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Klimawandel: Von der Ordnung ins Chaos

Die Dürre in Syrien zwang schon vor dem Krieg 1,3 Millionen Menschen zur Abwanderung in die Städte. Der Klimawandel wird zu einem Sicherheitsproblem, das Konflikte und Migration auslöst.

„Der Klimawandel hat in Syrien die Tore der Hölle geöffnet.“ Dieser Satz des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore aus dem Jahr 2015 wurde zu einer der klarsten Feststellungen über den Zusammenhang zwischen Syrien und dem Klimawandel.  Wegen der Dürre in Syrien zwischen 2006 und 2010 zogen rund 1,3 Millionen Menschen vom Land in die Städte. Diese Migration schürte Unruhen in den Städten und entzündete die Lunte für die ersten Proteste gegen die Regierung.

Auch in Afghanistan war die Dürre einer der Faktoren, die die Taliban stärkten. Mit den Dürren der letzten 30 Jahre konnten die Menschen, die auf dem Land von der Landwirtschaft lebten, ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, und es fiel den Taliban leichter, diese vom Staat nicht ausreichend unterstützte Bevölkerungsgruppe unter ihren Einfluss zu bringen.

Ähnliche Beispiele gibt es in vielen Ländern wie Pakistan, Indien, Bangladesch und Sudan.

Der Klimawandel ist die größte Kraft, die die Geschichte der Menschheit geprägt hat. Er wirkt unmittelbar auf die Grundbedürfnisse der Menschen, und die Menschen richten ihr Leben nach diesen Wirkungen aus. Von der Produktion bis zum Konsum, vom Mangel bis zum Überfluss, vom Frieden bis zum Krieg ist er in jedem Bereich bestimmend.

Die Beispiele, mit denen ich Ihre Aufmerksamkeit wecken wollte, zeigen, wie stark der Klimawandel auf die Menschheit wirkt. Ich muss allerdings hinzufügen, dass diese Beispiele zwar von einer großen Mehrheit akzeptiert, von einer bestimmten Gruppe aber mit der Begründung abgelehnt werden, das Klima dürfe nicht sicherheitspolitisch eingeordnet werden.

Ist der Klimawandel eine Sicherheitsfrage?

Ob der Klimawandel als Sicherheitsfrage zu behandeln ist, wird in vielen Bereichen diskutiert. Denen, die ihn für eine Sicherheitsfrage halten, stehen jene gegenüber, die meinen, er sei keine (oder dürfe keine sein).[i]

Der wichtigste Grund für die Haltung derer, die den Klimawandel nicht als Sicherheitsfrage sehen, ist die Annahme, dass die Lösung vieler wichtiger Probleme dadurch schwieriger, ja unmöglich würde.

Wer den Klimawandel als Sicherheitsfrage anerkennt, unterscheidet zwischen traditioneller und menschlicher Sicherheit. Im traditionellen Sicherheitsverständnis gilt der Klimawandel als Auslöser von Konflikten, während  das Konzept der menschlichen Sicherheit ihn unter wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, ernährungs- und umweltbezogenen Gesichtspunkten betrachtet.[ii]

Meiner Ansicht nach ist der Klimawandel als eigenständige Sicherheitsfrage zu betrachten, und zwar ganz aus der Perspektive menschlicher Werte. Ihn mit kurzfristigen, interessengeleiteten Ansätzen in Sicherheitsbewertungen einzubeziehen, wird das Schicksal der Menschheit ernsthaften Bedrohungen aussetzen.

Lässt sich der Klimawandel verhindern?

Das Klima der Erde hat sich im Lauf der Zeit vielfach verändert. Mal war unser Planet kälter, mal wärmer, als er sein sollte. Veränderungen der Meeresströmungen, Vorgänge auf der Sonne, vulkanische Aktivität und andere natürliche Ursachen spielten dabei eine Rolle. Seit der industriellen Revolution haben menschliche Aktivitäten unseren Planeten wärmer gemacht, als er sein sollte, und tun es weiterhin. Die Menschheit, die den heute als „globale Erwärmung“ bezeichneten Klimawandel aufhalten will, weiß, dass sie global handeln muss.

Zu diesem Zweck wurden zahlreiche internationale Abkommen geschlossen und verschiedene Maßnahmen ergriffen. Das Kyoto-Protokoll und das Pariser Abkommen gehören zu den wichtigsten Schritten. Der wichtigste Faktor der globalen Erwärmung ist der Ausstoß von Treibhausgasen in die Atmosphäre. Viele Staaten haben sich verpflichtet, diesen Ausstoß in bestimmtem Umfang zu senken. Doch industrielle Bedürfnisse, die jeden Bereich unseres Lebens prägen, und der Wunsch, unsere Komfortzone zu bewahren, bremsen diesen Prozess. Diese Bemühungen, die enorme wirtschaftliche Veränderungen und Verzicht auf Komfort verlangen, auf ein ausreichendes Niveau zu bringen, erfordert einen sehr schwierigen Weg.

