StartRecht und MenschenrechteEin Kind ist verschwunden

Ein Kind ist verschwunden

Hinter den Mauern ein Kind, das seinen angeketteten Vater nicht mehr erkennt. Eine Erzählung, die aus Kinderaugen vom Schicksal der in den Lagern Ostturkestans zerrissenen Familien berichtet.

Wieder war er in die Ferne abgeschweift. In letzter Zeit schweifte er oft ab. Sein Blick reichte nicht über die Mauern hinaus, aber er war kein Kind, das sich seine Träume nehmen ließ. „Wenn ich nur über diese Mauern käme“, sagte er jedes Mal. „Ach, wenn ich nur fliegen könnte …“

Er würde seine Mutter und seinen kleinen Bruder nehmen und mit ihnen in ihr Dorf zurückkehren. Er hatte die Not, die sie erlebten, gründlich satt. Er begann sogar zu vergessen, dass er ein Mensch war, dass sie früher ein normales Leben gehabt hatten. Und vielleicht würde später auch sein Vater kommen … Auch wenn die Hoffnung mit jedem Tag schwand, ohne Hoffnung ließ sich nicht leben.

Seit der Trennung hatte er seinen Vater ein paar Mal gesehen. Manchmal verrichtete er schwere Arbeit, manchmal putzte er. Seit dem letzten Mal waren mehr als zwei Monate vergangen. Wie immer trug er eine Kette am Fuß, doch diesmal war er anders. Er war sehr abgemagert und wirkte erschöpft. Das Schlimmste aber war, dass sein Vater ihn nicht erkannt hatte. Er konnte es einfach nicht begreifen. Immer wieder hatte er ihn gerufen, und obwohl der Vater ihn ansah, erkannte er ihn nicht. Dabei hatte er ihm so viel zu sagen. Wie er manches davon sagen sollte, wusste er selbst nicht …

Seit Monaten wurden sie fern von zu Hause in diesem Erziehungslager festgehalten. Eines Nachts, kurz vor dem Morgengrauen, war ihr Haus gestürmt worden, und man hatte sie gewaltsam mit Bussen hierhergebracht. Er verstand nicht, warum sie für eine Ausbildung so weit fahren mussten. Er und viele seiner Freunde gingen doch ohnehin zur Schule. Seine Eltern waren zu alt für die Schule, sein Bruder noch sehr klein. Man hatte ihnen Kleider und Habseligkeiten abgenommen und allen Overalls in einer Farbe und einem Schnitt angezogen. Die eigene Sprache zu sprechen und zu beten gehörte zu den häufigsten Gründen für Strafen. Sogar ihre Namen waren geändert worden; man hatte ihnen befohlen, statt uigurischer chinesische Namen zu verwenden. Als sie ankamen, kannten sie niemanden. Jeden Tag wurden neue Menschen gebracht und neue Gebäude errichtet. Mit der Zeit waren mit einigen Familien aus ihrem Dorf auch die Tochter der Nachbarn gekommen, die große Schwester, die er so sehr liebte. Sie war ein sehr fröhliches und geschicktes Mädchen. Natürlich wünschte er nicht, dass sie hier war, doch er wusste, dass es hier ohne sie noch viel schwerer wäre.

Ihre Tage waren inzwischen zur Routine geworden und flossen dahin. An die Härte der Wärter und Polizisten, an das Stoßen und Schubsen hatte er sich gewöhnt. Die Lehrer und Aufseher waren höflicher und freundlicher. Nur einmal hatte er erlebt, dass sie wütend wurden. Als ein Kind in seiner Klasse nach dem Niesen „Elhamdülillah“ sagte, waren sie zornig auf ihn losgegangen und hatten ihm gesagt, er dürfe das nie wieder sagen, sonst werde er zum Terroristen.

In der Schule hörten sie Geschichten über die Schönheit und die Legenden der chinesischen Kultur, lasen Bücher darüber, dass der Glaube an Gott und Religion falsch sei, und sahen sich Reden und Auftritte derer an, die den chinesischen Staat regierten. Alle, die sie unterrichteten, sagten, diese Erziehung sei notwendig, damit sie der Gesellschaft zurückgegeben würden, und am Ende würden sie zu sittlichen Menschen werden. Auch wenn er den Unterricht meist langweilig fand, wagte er es nicht zu sagen.

