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Der neue Fundamentalismus

Während dschihadistische Anschläge die Islamophobie nähren, bedrohen einander gegenüberstehende Fundamentalismen den gesellschaftlichen Frieden. Der Autor erörtert den „neuen Fundamentalismus“ anhand der Ansätze von Olivier Roy und anderen Denkern.

Von der Vergangenheit bis heute kommt es recht häufig vor, dass der Glaube der einen für andere (oder für „die Anderen“) als Sicherheitsproblem betrachtet wird. Das bedroht sowohl den gesellschaftlichen Frieden als auch die Glaubensfreiheit. Ein wichtiger Grund für dieses Problem ist, dass reaktionäre Antworten, die auf fundamentalistischen Ansätzen beruhen, in der Gesellschaft Rückhalt finden können.

Auch unter dem Einfluss der Globalisierung stehen wir vor der Tatsache, dass wir in einem Zeitalter des Terrors leben, das sich über die Medien gestalten lässt. Die aufeinanderfolgenden Anschläge von Organisationen oder Personen, die sich als islamistisch oder dschihadistisch bezeichnen, und ihr brutales Kämpfen als paramilitärische Elemente in verschiedenen Krisen- und Konfliktgebieten der Welt haben ausgereicht, um weltweit die Saat der Islamfeindlichkeit und des Islamhasses zu säen und den Begriff Islamophobie in die Köpfe einzubrennen. So werden Etiketten wie „islamistische Terroristen“ oder „muslimische Terroristen“ heute von vielen Menschen verwendet, ob sie mit der Sache zu tun haben oder nicht.

Leider gibt es in der Türkei wie in vielen Ländern der Welt eine nicht unerhebliche Gruppe, die verschiedene fundamentalistische Ansätze übernimmt und erklärt, den „wahren“ Islam zu vertreten und mit einer „islamistischen“ Motivation zu leben. Inwieweit sind sich diese Personen oder Gruppen, die behaupten, bewaffnet oder unbewaffnet, im geistigen oder im politischen Bereich der Religion zu dienen, bewusst, dass sie dem Islam schaden, den sie zu vertreten vorgeben, und in der Gesellschaft eine Atmosphäre von Angst und Schrecken erzeugen? Oder kümmert es sie nicht, selbst wenn sie es wissen?

Heute werden wir in der Türkei schmerzlich Zeugen, dass sich viele Organisationen aus Politik, Religionsbehörde, Wissenschaft, Orden und religiösen Gemeinschaften sowie illegale religiöse Bildungseinrichtungen in dieser Lage befinden. Auch wenn sie sich selbst nicht als fundamentalistisch bezeichnen, können wir sagen, dass es durchaus angebracht ist, die Begriffe „fundamentalistisch“ oder „religiös radikal“ zu verwenden, um ihr Denken oder Handeln zu erklären, wenn man ihre religiösen Denk- und Handlungsmotive zusammen betrachtet.

Frischen wir zunächst unser Gedächtnis zu den Begriffen auf und nehmen dann eine Bewertung der politischen Atmosphäre der Türkei im letzten Vierteljahrhundert vor.

Definition

Das Wort Fundamentalismus leitet sich von der lateinischen Wurzel „fundamentum“ ab, die „Grundlage“ bedeutet. Im Türkischen gilt es als Entsprechung von Begriffen wie Religionismus, Ursprungsdenken, Grundlagenlehre und, am häufigsten, Radikalismus, und im Wörterbuch der Türkischen Sprachgesellschaft wird es mit dem Ausdruck „religiöser Radikalismus“ definiert.

Der Begriff ist im Kern christlichen Ursprungs. Obwohl er mit vielen Bereichen zu tun hat, wird er meist im religiösen Kontext verwendet, um bestimmte Strömungen einzuordnen, die in einer modernen oder säkularen Welt religiöse Werte verteidigen. Der Begriff, mit dem westliche Wissenschaftler zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestimmte radikale protestantische Bewegungen in den USA bezeichneten, wurde mit der Zeit auch für ähnliche Tendenzen in anderen Religionen verwendet.[i]

Fundamentalistische Strömungen, die sich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts auszubreiten begannen, wurden auch in religiösen Bewegungen mit politischem Charakter wirksam. In diesem Zusammenhang denkt man beim Islam zuerst an die religiös motivierten radikalen Strömungen, die sich um das salafistische Denken gebildet haben.[ii]

Was sagt Olivier Roy?

