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Die veränderlichen Elemente des Terrors

Von nationalistischen Unabhängigkeitsbewegungen über ideologische Organisationen bis zu religiösem Extremismus und Umweltradikalen: Wie haben sich Ziele, Methoden und Finanzierungsquellen des Terrorismus in einem Jahrhundert verändert?

In unserem vorigen Beitrag haben wir die unveränderlichen Grundelemente des Terrorismus betrachtet. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass sich der Terrorismus ständig weiterentwickelt und verwandelt. Dieser Wandel zeigt sich in einem breiten Spektrum, von den Zielen über die Methoden bis zur Auswahl der Ziele und den Finanzierungsquellen. Technischer Fortschritt und internationale politische Dynamiken treiben diesen Wandel zudem voran, indem sie Strategien, Kommunikationswege und Formen der Zusammenarbeit terroristischer Gruppen beeinflussen. In diesem Beitrag betrachten wir dieses veränderliche Gesicht des Terrorismus aus historischer Perspektive und stützen uns dabei auch auf den Ansatz Rapoports:

1. Ziel und Motivation

In der Geschichte des Terrorismus lassen sich deutliche Veränderungen bei Zielen und Motiven erkennen. Wir können sie kurz nennen:

Ab dem frühen 20. Jahrhundert konzentrierten sich Terrorakte meist auf Kämpfe für Nationalismus, Freiheit und Unabhängigkeit.

Im Kalten Krieg wurde der Terrorismus zu einem Werkzeug, das die ideologischen Kämpfe der Großmächte widerspiegelte. Konflikte zwischen linken und rechten ideologischen Gruppen schlugen in Terrorakte um. So verübten etwa in Italien die Roten Brigaden und in Deutschland die RAF (Rote Armee Fraktion) Anschläge im Namen linker Ideologien.

Ab den 1990er Jahren begannen Organisationen, die religiösen Extremismus in den Vordergrund stellten, Terrorakte als Mittel einzusetzen. Die Anschläge von al-Qaida am 11. September 2001 sind das deutlichste Beispiel dieser Phase. Auch ethnische und konfessionelle Konflikte wurden zu Ursachen von Terrorakten.

In jüngster Zeit werden Terrorakte mit neuen Motiven wie Umweltschutz, Globalisierungsgegnerschaft und technologischem Extremismus verübt. Manche extremen Umweltgruppen etwa wollen die Natur schützen, indem sie Industrieanlagen und Wasseraufbereitungsanlagen angreifen.

Der technische Fortschritt hat es ermöglicht, dass sich Terrorakte weltweit ausbreiten. Dadurch können terroristische Gruppen zur Verfolgung ihrer Ziele größere Kreise erreichen oder ins Visier nehmen. Beiträge in sozialen Medien etwa helfen terroristischen Gruppen, eine breitere Unterstützerbasis aufzubauen oder für sich zu werben.

2. Methoden

Die Methoden des Terrorismus haben sich mit der Zeit und mit technischen Entwicklungen deutlich gewandelt.

Früher wurden Terrorakte meist durch Attentate, Entführungen, Lösegeldforderungen und selbst gebaute Bomben verübt. Diese Methoden wurden wegen der begrenzten Mittel und Technik der Terroristen häufig gewählt.

Mit der Zeit wandten sich terroristische Gruppen großen Aktionen wie Anschlägen auf Flughäfen und Flugzeugentführungen zu, um international sichtbarer zu werden. Die Geiselkrise auf dem Flughafen Entebbe 1976 ist eines der herausragenden Ereignisse dieser Zeit.

Seit dem späten 20. Jahrhundert verbreiteten sich Selbstmordanschläge, und manche Gruppen versuchten, chemische und biologische Waffen zu beschaffen und einzusetzen. Vor allem Selbstmordanschläge wurden für Terroristen zu einer wirksamen und medienwirksamen Methode. Bei den Selbstmordanschlägen der Terrororganisation PKK auf Polizeiwachen und Sicherheitsposten in der Türkei kamen viele Sicherheitskräfte und Zivilisten ums Leben.  Der Sarin-Anschlag auf die Tokioter U-Bahn 1995 ist ebenfalls ein wichtiges Beispiel für die Fähigkeit von Terroristen, in dieser Zeit chemische Waffen einzusetzen.