Am liebsten mochte er in der Schule das Mittagessen. Seit seiner Kindheit aß er sehr gern Fleisch. Fleisch und Schokolade waren seine Schwäche. Darin unterschied er sich eigentlich nicht von anderen Kindern. Er dachte an den Kawap[*], den sein Vater immer gemacht hatte, und sehnte sich nach den alten Tagen. Obwohl seine Mutter ihn warnte, das Fleisch nicht zu essen, blieb ihm nichts anderes übrig. Das Frühstück war sehr knapp und machte ihn nicht satt. Vor dem Mittagessen gab es außerdem anstrengenden Sportunterricht, und zum Essen gab es nur Fleisch. Weil er in einer Bauernfamilie aufgewachsen war, konnte er Fleisch am Geruch unterscheiden. Es schmeckte weder nach Rind noch nach Hammel. Trotzdem aß er es gern, und in letzter Zeit hatte er sogar zugenommen.

Als er an jenem Tag aus der Schule in ihr Zimmer im Lager zurückkehrte, fand er seine Mutter weinend vor. Seit Langem gab es kaum einen Tag, an dem seine Mutter nicht weinte oder traurig war. An der Heftigkeit und Tiefe ihres Weinens erkannte er, dass etwas Schlimmes geschehen war. Weil er wusste, dass sie ihm nicht antworten würde, fragte er nicht weiter. In der Hoffnung, etwas zu erfahren, ging er zur Zelle der großen Schwester. Ihre sonst immer ordentliche und saubere Zelle war verwüstet. Sie saß in einer Ecke und schluchzte. Ihre Kleider waren zerrissen, ihr Haar zerzaust, und an verschiedenen Stellen ihres Körpers hatte sie blaue Flecken. Als sie ihn sah, hob sie den Kopf und sah ihn eine Weile an. Sie schien zu schauen, ohne zu sehen. Dann nahm sie den Kopf wieder zwischen die Hände und weinte noch heftiger. Er wagte nicht zu fragen, was geschehen war. Eine Weile saß er neben ihr. Er hörte sie immer nur zwei Wörter murmeln: Schwarzer Raum!

Was „Schwarzer Raum“ bedeutete, wusste er nicht, aber er hatte es einige Male in Gesprächen gehört. Es war etwas Schlimmes, das bei dem, der davon erzählte, wie bei dem, der zuhörte, einen beängstigenden und widerlichen Ausdruck im Gesicht hinterließ. Mehr wusste er nicht.

Von diesem Tag an sah er die große Schwester nie wieder lächeln. Seine Mutter schlief nachts nicht mehr. Wann immer er nachts aufwachte, fand er sie weinend oder betend. Öffnete sich die Tür einer Zelle oder hörte sie einen Schrei, begann sie zitternd zu weinen und betete noch inniger.

Einige Zeit nach dem Unglück im „Schwarzen Raum“ ließ man die große Schwester frei. Weil sie weder gegessen noch getrunken hatte, war sie völlig entkräftet. Sie konnte nicht gehen und wurde von den Aufsehern auf den Armen hinausgetragen. Bald darauf kam die Nachricht, dass sie sich das Leben genommen hatte. Er konnte nicht begreifen, warum sich seine so lebensfrohe, fröhliche, lebenshungrige große Schwester umgebracht hatte. Er wusste nur, dass alles mit dem „Schwarzen Raum“ zu tun hatte …

Die Zeit verging, wer kam, konnte nicht mehr gehen, und ständig wurden neue Menschen gebracht. Mit jedem Tag nahmen Gewalt und Erniedrigung zu. Einmal hatte er gesehen, wie ein alter Mann vor seinen Augen halb totgeschlagen wurde. Als er ihm zu Hilfe eilen wollte, stellte ihm einer der Wärter ein Bein, und er fiel der Länge nach hin. Die Aufseher hörten auf, den Mann zu schlagen, und lachten ihn aus. In ihre Zelle zog ein chinesischer Mann, den er nie zuvor gesehen hatte, mit ein paar einfachen Sachen ein und sagte, er werde jetzt bei ihnen wohnen. So sehr seine Mutter auch weinte und sich wehrte, sie fand kein Gehör. Jeden Abend kam er betrunken nach Hause und wollte sein Essen fertig vorfinden. Nach dem Essen schlief er meist sofort ein. Andernfalls machte er das Leben noch unerträglicher, schrie seine Mutter und ihn an und stieß sie herum. Einmal hatte er sogar seinem kleinen Bruder eine Ohrfeige gegeben. Er versuchte, seine Familie vor diesem Mann zu retten, den er, da war er sicher, sein Leben lang hassen würde, doch er fand keinen Weg.