In seinen Büchern, die unter den Titeln „Der globalisierte Islam“ und „Das Scheitern des politischen Islam“ ins Türkische übersetzt wurden, bezeichnete Olivier Roy den Salafismus als „Neofundamentalismus“. Nach Roy gilt:

„Welchen politischen Sieg der Islamismus heute in irgendeinem muslimischen Land auch erringen mag, er wird trügerisch sein und nichts anderes verändern als Sitten und Recht. Der Islamismus hat sich, ohne neue politische Formen schaffen zu können, in einen Neofundamentalismus verwandelt, der nur noch das islamische Recht, die Scharia, wiederherstellen will. Das verurteilt den Islamismus dazu, die Fassade einer politischen Logik zu sein, die ihm entglitten ist; worauf diese letztlich beruht, sind traditionelle ethnische, tribale und konfessionelle Spaltungen, neue gesellschaftliche Kategorien, die jederzeit bereit sind, ihren Legitimationsdiskurs zu wechseln, und die bestehenden Regime.“[iii]

Auch ich halte Roys Begriff des „Neofundamentalismus“ für sehr treffend, um die Praxis des Salafismus zu erklären. Und zwar so:

Personen oder Gruppen, die salafistische Ansichten übernehmen, gründen ihre Existenz auf einen religiösen Diskurs. Betrachtet man jedoch ihre Taten, stößt man auf unmenschliche Praktiken, die in keiner Offenbarungsreligion eine Entsprechung haben. Das erinnert uns daran, dass es zutreffender ist, bei der Begründung der Sache (also der Handlungen oder Aktivitäten religiös motivierter radikaler Personen oder Gruppen unter dem Schirm des Salafismus) eher soziologische Begriffe wie Fundamentalismus als theologische/religiöse Begriffe zu verwenden. So betont auch das von Gordon Marshall herausgegebene „Wörterbuch der Soziologie“, dass Fundamentalismus ein Begriff ist, der „trotz seines theologischen Charakters meist mit Projekten gesellschaftlicher Reform und der Eroberung politischer Macht verbunden“ ist.[iv]

Was sagt Jean Baudrillard?

Auch die Ansicht des französischen Soziologen Jean Baudrillard (1929-2007), der als einer der bedeutenden Denker unserer Zeit gilt, stützt diese These.

Baudrillard teilt nicht die Ansicht, dass bei Handlungen fundamentalistischen Charakters eine religiöse Motivation ausschlaggebend ist. Ihm zufolge war es kein religiöser Grund, der Osama bin Laden oder bestimmte Islamisten zum Terror trieb; die Attentäter des 11. September etwa gingen in den Tod, ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen. Hier macht Baudrillard folgende wichtige Feststellung: „Der Fundamentalismus ist eine symptomatische Form der Verweigerung und Ablehnung. Fundamentalisten wollen nichts Konkretes erschaffen, sie erheben sich wild gegen etwas, das sie als Bedrohung ihrer Identität wahrnehmen.“[v]

Häufig wird betont, dass Fundamentalisten die Trennung von Religion und Politik ablehnen, der Ansicht sind, dass die Behandlung der Religion als rein persönliche oder spirituelle Angelegenheit zum Verfall des öffentlichen Lebens führt, und auf dieser Grundlage dafür kämpfen, Recht, Gesellschaft, Kultur und Politik nach religiösen Prinzipien neu aufzubauen.[vi]

Dieser Ansatz sagt uns Folgendes. Fundamentalismus hat eher mit einer Art des Glaubens zu tun als mit einem bestimmten Text oder religiösen Dogma. Ob wir es mit islamischem, christlichem oder einem anderen religiösen Fundamentalismus zu tun haben, betont wird vor allem die gewaltsame Reaktion auf die moderne Wahrnehmung und Praxis der Religion. So gesehen ist der Fundamentalismus keine einfache Rückkehr zu einer vormodernen Form der Beziehung zur Religion. Mit den Worten der italienischen Denkerin Giovanna Borradori[vii] ist er eine „panische Antwort“ auf die Moderne, die eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen wird.

Was sagt Terry Eagleton?

Auch Terry Eagleton legt den Finger auf denselben Punkt und erklärt, dass die Quelle des Fundamentalismus eher Angst als Hass ist. Für Eagleton ist Fundamentalismus „die Geisteshaltung von Menschen, die sich von der schönen neuen modernen Welt verletzt fühlen und von denen einige daraus den Schluss gezogen haben, dass sie auf ihre geringgeschätzte Existenz nur aufmerksam machen können, indem sie in einem Supermarkt eine Bombe zünden …“[viii]

Was sagt Anthony Giddens?

