Integration ist keine Assimilation; wer seine Identität bewahrt, kann trotzdem Teil der Gesellschaft sein, in der er lebt. Die deutsche Definition und Vorschläge aus dem Alltag dazu, was Integration ist und was nicht.
Man kann mit Sicherheit sagen, dass der Integrationserfolg von Menschen mit Migrationsgeschichte auch negative Einstellungen gegenüber Ausländern abbaut. Denn das Ziel der Integration ist es, den Zusammenhalt in der gesamten Gesellschaft zu stärken und dem Zusammenleben, dem Respekt, dem gegenseitigen Vertrauen und dem Zugehörigkeitsgefühl Geltung zu verschaffen.
Der Integrationsprozess erfordert die Zusammenarbeit von Zugewanderten und Aufnahmegesellschaft. Selbst die kleinste Anstrengung ist hier sehr bedeutsam und anerkennenswert. Denn es kommt darauf an, das Nötige für ein Zusammenleben in Ruhe und Frieden zu tun und sich darum zu bemühen, einander besser zu verstehen.
Integration bedeutet nicht, die eigenen kulturellen Werte und die eigene Identität aufzugeben und sich der Assimilation zu unterwerfen, und das wird auch von niemandem erwartet. Es ist das natürlichste Recht von Ausländern, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Leider gibt es nicht wenige, die das falsch verstehen, und bedauerlicherweise auch viele, die zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen sind.
Deutschland, ein gutes Beispiel, das Geflüchteten und Migranten bemerkenswerte Integrationschancen bietet, definiert Integration sowie seine Ziele und Erwartungen dabei über das Bundesinnenministerium so:
„Integration ist ein langfristiger Prozess, der darauf abzielt, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzubeziehen. Ziel der staatlichen Integrationspolitik ist es, Zugewanderten die Chance zu geben, dauerhaft gleichberechtigt mit der einheimischen Bevölkerung am wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Zugewanderte haben ihrerseits die Pflicht, die deutsche Sprache zu erlernen sowie die Verfassung und die Gesetze zu kennen, zu respektieren und zu befolgen. Zugleich soll Zugewanderten nach Möglichkeit ein gleichberechtigter Zugang zu allen Bereichen der Gesellschaft ermöglicht werden.“ (sinngemäße Rückübersetzung)
Der deutsche Staat erklärt, er wolle mit umfassenden Integrationsangeboten Zugewanderten in allen Bereichen, vor allem im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben, Chancengleichheit und tatsächliche Teilhabe ermöglichen. Als Voraussetzung für all das wird klar formuliert, dass Menschen, die nach Deutschland kommen, Deutsch lernen und sich über die demokratische Ordnung des Landes informieren müssen.
Hürden der Integration überwinden
Wie gesagt bedeutet gelungene Integration, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen und ein gemeinsames Verständnis davon zu entwickeln, wie wir in der Gesellschaft zusammenleben. Deshalb kann Migration nur dann für beide Seiten zur Chance werden, wenn beide die Initiative ergreifen. Das wird möglich sein, wenn die Mehrheitsgesellschaft bereit ist, die Neuankömmlinge aufzunehmen, und die Zugewanderten die Regeln des Aufnahmelandes respektieren und sich um Integration bemühen.
An dieser Stelle möchte ich einiges von dem ansprechen, was Einzelne, zivilgesellschaftliche Organisationen und Staaten für die Integration tun können:
- Eine Sprache zu lernen erleichtert die Verständigung und öffnet die Tür zu vielen Chancen.
- Im Bewusstsein, Teil der Gesellschaft zu sein, an Treffen und Veranstaltungen lokaler Organisationen, Vereine, Stiftungen usw. teilzunehmen und mit den Nachbarn in Kontakt zu treten, ist für die Integration sehr wichtig.
- Die Werte der Gesellschaft, in der man lebt, kann man nur respektieren, wenn man ihre Kultur und Traditionen gut versteht. Unsere Bemühungen darum stärken auch unsere Bindung an die Menschen und die Gesellschaft.
- Man darf nicht übersehen, dass Menschen, deren Familien zerrissen wurden und die ihr Leben neu aufbauen, Unterstützung brauchen, um ihre Traumata zu überwinden und zu heilen. Ausländer könnten sich zum Beispiel gegenseitig bei der Lösung ihrer Probleme mit Bildungs- und psychologischer Unterstützung helfen und Anlaufstellen zur Problemlösung gründen.
- Beschäftigungsmöglichkeiten können Menschen vor Untätigkeit oder illegaler Arbeit bewahren. Sehr wichtig ist auch, dass die Aufnahmestaaten Chancen bieten, die zur Ausbildung und Erfahrung der Menschen passen.
- Für die soziale Integration sollten Plattformen geschaffen werden, auf denen Ausländer sich Gehör verschaffen können, oder es sollte ihnen ermöglicht werden, in bestehenden Organisationen vertreten zu sein.
- Gegen Hassrede in sozialen Medien oder anderen Kommunikationskanälen sollte rechtlich vorgegangen werden.
- Medien sollten korrekt und unparteiisch berichten und diskriminierende Inhalte vermeiden, die den sozialen Frieden stören können. Auch die Einzelnen sollten das einfordern.
- Vielfalt sollte auf allen Ebenen der Gesellschaft gefördert und Chancengleichheit auch praktisch gewährleistet werden.
