Das Drusentum ist ein Glaubenssystem, doch mit ihrer starken Identität werden die Drusen fast als eigenes Volk wahrgenommen. Mit einem Einfluss in Libanon, Syrien und Israel, der ihre Zahl weit übersteigt, nimmt diese Gemeinschaft in den neuen Gleichgewichten Syriens eine Schlüsselstellung ein.
Auch wenn ich im Titel von einem „Volk“ spreche, ist das Drusentum eigentlich ein Glaubenssystem. Die Drusen haben mit der Zeit eine so starke kulturelle und gesellschaftliche Identität aufgebaut, dass sie zwangsläufig als eigenes Volk wahrgenommen werden.
Die Drusen, die ihre Identität im Lauf der Geschichte durch eine geschlossene Gesellschaftsstruktur bewahrt haben, haben sich in den gesellschaftlichen, politischen und militärischen Machtverhältnissen einen ganz eigenen Platz geschaffen. Heute werfen die neuen politischen Gleichgewichte und Unsicherheiten in Syrien viele Fragen zur Zukunft dieser Gemeinschaft auf.
In diesem Beitrag betrachten wir den Einfluss der Drusen in Geschichte und Gegenwart, ihre Macht und die neuen Herausforderungen, vor denen sie stehen.
Entstehung und historische Entwicklung des Drusentums
Es entstand im 11. Jahrhundert, als der fatimidische Kalif al-Hakim bi-amr Allah als göttliche Gestalt angesehen wurde. Hamza ibn Ali, der als Begründer des Glaubens gilt, prägte diese Lehre. Das Drusentum zeichnet sich durch strengen Monotheismus und den Glauben an die Wiedergeburt aus. Ein großer Teil seiner religiösen Schriften ist den in die Lehre Eingeweihten, den sogenannten ‘Uqqal, vorbehalten.
Im Lauf der Geschichte wurden die Drusen von anderen Glaubensrichtungen als Häretiker betrachtet und ausgegrenzt. Das drängte sie meist zu einem abgeschiedenen Leben in Bergregionen, machte sie aber auch zu Meistern darin, ihre religiöse Identität zu bewahren und politische Strategien zu entwickeln, um im komplexen Gefüge des Nahen Ostens zu überleben.
Die Drusen, die in osmanischer Zeit im Libanon einen halbautonomen Status erlangten, spielten zeitweise eine aktive Rolle in regionalen Machtkämpfen. Im 19. Jahrhundert hinterließen mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches vor allem die blutigen Auseinandersetzungen mit den christlichen Maroniten im Libanon tiefe Spuren in der Gemeinschaft. Später gab es jedoch auch Versöhnungsversuche zwischen Drusen und Maroniten.
Heute treten die rund 1 bis 1,5 Millionen Drusen in Libanon, Syrien, Israel und Jordanien nicht nur als religiöse Minderheit, sondern auch als einflussreiche Gemeinschaft mit gesellschaftlicher, politischer und militärischer Macht hervor.
Drusen in Israel: Loyalität und Privileg
Seit der Gründung Israels 1948 gelten die Drusen unter den nichtjüdischen Gemeinschaften als die dem Staat gegenüber loyalste Gruppe. Dass sie neben den Tscherkessen eine der beiden nichtjüdischen Gemeinschaften sind, die in den israelischen Streitkräften (IDF) wehrpflichtig sind, ist ein Zeichen dieser Loyalität.
In der israelischen Armee können Drusen nicht nur als Soldaten dienen, sondern bis in Offiziers- und Generalsränge aufsteigen. Drusische Generäle wie Amal Asad und Imad Fares waren an wichtigen Operationen der Armee beteiligt. Das hat den wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Status der Gemeinschaft gehoben.
Die Bindung der Drusen an Israel hat sie von anderen arabischen Gemeinschaften getrennt. Das hat ihnen Kritik und sogar Feindseligkeit propalästinensischer Araber eingetragen und auch zu inneren Spaltungen geführt. Im großen Bild war der privilegierte Platz der Drusen in der israelischen Gesellschaft jedoch ein Gewinn für die Drusen in den anderen Ländern der Region.
Die Drusen Syriens
Die Drusen in Syrien, deren Zahl auf rund 700.000 bis 750.000 geschätzt wird, leben überwiegend in der Region Suwaida.