Digitaler Terrorismus und Cyberangriffe sind das neue Gesicht des Terrorismus. Vor allem staatlich unterstützte Hackergruppen bedrohen die nationale Sicherheit durch Angriffe auf kritische Infrastrukturen. Technische Entwicklungen haben die Fähigkeit von Terroristen erhöht, ihre Methoden zu verändern. Mit dem Aufstieg digitaler Plattformen sind neue Methoden wie Cyberangriffe und Doxing (Veröffentlichung persönlicher Daten) entstanden. Würde eine Terrorgruppe etwa durch einen Cyberangriff auf Kraftwerke die Energieversorgung eines Landes unterbrechen, wäre das ein ernstes Beispiel dafür, wie Technik den Terrorismus verändern kann.

3. Auswahl der Ziele

Ziel des Terrorismus ist es meist, eine bestimmte Botschaft großen Massen zu vermitteln und bestimmte politische, soziale oder religiöse Veränderungen auszulösen. Entsprechend haben sich auch die Ziele, die terroristische Organisationen wählen, mit der Zeit verändert.

Im frühen 20. Jahrhundert waren die Hauptziele von Terrorakten meist politische Führer oder bestimmte Gemeinschaften. So führte etwa das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand 1914 zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Um international mehr Aufmerksamkeit zu erregen, begannen terroristische Organisationen mit der Zeit, Zivilisten ins Visier zu nehmen und Orte anzugreifen, die große Gemeinschaften treffen. Darauf folgten Angriffe auf militärische und strategische Ziele. Die Anschläge vom 11. September sind das deutlichste Beispiel dafür, dass neben Zivilisten auch Finanz- und Militärzentren zu Zielen von Terroristen wurden.

Heute ist die Zielauswahl terroristischer Organisationen vielfältiger und unberechenbarer als früher. Sowohl belebte Orte in Großstädten als auch Gemeinschaften in kleinen, abgelegenen Gebieten sind gefährdet. Durch Cyberangriffe sind zudem digitale Infrastrukturen zu Zielen von Terroristen geworden.

Mit neuen Methoden können Terroristen heute ein breiteres Spektrum an Zielen erreichen. Mit der Ausbreitung von Cyberangriffen etwa sind kritische Infrastrukturen wie Kraftwerke, Krankenhäuser und der Finanzsektor zu terroristischen Zielen geworden.

4. Finanzierungsquellen

Die Finanzierung ist für terroristische Organisationen entscheidend, um zu bestehen und ihre Aktionen zu planen und auszuführen. Auch die Finanzierungsquellen von Terroristen haben sich im Laufe der Geschichte erheblich verändert.

Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts stammten die Mittel terroristischer Gruppen meist von örtlichen Unterstützern, aus von der Bevölkerung erpressten Schutzgeldern und mitunter aus verdeckter staatlicher Förderung.

Mit dem Kalten Krieg wurden manche terroristische Gruppen direkt oder indirekt von einer der beiden Supermächte unterstützt. Zudem wurden Einnahmen aus illegalen Aktivitäten wie Drogenhandel, Waffenschmuggel und Lösegeldforderungen für viele große und kleine Terrorgruppen zu einer wichtigen Geldquelle.

Mit Globalisierung, technischem Fortschritt und Internetzeitalter wurde die Terrorfinanzierung komplexer. Das Aufkommen von Kryptowährungen bot Terroristen neue Möglichkeiten, ihre finanziellen Spuren zu verwischen (auch wenn sich viele dieser Transaktionen über öffentliche Blockchain-Einträge nachverfolgen lassen). Manche terroristische Gruppen erzielten zudem Einnahmen, indem sie natürliche Ressourcen in den von ihnen kontrollierten Gebieten verkauften.

Die Terrorfinanzierung wird weiter vielfältiger. Online-Spendenkampagnen, illegaler Handel in verborgenen Netzwerken und andere illegale Wege dienen Terroristen als Einnahmequellen. Auch die relative Anonymität von Kryptowährungen ist zu einem wichtigen Werkzeug der Terrorfinanzierung geworden.

5. Kommunikationswege

Früher kommunizierten terroristische Gruppen meist persönlich, per Brief oder mit Geheimcodes. Radiosendungen dienten manchen Gruppen als Propagandamittel. Mit der Zeit wurden Telefon und Fax gebräuchlicher. Diese Methoden hatten jedoch das Problem, dass sie überwacht oder abgehört werden konnten. Deshalb blieben geheime Nachrichtenwege und Codes das bevorzugte Kommunikationsmittel.

