditentum nicht als Widerstandsbewegung gegen Unrecht und Ungerechtigkeit, sondern als eine Bewegung, die das Volk unterdrückt. In ihrer Studie „Bandits and Bureaucrats: The Ottoman Route to State Centralization“ , die auf der osmanischen Form der staatlichen Zentralisierung aufbaut, vergleicht Barkey die Banditenereignisse im Osmanischen Reich im 16. und 17. Jahrhundert mit einigen anderen Beispielen des Banditentums in der Welt und führt die Entstehung des Banditentums im Osmanischen Reich im Einklang mit der allgemeinen Ansicht auf die Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen und die falsche Haltung der Bürokraten gegenüber dem Volk zurück. Sie stellt fest, dass die Banditenereignisse im Osmanischen Reich von Soldaten, Beamten und aus verschiedenen Gründen arbeitslos gewordenen Bauern ausgingen und dass sie Staat und Gesellschaft stets einen hohen Preis kosteten. Dieses Phänomen wurde entlang der Achse Bandit–Bauer–Staat aus unterschiedlichen Blickwinkeln bewertet.
In der türkischen Literatur wurden zwei ähnlich gegensätzliche Ansichten von Yaşar Kemal und Kemal Tahir in Romanform erzählt. Yaşar Kemal schildert in seinem Roman „Memed mein Falke“ (İnce Memed) den Aufstand der Bauern der Çukurova gegen die Herrschaft der Agas aus romantischer Sicht. Das in viele Sprachen übersetzte Werk zählt zu den 100 besten Romanen der türkischen Literatur. Die feudale Struktur, also die Herrschaft der Agas, ist wegen ihres engen Kontakts zum Staat und ihres Einflusses die beherrschende Macht über die Bauern. Steuern, schwere Arbeitslast, die Unmöglichkeit, das Mädchen zu heiraten, das man will, Gewaltherrschaft, die Suche nach Gerechtigkeit und wirtschaftliche Not sind die Hauptgründe, die Menschen ins Banditentum treiben. İnce Memed ist ein Roman des Widerstands und der Auflehnung, geschrieben, um der unterdrückten Seite auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit eine Stimme zu geben.

Kemal Tahir dagegen beschreibt die Banditen in seinem Werk als elende Gestalten, Diebe, Betrüger und Herumtreiber. Das Volk überhöht sie aus Armut in seinen Augen. Kemal Tahirs Ansatz in seinen Erzählungen über das Banditentum lässt sich mit diesem Satz von André Maurois zusammenfassen: „Gesellschaften, die mit den Banditen in ihrer Mitte nicht fertigwerden, beginnen mit der Zeit, getrieben auch von den barbarischen Gefühlen in ihrem Inneren, diese Banditen zu bewundern.“
Der Bandit begegnet uns mal als Volksheld, mal als Tyrann, der das Volk unterdrückt und von dessen Einkommen lebt. Die Wahrheit ist, dass beide Sichtweisen einen wahren Kern haben, die eigentliche Frage aber ist, den edlen vom gemeinen Banditen unterscheiden zu können. Im Allgemeinen entstand das Banditentum aus Gründen wie wirtschaftlicher Not, der Willkür der Provinzverwalter, Steuern, der Unfähigkeit der Ordnungskräfte, Ruhe und Sicherheit zu gewährleisten, und der feudalen Struktur (der Herrschaft der Agas).
(Im nächsten Beitrag werde ich versuchen darzustellen, wie das Banditentum in Zeitungsberichten, Filmen und Liedern gesehen wird.)
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