StartSicherheitDie Besetzungen Afghanistans und des Irak mit den Augen Machiavellis

Die Besetzungen Afghanistans und des Irak mit den Augen Machiavellis

Scott Savitz von RAND empfahl der US-Regierung zwei Bücher Machiavellis. Der Text bewertet die Besetzungen Afghanistans und des Irak im Licht von Machiavellis Gedanken über Eroberung und Herrschaft.

Scott Savitz, der bei der „RAND Corporation“ meist Analysen zu Fragen der Militärtechnik erstellt, lenkte diesmal den Blick auf die menschliche Dimension des Krieges. Und zwar mit zwei Buchempfehlungen an die US-Regierung: „Der Fürst“ und „Discorsi. Gedanken über die erste Dekade des Titus Livius“ des Strategen Niccolò Machiavelli.

Der Abzug der US-Armee aus beiden im Titel genannten Ländern wird nicht als Sieg bezeichnet. Wie Obama sagte: „Einen Krieg zu beginnen ist leicht, ihn zu beenden schwer. Ich hoffe, Amerika hat das inzwischen gelernt.“

Die Ratschläge, die der Staatsmann und Militärstratege Machiavelli zu Beginn des 16. Jahrhunderts in beiden Werken den Herrschern als Wegweiser niederschrieb, haben offenbar noch immer Gültigkeit. Wie würde Machiavelli, lebte er heute, das Vorgehen der USA in den Kriegen in Afghanistan und im Irak bewerten? Was würde er empfehlen?

Erstens: Vertraut nicht der Diaspora!

Wenn ihr in ein Land eingreift oder dies plant, vertraut nicht den Versprechen seiner Bürger im Exil. Betrachtet ihre Hilfsangebote mit Misstrauen. Denn diese Menschen haben stets eine eigene Agenda und wollen euch benutzen, um ihre Ziele zu erreichen. Auch wenn sie sagen, sie würden euch helfen, werden die Hoffnung auf Rückkehr und der Wunsch, die bestehende Regierung zu stürzen, ihre Einschätzung der Lage in ihrem Land beeinflussen. Das wird euch in die Irre führen.

Als Beispiel lassen sich die Beziehungen der Bush-Regierung zu Ahmed Chalabi vor der Irak-Invasion anführen. Der irakische Politiker Chalabi, der während der Herrschaft Saddam Husseins lange im Exil in Großbritannien und den USA lebte, hatte den USA mit der Behauptung, im Irak gebe es Massenvernichtungswaffen, falsche Informationen geliefert und später eingeräumt, die Amerikaner getäuscht zu haben. Zudem hatte Chalabi erklärt, amerikanische Soldaten würden, wenn sie kämen, um den Irak von Saddam zu befreien, von der Bevölkerung willkommen geheißen. Vielleicht wollte die Bush-Regierung das auch hören, doch das Ergebnis war eine Enttäuschung.

Zweitens: Zieht niemals mit zu wenigen Soldaten ein!

Plant die militärische Stärke so, dass sie eine Entscheidung herbeiführt, also den Krieg in kurzer Zeit beendet! Einer der Fehler der US-Armee in den Kriegen in Afghanistan und im Irak war, die anfängliche Truppenstärke niedrig zu halten.

Drittens: Bewahrt das bestehende Verwaltungssystem!

Die USA zerschlugen den gesamten Staatsapparat, sobald sie den Irak besetzt hatten. Dabei hätte man manche Einheiten bewahren und die Reform über sie durchführen müssen. Auch wenn ihr die von euch unterstützten Personen an die Macht bringt, führt ein völliger Neuaufbau des Systems zu einem großen Vakuum in der Staatsführung, zu Arbeitslosigkeit und Wut. Die Regierungen im Irak, die nie Fuß fassten, sind ein Beispiel dafür.

Viertens: Nehmt die militärische Geografie ernst!

Machiavelli hat in seinen Werken die Kommandeure, die in einer Region dienen sollten, eindringlich vor mangelnder Ortskenntnis gewarnt. Aus irgendeinem Grund wurde die Geografie Afghanistans von den Großmächten, besonders von amerikanischen Führern, stets unterschätzt. Das gebirgige Gelände und die harte gesellschaftliche Struktur, die sie mit Technik und Aufklärung überwinden zu können glaubten, haben den Amerikanern jahrelang das Leben schwer gemacht. Vor rund 200 Jahren Großbritannien und danach die Sowjets bekamen die schwierigen Bedingungen des Landes zu spüren. Der britische Premierminister Harold Macmillan muss seine Lektion sofort gelernt haben, denn er fasste seine erste goldene Regel so zusammen: Marschiert nicht in Afghanistan ein!

Sicherheitsexperten zufolge mag man glauben, ein Land wie Afghanistan unter Kontrolle gebracht zu haben, doch über seine physische und menschliche Geografie wird man nicht gebieten können.

Auch die im Irak auf Schiiten, Sunniten, Araber oder Kurden vereinfachte Gesellschaftsstruktur gehört zu den Themen, bei denen die Amerikaner „nur Bahnhof verstanden“. Die Stammes-, Fraktions- und ideologischen Spaltungen in der Gesellschaft und die Existenz zahlreicher kleiner Minderheiten wurden leider übersehen, und alle Versuche endeten in Enttäuschung.

Fünftens: Geld!

Die letzte Lehre aus Machiavellis Werken ist natürlich „das Geld“. Nach Angaben des letzten Zentralbankchefs Afghanistans hat das Land sieben Milliarden Dollar in den USA. Dieses Geld steht unter der Kontrolle der US-Notenbank (Federal Reserve). „Wird den Taliban der Zugriff auf dieses Geld geöffnet?“ ist eine der schwierigen Fragen, die die USA beantworten müssen.

Ein weiteres Thema ist die Haltung der USA und Europas zu den Lagerstätten, die unter die Kontrolle der Taliban geraten sind. Amerikanischen Fachleuten zufolge sind die Eisen-, Kupfer-, Lithium- und Kobaltvorkommen des Landes eine Billion Dollar wert. China hat längst lukrative Abkommen geschlossen und ist einen Schritt voraus. Sollten also auch die USA und die europäischen Länder die Taliban wegen dieser Bodenschätze anerkennen und Wirtschaftsbeziehungen aufbauen? Andernfalls würden sie den großen Kuchen sehenden Auges China überlassen.

Chinas Sorge ist eine ganz andere. Wird die berühmte Geografie Afghanistans den verfolgten Uiguren eine Heimat bieten, und werden die Bergbauarbeiten gestört, wenn die Uiguren manipuliert werden?

Kann also jeder Weg zur Durchsetzung von Interessen als legitim gelten? Auch diese Frage Machiavellis an uns möge hier am Rande stehen.

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