- Gegen ideologische Radikalisierung, die Feindin der Integration, sollte sowohl in allen Gotteshäusern als auch in Schulen Aufklärung betrieben werden.
- Im Grunde haben alle Akteure der Gesellschaft eine Aufgabe bei der Verhinderung von Radikalisierung. Einzelne und Familien, die kleinsten Bausteine der Gesellschaft, sollten sich, ihre Angehörigen und ihre Kinder vor giftigen populistischen, separatistischen und extremistischen Haltungen schützen. Separatistische und radikale Parolen, die sich über Internet und soziale Medien wie ein Virus unkontrolliert verbreiten und Frieden, Einheit und Zusammenhalt bedrohen, sollten, da sie Straftaten darstellen, auch rechtlich unterbunden werden.
Empathie und Initiative
Ich halte es für sehr wichtig, negatives Verhalten von Ausländern im Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen mit vernünftiger Sprache und Methode zu korrigieren. Was ich meine, möchte ich an zwei Erlebnissen verdeutlichen:
Einmal folgte ich in einem Geschäft jemandem, der seinen Müll auf den Boden geworfen hatte, und sagte ihm, er habe etwas fallen lassen. Er hob den Müll auf und bedankte sich verlegen.
An einem anderen Tag störte ein Mann neben mir in der Straßenbahn alle mit einem lauten Videoanruf. Ein junger Mann, der neben uns saß, ermahnte ihn, und sie begannen zu streiten. Der junge Ausländer, der alle gestört hatte, wandte sich mir zu und fragte verlegen, ob auch ich mich wirklich gestört fühle. Er beendete das Gespräch. Als wir ihm sagten, dass uns das laute Telefonieren über Lautsprecher störte, entschuldigte er sich, und in diesem Moment verstanden er und wir, dass dieser junge Mann gar nicht gemerkt hatte, dass er alle störte.
Von uns wird angesichts negativen Verhaltens also nicht erwartet, alles hinzunehmen und stillschweigend zu ertragen, sondern aufrichtig dazu beizutragen, das Problem zu beseitigen. Denn vor dem Mut, ein Unrecht Unrecht zu nennen, kann man nur den Hut ziehen.
Wer gewinnt?
Wir können noch einmal betonen, dass Länder, die die Realität der Migration richtig lesen und verstehen und sie bestmöglich in eine Chance verwandeln, außergewöhnliche Gewinne erzielen werden. Das lässt sich schon am Beispiel Deutschlands, eines relativ erfolgreichen Falls, und der Türkei, die man kaum als erfolgreich bezeichnen kann, besser verstehen. Allein im Jahr 2022 sollen in Deutschland 23.938 türkische Staatsangehörige Asyl beantragt haben.
Wir wissen auch, dass es Ausländer gibt, die bisher irgendwie in der Türkei lebten, das Land aber wegen wachsender Fremdenfeindlichkeit, Unsicherheit und eines Gefühls der Ungerechtigkeit verlassen mussten oder verlassen wollen. An den steigenden Asylzahlen in den Statistiken lässt sich nämlich ablesen, dass auch Syrer und Afghanen, die die Türkei nicht mehr für ein sicheres Land halten, sie verlassen.
So hatte ich zum Beispiel mit großem Erstaunen die Geschichte zweier afghanischer Ärzte gehört, die gerade ihr mit einem Staatsstipendium finanziertes Studium in der Türkei abgeschlossen hatten und nach Europa gingen, sobald sich die Gelegenheit bot. Ebenso hatten mir zwei junge Syrer, die jahrelang in Istanbul gearbeitet hatten, erzählt, dass sie beschlossen hatten, Istanbul zu verlassen, weil sie sich und ihre Familien nicht mehr sicher fühlten. (Darauf können wir in einem anderen Beitrag eingehen.)
Es liegt auf der Hand, wie Deutschlands erfolgreiche Integrationspraxis die Attraktivität des Landes für ausländische, qualifizierte und junge Arbeitskräfte gesteigert hat. Es ist nicht schwer vorherzusagen, dass die Türkei, der es an greifbarer und ausreichender Unterstützung für die Integration von Ausländern fehlt, zusätzlich zu den Problemen durch den bestehenden Braindrain in den kommenden Jahren wegen der Migranten, die sie verloren hat oder verlieren wird, vor sehr großen Krisen stehen wird.
Ein Wunsch
Diese Beitragsreihe, die ich aus meinen Eindrücken und Erfahrungen der letzten Jahre zusammengestellt habe, möchte ich mit einem Wunsch beenden.
Ich hoffe, dass wir, wie es in vielen Bereichen sein sollte, mit einer gemeinsamen und systematischen Anstrengung unseren Kindern und künftigen Generationen eine gerechte und friedliche Zukunft bereiten können. Dafür müssen wir stets mit Toleranz in die Menschlichkeit, das Gemeinwohl und die Kultur des Zusammenlebens investieren. Es kommt nicht darauf an, Probleme noch größer zu machen, sondern zu ihrer Lösung beizutragen. Und worauf wir uns bei diesem Bemühen konzentrieren müssen, sind nicht unsere Unterschiede, sondern unsere Gemeinsamkeiten!
Quellen
- Bundesministerium des Innern – Integration bmi.bund.de
- BAMF – Integration bamf.de
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