Der Aufstieg des Internets erleichterte es terroristischen Gruppen, untereinander und mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. E-Mails, Foren und verschlüsselte Nachrichtendienste wurden von Terrorgruppen intensiv genutzt.

Heute sind soziale Medien, Messenger-Apps und verschlüsselte Kommunikation die wichtigsten Kommunikationsmittel von Terroristen. Vor allem verschlüsselte Messenger und das „Darknet“ können es Terroristen ermöglichen, unbeobachtet und unentdeckt zu kommunizieren.

Die Entwicklung der Kommunikationswege hat es Terroristen ermöglicht, Ziele in einem größeren geografischen Raum zu wählen. Vor allem verschlüsselte Kommunikation kann helfen, international koordinierte Anschläge zu planen. Propaganda über soziale Medien kann es Terroristen zudem ermöglichen, Zielgruppen in bestimmten Regionen oder Gruppen wirksamer zu erreichen.

6. Rivalität und Bündnisse

Die Rivalitäten und Bündnisse terroristischer Organisationen haben sich im Laufe der Geschichte abhängig von vielen Faktoren verändert. Dazu gehören ideologische Konflikte, Veränderungen der Zielgruppen, wechselnde Finanzierungsquellen, Führungswechsel und Reaktionen auf internationale Dynamiken.

Vor allem in der Zeit der Weltkriege konnten terroristische Organisationen im Interesse von Staaten und großen ideologischen Blöcken handeln. In dieser Zeit standen eher staatliche Interessen als ideologische Rivalität im Vordergrund.

Mit dem Kalten Krieg wurden terroristische Gruppen durch die ideologische Rivalität zwischen Ost- und Westblock geprägt. Rivalitäten und Bündnisse zwischen ihnen hingen weitgehend von den Interessen und der Unterstützung dieser beiden Blöcke ab.

Mit dem Ende des Kalten Krieges traten ideologisch begründete Terrorgruppen noch stärker hervor. In dieser Zeit gab es eine heftige Rivalität zwischen religiös motivierten und säkularen oder nationalistischen Gruppen.

Heute hat sich mit der Globalisierung, veränderten regionalen Machtverhältnissen und technischem Fortschritt die Struktur sowohl der Rivalität als auch der Bündnisse zwischen Terrorgruppen verändert. Vor allem zwischen großen Terrorgruppen wie IS und al-Qaida gab es Rivalität aus ideologischen wie geografischen Gründen. Zugleich neigten manche lokale Terrorgruppen dazu, Bündnisse um gemeinsame Ziele zu bilden.

Rivalitäten und Bündnisse wirken sich auch unmittelbar auf die Finanzierungsquellen aus. So kann die Rivalität zweier in derselben Region aktiver Terrorgruppen den Zugang zu Geldquellen dort einschränken. Ein Bündnis zweier Gruppen kann dagegen die Möglichkeit bieten, Mittel zu teilen oder zu bündeln.

Alles in allem erweisen sich die Dynamiken von Rivalität und Bündnis als wichtiger Faktor für Aktivitäten, Strategien und Erfolg terroristischer Gruppen.

7. Wege der Radikalisierung

Radikalisierung ist eng mit Terrorismus verbunden, und wie und wo sie stattfindet, hat sich mit der Zeit verändert. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts radikalisierten sich Menschen meist über persönliche Beziehungen, etwa an Universitäten oder auf politischen Versammlungen. Mitglieder der Roten Armee Fraktion in Westdeutschland radikalisierten sich in den 1970er Jahren auf diese Weise.

Später wurden terroristische Ausbildungslager in Ländern wie Afghanistan und Pakistan zu Zentren der Radikalisierung. Bekanntlich wurden dort al-Qaida und viele mit ihr verbundene dschihadistische Organisationen ausgebildet.

Ab Anfang der 2000er Jahre veränderte der technische Wandel auch das Wesen der Radikalisierung. Internet und soziale Medien wurden zu den wichtigsten Plattformen, über die Menschen radikalen Ideologien ausgesetzt waren. Vor allem der IS verbreitete Radikalisierung, indem er über Online-Plattformen große Kreise erreichte. Die Konflikte in Syrien und im Irak führten zudem dazu, dass sich Menschen aus verschiedenen Ländern auf dem Schlachtfeld radikalisierten.