Auch die Ansicht des britischen Soziologen und Denkers Anthony Giddens ist nicht anders. Giddens spricht von den islamistisch-fundamentalistischen Bewegungen, die sich im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts auszubreiten begannen, als „islamischem Erwachen“ und hält folgende Einschätzung fest:

„Das islamische Erwachen lässt sich nicht vollständig mit religiösen Begriffen erfassen; es stellt zum Teil eine Reaktion auf westlichen Einfluss dar und ist eine Bewegung nationaler oder kultureller Selbstbehauptung. Ob das islamische Erwachen selbst in seinen fundamentalistischsten Formen einfach als Wiederbelebung traditionell anerkannter Ideen zu sehen ist, ist zweifelhaft. Was vor sich geht, ist weit komplexer. Traditionelle Praktiken und Lebensweisen wurden wiederbelebt, aber auch mit Anliegen verbunden, die speziell die Moderne betreffen.“[ix]

Fazit

Gestützt auf die Ansätze der genannten Denker, die auch ich für richtig halte, können wir sagen, dass der Fundamentalismus eine reaktive Haltung ist, die aus der Moderne hervorgeht und sich zugleich gegen sie richtet. Dabei darf eines nicht übersehen werden: Diese reaktive Haltung muss sich nicht unbedingt in gewaltsamem Handeln äußern.

Die politischen und geistigen Fronten des Fundamentalismus dürfen nicht ignoriert werden. Auch wenn die Autoren das Phänomen der Gewalt in den Vordergrund stellen, ist Gewalt meiner Ansicht nach keine notwendige Bedingung, um von einem fundamentalistischen Prozess zu sprechen. Gewalt kann Teil davon sein oder auch nicht. Gerade das, was Giddens (im obigen Zitat) betont, die Wiederbelebung traditioneller Praktiken und ihre Verbindung mit Anliegen der Moderne, beschreibt genau, was die Anhänger religiös motivierter radikaler Denkweisen und Strömungen tun wollen.

Wie sich der neue Fundamentalismus, der als politischer Islam in der Politik, Salafismus im Denken und Dschihadismus im Handeln sichtbar geworden ist, in der Türkei der jüngsten Zeit zeigt, werden wir in einem anderen Beitrag behandeln.


[i] Ramazan BİÇER, Mehmet DALKILIÇ; „Dini Temalı Terör Hareketlerinin Ana Nedenleri“ (Die Hauptursachen religiös geprägter Terrorbewegungen), Terörün Sosyal Psikolojisi, Hrsg. Murat SEVER u. a., Ankara, Polis Akademisi Yayınları, 2010, S. 86-87

[ii] In diesem Zusammenhang bevorzugten die frühen islamischen Denker, die das salafistische Denken übernahmen, bei der Auslegung des Islam Ahmad ibn Hanbal (gest. 855), den Gründer der hanbalitischen Rechtsschule, der die Überlieferungen des Propheten, der Gefährten und der Bewohner Medinas in den Vordergrund stellte. Ahmad ibn Hanbal galt als Vorläufer späterer, als fundamentalistisch eingestufter Strömungen. Er wurde als geistiger Führer des vor allem in Saudi-Arabien einflussreichen Wahhabismus und zusammen mit Ibn Taimiyya als Begründer des salafistischen Denkens angesehen. (Ebd., S. 87)

[iii] Olivier Roy; Siyasal İslamın İflası (Das Scheitern des politischen Islam), Metis Yayınları, S. 11

[iv] Gordon Marshall, Sosyoloji Sözlüğü (Wörterbuch der Soziologie), Bilim ve Sanat Yayınları, 2005, S. 251

[v] Jean BAUDRILLARD; „Jean Baudrillard ile Söyleşi“ (Gespräch mit Jean Baudrillard), Silinen Yüzler Karşısında Terör, Hrsg. Cemal GÜZEL, Ankara, Ayraç Yayınevi, 2002, S. 371

[vi] https://tarihibilgi.org/fundemantalizm-nedir/

[vii] Giovanna BORRADORİ; Terör Günlerinde Felsefe (Jürgen Habermas ve Jacques Derrida ile diyaloglar) (Philosophie in Zeiten des Terrors: Gespräche mit Jürgen Habermas und Jacques Derrida), übers. von Emre Barca, Istanbul, Yapı Kredi Yayınları, 2008, S. 36

[viii] „… Zudem kennt diese Sache, das muss man nicht eigens sagen, weder Westen noch Osten. Der Fundamentalismus ist ein universelles Glaubensbekenntnis. Seine Anhänger findet man in den Hügeln Montanas ebenso wie auf den Basaren von Damaskus. In diesem Sinne ist die Welt geteilt zwischen denen, die zu viel, und denen, die zu wenig glauben. Den einen fehlt jede Überzeugung, die anderen sind von leidenschaftlicher Schärfe erfüllt. Auf der einen Seite stehen jene, die kaum etwas anderem treu sind als Macht und Profit; auf der anderen jene, die, empört über manche Folgen dieser moralischen Leere, Lehren predigen, die kleinen Kindern den Kopf wegsprengen würden.“ (Terry Eagleton, Tanrı’nın Ölümü ve Kültür (Kultur und der Tod Gottes), Yordam Kitap, 2014)

[ix] Anthony Giddens, Sosyoloji (Soziologie), Kırmızı Yayınları, 2012, S. 622

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