Nach dem Angriff der Hamas im Oktober 2023 und Israels Reaktion in Gaza bezeichneten die Konfliktparteien einander als Terroristen. Was ist Terror, wer ist Terrorist? Eine gemeinsame internationale Definition gibt es bis heute nicht.
Im Oktober 2023 verloren Tausende Zivilisten ihr Leben, zuerst bei den Angriffen der Hamas auf israelischem Gebiet und dann bei Israels Angriffen in Gaza. Sowohl die Konfliktparteien als auch ihre Unterstützer bezeichneten einander als Terroristen.
In dem seit Jahren andauernden Konflikt behaupten beide Seiten, um die Verteidigung ihres Landes zu kämpfen. In dem seit Jahren andauernden Konflikt verlieren auf beiden Seiten Zivilisten und Unschuldige ihr Leben.
Es ist eine Debatte, die seit Jahren ungelöst ist und noch viele Jahre ungelöst bleiben wird: Was ist Terror, und wer ist Terrorist?
Terror ist eines der komplexesten und umstrittensten Themen, mit denen Gesellschaften und Staaten im Lauf der Geschichte konfrontiert waren. Er ist ein Phänomen, das die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen von Gesellschaften tief beeinflusst und sich in rechtswidrigen und unverhältnismäßigen Gewalttaten äußert. Auf die Fragen, was Terror ist und wer Terrorist ist, gibt es jedoch keine allgemein anerkannte Antwort. Denn die Definitionen ändern sich je nach Zeit, Ort und Ereignis und sogar je nach persönlicher oder gesellschaftlicher Perspektive.
Um ein häufig genanntes Beispiel anzuführen: Wer für die einen ein Freiheitskämpfer ist, kann für andere ein Terrorist sein. Das zeigt deutlich die Subjektivität und Relativität der Begriffe.
Während die Türkei, der Nahe Osten und viele andere Länder und Regionen gegen das sich wandelnde Gesicht des Terrorismus kämpfen, brauchen sie klare und gerechte Definitionen von Terror und Terrorist, damit dieser Kampf richtig geführt werden kann. Zwar wird Terror vereinfacht als Gewalt definiert, die aus politischen, ideologischen oder religiösen Gründen verübt wird, doch über Umfang und Grenzen dieser Definition ließ sich bisher keine internationale Einigung erzielen.[1]
Gewalttaten in aller Welt haben gezeigt, dass Terror nicht das Problem eines einzelnen Landes oder einer Region, sondern eine globale Bedrohung ist. Tatsächlich gab es vom Kalten Krieg bis heute viele Wendepunkte in der Entwicklung der Begriffe Terror und Terrorist. Diese Entwicklung hat nicht nur Ursachen, Methoden und Ziele des Terrorismus beeinflusst, sondern auch die Wahrnehmung und die Haltung von Staaten und Gesellschaften.
Die Schwierigkeit der Definitionsversuche rührt im Wesentlichen von widerstreitenden internationalen Interessen her. Zudem behindern radikale Auslegungen von Religionen sowie zunehmende ideologische und militante nationalistische Rhetorik diese Bemühungen.
Die Bedrohungswahrnehmung von Gesellschaften und Staaten spielt eine wichtige Rolle bei der Prägung von Definitionen des Terrors und verwandter Begriffe. Zugleich haben sich das Wesen des Terrorismus, seine Methoden und seine Ziele mit der Zeit verändert. Technischer Fortschritt, Globalisierung, soziopolitische Veränderungen und ideologische Verschiebungen haben den Charakter terroristischer Taten verändert. Manche Elemente sind jedoch gleich geblieben, wie sehr sich der Terrorismus im Kern auch gewandelt hat.
An dieser Stelle halte ich es für wichtig, die veränderlichen und unveränderlichen Elemente in der Entwicklung des Terrorismus zu betrachten und ihre auffälligen Seiten hervorzuheben. Diese Elemente, die sowohl bei individuellen Terrorakten als auch beim staatlich unterstützten Terrorismus Beachtung verdienen, sind auch wichtig, um die komplexe Struktur und den historischen Verlauf des Terrorismus zu verstehen. Mit Beispielen dafür, wie diese Elemente zusammenwirken, wollen wir die Vielschichtigkeit des Themas zeigen. Dabei werden wir unsere Untersuchung durch Bezüge auf reale Ereignisse und Beispiele terroristischer Taten konkret machen.
Bei der Darstellung der unveränderlichen und veränderlichen Elemente des Terrorismus werden wir uns besonders auf die Entwicklungen des letzten Jahrhunderts konzentrieren und uns auf die chronologische Einteilung des amerikanischen Politikwissenschaftlers David C. Rapoport stützen. Rapoport ist Experte für internationale Beziehungen und Terrorismus und bekannt für häufig zitierte Arbeiten zur historischen Entwicklung des Terrorismus.
Rapoports Theorie der „Vier Wellen des modernen Terrorismus“ teilt die historische Entwicklung des Terrorismus in vier „Wellen“[2]:
- Die anarchistische Welle (1880er bis 1920er Jahre): In dieser Zeit verübten Anarchisten Anschläge gegen monarchistische Regierungen. Prägend für diese Welle waren Attentate und Taten, die Einzelne allein oder in kleinen Gruppen begingen. Zu den bekanntesten Taten dieser Welle zählen die Attentate auf den russischen Zaren Alexander II. 1881 und auf US-Präsident William McKinley 1901.
- Die antikoloniale Welle (1920er bis 1960er Jahre): In dieser Zeit entstanden nationale Befreiungsbewegungen, die gegen Kolonialismus und Imperialismus kämpften. Sie setzten Gewalt ein, um ihre nationale Unabhängigkeit zu erringen. Zu dieser Welle gehört zum Beispiel die algerische Nationale Befreiungsfront, die gegen die französische Kolonialherrschaft kämpfte.
- Die Welle der Neuen Linken (1960er bis 1990er Jahre): In dieser Zeit entstanden terroristische Bewegungen, die sich auf sozialistische und marxistische Ideologien stützten. Sie gaben vor, gegen Kapitalismus, Imperialismus und die kulturellen Werte des Westens zu kämpfen. Zu dieser Welle gehören etwa die PKK in der Türkei, die Rote Armee Fraktion in Westdeutschland und die Roten Brigaden in Italien.
- Die religiöse Welle (seit 1979): In dieser Zeit traten terroristische Bewegungen auf Grundlage verschiedener religiöser Ideologien in den Vordergrund. Al-Qaida, der IS und Aum Shinrikyo gehören zu ihren Vertretern.
In unserem nächsten Beitrag werden wir, auch gestützt auf Rapoports Einteilung, die unveränderlichen und anschließend die veränderlichen Elemente des Terrorismus näher betrachten.
Quellen
- Ansätze zur Definition von Terrorismus und die damit verbundenen Probleme behandeln wir in einer anderen Beitragsreihe.
- Yeni Nesil Terörizm (Terrorismus der neuen Generation), hrsg. von Muhittin Imıl, S. 18
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