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Der afghanische Zustrom und die Türkei

Mit dem Abzug der USA eroberten die Taliban in kurzer Zeit den Großteil des Landes, und die Afghanen machten sich erneut auf den Weg. Der Text bewertet die Auswirkungen der afghanischen Migrationswelle auf die Türkei.

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Nach dem Abzug Amerikas aus Afghanistan blieb das Land sozusagen herrenlos. Die Taliban, die in kurzer Zeit 85 Prozent des Landes unter ihre Kontrolle brachten, sind diesmal schneller und gnadenloser. Vor allem in Polizei und Armee Afghanistans findet eine große Auflösung statt. Dass die rund hunderttausend amerikanischen Soldaten, die jahrelang in Afghanistan stationiert waren, binnen zehn Jahren auf null reduziert wurden, hat die Länder der Region, allen voran die Afghanen, in Anspannung versetzt. Alle, mit denen die Truppen der USA und der NATO während ihrer Zeit im Land in Kontakt standen, vom Koch bis zum Dolmetscher, vom Soldaten bis zum Polizisten, werden von den Taliban der Kollaboration mit Ungläubigen beschuldigt und „warten“ leider „darauf, an die Reihe zu kommen“.

US-Präsident Biden erklärte, man werde Afghanen, die die USA unterstützt hatten, Sondervisa gewähren, doch ihm ist leider nicht bewusst, dass diese Visaverfahren schneller laufen müssten als der Vormarsch der Taliban. Biden, der auf Kritik wie „Nach all den Jahren überlasst ihr das Land den Taliban. Ist euch klar, dass die USA von nun an für die Toten in Afghanistan verantwortlich sind?“ antwortete: „Wir bilden die afghanische Armee seit Jahren aus, jetzt ist es Aufgabe der Afghanen, ihre eigene Sicherheit und Zukunft zu gestalten“, eroberte mit seiner gefühlvollen(!) Rede die Herzen des afghanischen Volkes. Beim Abschied forderte er auch die Unterstützung der Länder der Region.  Seinen Nachfolger auf Wache scheint er mühelos gefunden zu haben.

Das Profil des Soldaten, der nach der amerikanischen Armee in der Region Verantwortung übernehmen soll, müsste so aussehen: Er muss das Risiko heißer Gefechte in einem rauen Gelände tragen können, das selbst die amerikanische Armee jahrelang ins Schwitzen brachte (rund 20.000 Verluste in zwanzig Jahren), die Präsenz der NATO im Land spürbar machen, in einen möglichen Bürgerkrieg eingreifen können und den Flughafen schützen, über den Unterstützer, Personal und Hilfsorganisationen westlicher Länder das Land verlassen. Der geeignetste Kandidat ist natürlich der türkische Soldat, der Mehmetçik.

Auch das Profil des Landes, das sich für diese Aufgabe freiwillig meldet, ist von der seltenen Sorte. Dieses Land muss mit seiner unausgewogenen Politik das Vertrauen der NATO und der westlichen Welt verloren, sich mit der sinnlosen S-400-Krise die USA zum Gegner gemacht haben, und seine Führung muss wegen Korruption, Drogenhandel und vieler anderer Delikte auf schwarzen Listen stehen. Zudem muss es anhängige Verfahren mit schweren Folgen haben, etwa den Halkbank-Prozess. Ein solches Land zu finden, ist heutzutage nicht leicht. Das einzige Land, das sowohl einen Sumpf wie Afghanistan als auch die Not von Millionen Vertriebener schultern wird, ist leider „die Türkei“. Ihre muslimische Identität und ihre guten Beziehungen zu Pakistan sollen sich positiv auf die Lösung des Afghanistanproblems auswirken.

In den kommenden Monaten werden rund 4 Millionen Afghanen das Land voraussichtlich verlassen, und ihr erstes Ziel wird offenbar die Türkei sein. Denn der Iran, ihr anderes wahrscheinliches Ziel, kämpft mit einer Wirtschaftskrise und leitet die Ankommenden ohne Verzug in die „gastfreundlichere“ Türkei weiter.

Die Türkei gilt als wichtiges Sprungbrett für den Weg nach Europa. Dass nicht sauber erfasst werden kann, wer ins Land kommt, und Millionen Menschen nicht in Arbeits- oder Gesellschaftsleben integriert werden können, birgt große gesellschaftliche Probleme. So sind nach Angaben der Europäischen Kommission rund 20 Prozent der Syrer in der Türkei nicht registriert. Auf die Ankunft der Afghanen ist man offensichtlich noch weniger vorbereitet.

Dem Afghanistan-Experten Prof. William Maley zufolge können die Millionen, die ihre Heimat verlassen, nicht als Flüchtlinge bezeichnet werden. Auch die in der Türkei lebenden Syrer, die zu den Feiertagen in ihr Land reisen und zurückkehren, lassen sich nicht als Flüchtlinge definieren. Die Afghanen, die in Scharen die Grenze überqueren, von türkischen Gendarmen mit Handys gefilmt und wiederum der türkischen Gendarmerie gemeldet, fallen leider auch nicht unter die vertraglich anerkannte Flüchtlingsdefinition. Sie sind Produkt eines ganz anderen Abkommens. Dass die afghanischen Massen Erdoğan Spielraum verschaffen und sogar die Lebensdauer seiner Herrschaft verlängern könnten, ist keine ganz abwegige Möglichkeit.

Hoffen wir, dass die Türkei mit dem unkontrollierten afghanischen Zustrom nicht eine erdoğanistisch-dschihadistische paramilitärische Struktur nach Art der Freien Syrischen Armee beherbergt. Hoffen wir, dass unter den Tausenden ins Land strömenden Afghanen niemand mit anderen Absichten ist oder bereit, für teuflische Pläne angeworben zu werden.

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