Nach dem Pariser Abkommen wollen die Staaten den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad begrenzen. Wird diese Schwelle überschritten, tritt unser Planet in eine unumkehrbare Phase ein. Untersuchungen sagen jedoch voraus, dass die Schwelle bei unverändertem Kurs bis 2030 überschritten wird.  Seit der industriellen Revolution ist die Durchschnittstemperatur um etwa 1,1 Grad gestiegen. Das Überschreiten der 1,5-Grad-Marke wird die Entwicklung um ein Vielfaches beschleunigen. Das arktische Eis wird bis 2050 vollständig schmelzen, einige Inselstaaten und viele Küstenstädte werden ganz überflutet, Waldbrände werden weit größere Ausmaße annehmen und die Süßwasserressourcen werden weitgehend verschwinden.

Aktualisierung (November 2026): Nach Angaben von Copernicus und der Weltorganisation für Meteorologie war 2024 das erste Kalenderjahr, in dem die globale Durchschnittstemperatur mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau lag. Da sich die Schwelle des Pariser Abkommens auf einen langjährigen Durchschnitt bezieht, gilt sie damit allein noch nicht als überschritten. Es zeigt aber, dass sich die Prognose dieses Beitrags schneller bewahrheitet als erwartet.

Die Tore der Hölle öffnen sich

Indien erlebte den heißesten März seit Beginn der Aufzeichnungen vor 122 Jahren, und Ende April stiegen die Temperaturen in vielen Regionen über 44 Grad. Etwa zur gleichen Zeit erreichten die Temperaturen in Pakistan 49 Grad. Im März gingen die Niederschläge in Pakistan um durchschnittlich 72 % zurück, in Indien um 69 %.

Auch für Afrika, das am stärksten vom Klimawandel betroffen ist, sieht es alles andere als gut aus. Nach einem Bericht der Weltbank werden in Afrika bis 2050 86 Millionen Menschen wegen des Klimawandels zur Migration gezwungen sein. Laut Weltbank wird sich zudem der Mittelmeerraum um 25 % stärker erwärmen als der globale Durchschnitt, und die Türkei wird Ende des 21. Jahrhunderts das am drittstärksten vom Klimawandel betroffene Land sein.

Die wahrscheinlichen Probleme, die der Klimawandel weltweit mit sich bringt, sind Grenzstreitigkeiten, Energieversorgung, Ressourcenknappheit, soziale Spannungen, humanitäre Krisen und Migration. Es liegt auf der Hand, dass all diese Probleme die Welt neu ordnen, neue Sicherheitsparadigmen hervorbringen und neue Begriffe entstehen lassen werden.

Klimamigranten

Migration gilt sowohl als Folge des Klimawandels als auch als Mittel, ihm zu begegnen. Menschen, die deshalb auswandern, werden daher als Klimamigranten bezeichnet. Nach Schätzungen der Stiftung für Migrationsforschung wird bis 2070 jeder dritte Mensch auf der Erde ein Klimamigrant sein. Mit der Migration wird sich die demografische Struktur vieler Länder erheblich verändern. Der Umgang mit Migranten muss deshalb neu überdacht werden. Solange wir uns nicht von kapitalistischen zu humanen Ansätzen bewegen, werden die Probleme in Zukunft offenkundig weiter wachsen.

Fazit

Der Klimawandel muss heute zu den vorrangigen Themen der Weltpolitik gehören. Indem er Milliarden Menschen zur Umsiedlung zwingen wird, öffnet er der gesamten Menschheit die Tür zu neuen Krisen. Neben den weltweiten Anstrengungen ist auch vieles, was wir als Einzelne tun können, für das Schicksal der Menschheit wichtig. Jeder muss mit anpacken. Wir sollten nicht vergessen, dass selbst kleine Anstrengungen mit der Zeit das Leben von Millionen Menschen positiv beeinflussen. Das Thema sollte ebenso als Sorge um uns selbst wie als Vermächtnis an künftige Generationen verstanden werden.

Wir müssen den Klimawandel in allen Lebensbereichen mitdenken. Wirkungen, die bisher unsichtbar waren, sind nun sichtbar geworden. Leider stehen viele kritische Schwellen kurz vor ihrer Überschreitung. Auch wenn wir gezwungen sind, den Klimawandel als Tor zur Hölle zu sehen, trage ich eine Hoffnung in mir: dass die Menschheit trotz aller Widrigkeiten lernen kann, zusammenzustehen. Vielleicht ist dieses düstere Bild auch eine Chance, die Türen zu einer Welt ohne Grenzen und Hierarchien zu öffnen.


[i] Baysal, B., & Karakaş, U. (2017). Climate Change and Security: Different Perceptions, Different Approaches. Uluslararası İlişkiler/International Relations, 14(54), 22

[ii] Trombetta, M. J. (2008). Environmental Security and Climate Change: Analysing the Discourse. Cambridge Review of International Affairs, s. 585-602.

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