In der Schule gab es neue Regeln. Fast jeden Tag wurden Gesundheitsuntersuchungen durchgeführt, Größe und Gewicht gemessen. Nach dem Unterricht wurden sie meist nicht in ihre Zellen, sondern in Schlafsäle gebracht, in denen auch andere Kinder waren. Nur an schulfreien Tagen durfte er zu seiner Familie. Seine Mutter begann sich auch um ihn zu sorgen und fragte oft, was sie machten. Für ihn gab es nichts, worüber man sich sorgen musste, aber er konnte seiner Mutter auch nicht böse sein. Angesichts dessen, was ihnen in den vergangenen Monaten widerfahren war, war ihre Angst ganz natürlich.

Auch dieser Tag war nicht anders als die anderen, oder wenn doch, so wusste er es nicht. Es war Freitag, und er hatte seine Mutter und seinen Bruder seit etwa einer Woche nicht gesehen. Er merkte, wie sehr er beide vermisste. Am Vortag hatte er zwischen den Steinen im Hof eine Blume wachsen sehen. Er frühstückte und dachte daran, die Blume zu pflücken und seiner Mutter zu bringen. „Vielleicht lächelt sie zum ersten Mal seit Langem“, seufzte er. Sein Bruder würde sicher auch eine wollen, aber ihm würde er beim nächsten Mal eine bringen. Vor dem Unterricht lief er in den Hof, pflückte die Blume und versteckte sie in seinem Overall. Im Klassenzimmer nahm er sie heraus und legte sie ins Pult, damit sie nicht beschädigt würde. Die Lehrerin kam mit einem Polizisten herein. Der Polizist hielt eine Liste und Papiere in der Hand. Die Namen einiger Schüler der Klasse, darunter seiner, wurden verlesen. Sie sollten aufstehen und dem Polizisten folgen. Durch lange Flure gelangten sie zum Ausgang. Man setzte sie in einen Kleinbus, und sie fuhren aus dem Lager hinaus.

Er hatte Angst und war zugleich aufgeregt. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft kam er hinaus. Das Fahrzeug hielt vor einem alten Gebäude an einem trostlosen Ort außerhalb der Stadt, und man sagte ihnen, sie sollten aussteigen. Innen war das Gebäude wie ein Krankenhaus eingerichtet. Entweder war es früher ein Krankenhaus gewesen, oder man hatte später versucht, eines daraus zu machen. In den Räumen warteten Ärzte mit Masken, Kitteln und Handschuhen. Die Beklemmung in ihm wuchs, einige Kinder begannen sogar zu weinen. Ein normal gekleideter Mann kam zu ihnen. Er sagte, sie sollten keine Angst haben, alles sei in Ordnung, und verteilte die Schokolade, die er in der Hand hielt, an die Kinder. Alle Angst war verflogen, doch als der Arzt sagte, jeder bekomme eine kleine Spritze, bekam er wieder Angst. Während er seine Schokolade aß, hörte er dem Mann zu. Als er erfuhr, dass es nach der Spritze noch einmal Schokolade geben würde, wich seine ganze Angst der Freude. Er hatte das Geschenk für seinen kleinen Bruder gefunden. Er wusste, dass auch sein Bruder schon lange keine Schokolade mehr gegessen hatte. Eifrig stimmte er zu und streckte den Arm aus. Er bekam die Spritze, und bald wurde er müde. Er konnte sich nicht länger wachhalten und schlief in dem Raum ein, in dem sie warteten …

Im Traum spielte er im steinigen Hof vor ihrer Zelle im Lager. Er sah, dass er anstelle der Arme Flügel hatte, und versuchte zu fliegen. Er konnte wirklich fliegen. Er flog und stieg zum Himmel auf …

Während er zum Himmel aufstieg, hatte man seinen mit nachlässigen Stichen zugenähten Körper auf einer schmutzigen, rostigen Trage zurückgelassen, wie einen leeren Hautsack, in dem nichts als Knochen war. Seine Schokolade blieb in dem Raum, in dem sie gewartet hatten, seine Blume im Pult, und zurück blieben seine Mutter und sein Bruder, gebeugt vor Kummer.

Aus dem tiefen Schlaf erwachte er nie wieder, er kehrte nicht in sein Dorf, seine Zelle, seine Schule zurück. Niemand hörte je wieder von ihm. Wer nach ihm fragte, bekam keine Antwort. Als wäre ein solches Kind nie geboren worden, als hätte ein solcher Mensch nie gelebt … Er war nur die unbeachtete Folge einer Unterdrückung, die angeblich nie stattfand.

Er hatte keinen Namen. Und hätte er einen gehabt, was hätte es geändert! Außer einer Handvoll Verlassener fragte niemand nach ihm, niemand wollte etwas über ihn wissen. Er bekam weder ein Grab noch ein Leichentuch. Er verschwand in erbarmungslosen Händen.


[*] Uigurisch: ein Gericht aus kleinen, am Spieß gerösteten Fleischstücken

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