Obwohl sie im Bürgerkrieg neutral zu bleiben versuchten, wurden sie zeitweise Ziel des Assad-Regimes, oppositioneller Gruppen und des IS. Die als kämpferisch bekannten Drusen bauten einen starken Selbstverteidigungsmechanismus auf. Dennoch wurden bei den Angriffen des IS auf Suwaida im Juli 2018 Hunderte Menschen getötet und viele Drusen als Geiseln genommen.

Im neuen Bild, das sich in Syrien abzeichnet, ist die Haltung der neuen, von Hayat Tahrir asch-Scham (HTS) geführten Regierung gegenüber religiösen Minderheiten noch von Ungewissheit geprägt. Bislang hat die HTS die Drusen jedoch weder direkt noch indirekt bedroht. Zu den wichtigsten Gründen gehören, dass die Drusen, obwohl zahlenmäßig kleiner als andere Minderheiten, politisch, wirtschaftlich und militärisch eine einflussreiche Kraft bilden, sowie ihre engen Beziehungen zu Israel. Aktualisierung (Oktober 2026): Nach Erscheinen dieses Beitrags hat sich die Lage grundlegend verändert. Bei Kämpfen in drusischen Orten bei Damaskus im April und Mai 2025 und in Suwaida im Juli 2025 zwischen Drusen auf der einen und Beduinenstämmen sowie regierungsnahen Kräften auf der anderen Seite wurden Berichten zufolge mehr als tausend Menschen getötet, die meisten von ihnen Drusen; Israel griff in Suwaida einrückende Regierungstruppen und Ziele in Damaskus an. Stand Oktober 2026 wird Suwaida weitgehend von bewaffneten Gruppen kontrolliert, die Scheich Hikmat al-Hidschri nahestehen, und das Verhältnis zu Damaskus ist festgefahren.
Bedeutung und Zukunft der Drusen im Nahen Osten
Die Drusen nehmen im religiösen, politischen und militärischen Kräfteverhältnis des Nahen Ostens eine besondere Stellung ein. Während sie in Israel als privilegierte Minderheit gelten, kämpfen sie in Syrien um ihren Status. Ihre geschlossene Gesellschaftsstruktur und ihre strengen Regeln bringen den Strategien, mit denen sie ihre Identität bewahren, sowohl Vor- als auch Nachteile.
Die Drusen versuchen, zwischen der Bewahrung ihrer traditionellen Werte und der Globalisierung ein Gleichgewicht zu finden. Dieser Prozess wirkt sich auf die Dynamik innerhalb der Gemeinschaft ebenso aus wie auf ihre Beziehungen zur Außenwelt.
Fazit
Das Drusentum ist nicht nur ein religiöser Glaube, sondern auch eine politische und gesellschaftliche Identität. Trotz der Unterdrückung, der sie in allen Epochen ausgesetzt waren, haben die Drusen in den komplexen Konfliktdynamiken des Nahen Ostens wirksame Strategien entwickelt, um ihre Identität zu bewahren und an Macht zu gewinnen.
Diese Gemeinschaft, kühn genug, sich nicht vor Konflikten mit den Großmächten ihrer Zeit zu scheuen, von den Kreuzfahrerheeren bis zu den osmanischen Armeen, hat zugleich durch politisches Geschick viele Erfolge erzielt. Letztlich erhöhen ihre privilegierte Stellung in Israel und die Ungewissheit in Syrien die Bedeutung dieser Gemeinschaft im Nahen Osten.
Die Zukunft der Drusen scheint davon abzuhängen, ob sie sich sowohl den Anforderungen der modernen Welt als auch den ständig wechselnden politischen Gleichgewichten des Nahen Ostens anpassen können. Werden ihnen ihre geschlossene, verschwiegene Gesellschaftsstruktur und ihr historischer Pragmatismus helfen, in dieser schwierigen Zeit einen Weg zu finden? Wir werden es gemeinsam sehen.
Quellen
- TDV-Enzyklopädie des Islam – Druze islamansiklopedisi.org.tr
- Harvard Divinity School – Druze in Syria rpl.hds.harvard.edu
- Türkische Nationalbibliothek – Drusen und Drusentum dijital-kutuphane.mkutup.gov.tr
- Al Jazeera – Suwaida bleibt in der Sackgasse (26. Oktober 2026) aljazeera.com
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