Der technische Fortschritt verschaffte Menschen schnelleren Zugang zu radikalen Ideologien und schuf damit das Potenzial für größere Angst und Panik in der Gesellschaft.

8. Organisationsstrukturen

Die Strukturen terroristischer Organisationen haben sich unter dem Einfluss von Taktiken, technischen Entwicklungen, staatlichen Eingriffen und globalen Dynamiken stark verändert. Diese strukturellen Veränderungen sind ein grundlegender Faktor für das Wesen von Terrorakten.

Im vergangenen Jahrhundert waren terroristische Organisationen meist zentralistisch aufgebaut. Sie hatten eine strenge Hierarchie und waren eng an die Weisungen der Führung gebunden.

Manche Organisationen arbeiteten jedoch mit weniger zentralistischen Strukturen, aufgeteilt in lokale oder regionale Zellen. So hatte die IRA autonome Zellen, die in verschiedenen Gebieten aktiv waren.

Im 21. Jahrhundert haben sich viele terroristische Organisationen vom Zentralismus gelöst und netzwerkartige Strukturen übernommen. Einige Fraktionen von IS und al-Qaida setzten auf solche Strukturen und gaben lokalen Initiativen mehr Vorrang. Vor allem in westlichen Ländern begannen terroristische Organisationen, lokale „Schläferzellen“ zu aktivieren. Diese blieben bis zu einem bestimmten Zeitpunkt oder Befehl untätig und verübten dann plötzliche Anschläge, wie ein aufgezogenes Uhrwerk.

Die Flexibilität der Organisationsstrukturen verstärkt heute einerseits die Rivalität zwischen Terrorgruppen. Andererseits ermöglicht sie es verschiedenen Gruppen, strategische Bündnisse einzugehen. So können in verschiedenen Regionen tätige Organisationen koordinierte Anschläge auf gemeinsame Ziele verüben.

9. Mitgliederprofil

Das Profil der Mitglieder terroristischer Organisationen hat sich mit der Zeit deutlich verändert. Das hat sowohl Taktiken und Strategien der Organisationen als auch Art und Wirkung terroristischer Anschläge verändert.

Im frühen 20. Jahrhundert handelten Mitglieder terroristischer Organisationen meist aus ideologischen oder politischen Gründen. Die Terrorakte anarchistischer Bewegungen in Europa etwa gehören in diese Zeit. Damals war der Bildungsstand der Terroristen meist niedrig oder mittel. Manche aus ideologischen Gründen handelnde Terroristen konnten jedoch hoch gebildet sein.

Ab den 2000er Jahren beschleunigten sich, vor allem mit der Verbreitung des Internets, die Radikalisierungsprozesse. Online-Foren, soziale Medien und Websites mit radikalen Inhalten verschafften Menschen schnelleren Zugang zu radikalen Ideen.

Heute ist die Zahl hoch gebildeter Menschen unter Terroristen größer als früher. Mehrere der Attentäter vom 11. September etwa waren bekanntermaßen hoch gebildet.

Die Veränderungen im Mitgliederprofil haben sich auch unmittelbar auf die Wege der Radikalisierung ausgewirkt. Der technische Fortschritt hat es Menschen, auch jüngeren und aus unterschiedlichen sozioökonomischen Verhältnissen, ermöglicht, leicht an radikale Inhalte zu gelangen und sich zu radikalisieren.

In den letzten Jahren gibt es häufig Berichte über gut ausgebildete Menschen aus westlichen Ländern, die sich Terrororganisationen anschließen. Als ein Grund gilt ihr Online-Zugang zu Propagandamaterial terroristischer Organisationen.

Alles in allem lässt sich sagen, dass das durch historische, technische und gesellschaftliche Veränderungen gewandelte Mitgliederprofil terroristischer Organisationen zu einem Faktor geworden ist, der Wesen und Gefährlichkeit des Terrorismus beeinflusst.

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Im nächsten Beitrag befassen wir uns mit den Begriffen Staatsterrorismus und staatlich unterstützter Terrorismus.

Quellen

  1. David C. Rapoport, „The Four Waves of Modern Terrorism“ (2004)

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