StartGesellschaft und PolitikDas Land des Friedens, das sich selbst Feinde schafft

Das Land des Friedens, das sich selbst Feinde schafft

Wir sind eine Gesellschaft, die sich mit Verwandten jahrelang zerstreiten kann. Der Autor fragt, wie sich derselbe Groll in der Außenpolitik und der Innenpolitik des Staates niederschlägt und wie das „Land des Friedens“ sich seine eigenen Feinde schafft.

Wie lange können Sie mit Ihren Liebsten, Ihren Nächsten oder Ihren Verwandten zerstritten bleiben? Eine Stunde? Einen Tag? Eine Woche? Vielleicht einen Monat.

Ich spreche nicht von einer endgültigen Trennung nach einem unverzeihlichen Fehler. Was auch immer der Grund ist: Wenn Ihr Herz nicht versteinert ist, wollen Sie ein Zerwürfnis wegen nicht ernster Dinge nicht in die Länge ziehen.

Es stimmt, dass wir als Gesellschaft etwas „nachtragend“ sind. So emotional wir auch sein mögen, Vergeben und Versöhnen fallen uns nicht leicht. Wir haben Verwandte und Bekannte, die wegen Belanglosigkeiten jahrelang nicht miteinander sprechen. Auch Sie haben sicher schon jahrelange grundlose Zerwürfnisse erlebt.

Eigentlich interessiert mich nicht, wie lange wir mit unseren Angehörigen zerstritten bleiben können, sondern wie lange wir die Feindschaft mit unseren Feinden aufrechterhalten können.

Stellen wir uns vor, in der Türkei würde eine Umfrage mit der Frage durchgeführt: ‚Welches Land wünscht sich am meisten Frieden in der Welt und unternimmt die meisten Initiativen dafür?‘ Die Antwort würde mit überwältigender Mehrheit ‚die Türkei‘ lauten. Denn wir glauben, dass unser Land und unsere Nation für den Weltfrieden eine sehr wichtige Stellung einnehmen. Während andere Länder aus Eigeninteresse so handeln, handeln wir stets in guter Absicht und ohne Gegenleistung zu erwarten. Oder zumindest glauben wir das.

Staaten werden durch Krieg gegründet und durch Zusammenarbeit bewahrt

Nehmen wir die Beziehungen zwischen den USA und Japan, die in gegenseitige Feindschaft umschlugen, als die USA den Japanern, die im Zweiten Weltkrieg den Angriff auf Pearl Harbor verübt und Tausende amerikanische Soldaten getötet hatten, mit den ersten Atombombenangriffen der Geschichte antworteten. Nicht lange nach dem Krieg konnten sie mit dem Land, das rund 230.000 ihrer Bürger in Sekunden ausgelöscht hatte, Handels- und Militärbeziehungen aufnehmen und von Freundschaft sprechen. Sie konnten einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und aus Fehlern lernen. Statt Feindschaften ewig fortzuführen, konnten sie Lösungen und neuer Zusammenarbeit den Weg ebnen. Mehr noch: In den kommenden Tagen werden sie ein neues Abkommen über Hyperschallwaffen unterzeichnen.

Auch Länder haben wie Menschen Gefühle und eine Psyche. Auch Staaten haben Wunden, die nicht verheilen, und Schmerzen, die nicht vergehen. Dennoch kann man nicht einem Land ewige Feindschaft entgegenbringen, nur weil man sich einmal gegenüberstand. Man kann nicht jede Erklärung, jede Bewegung eines Landes, das man als Rivalen sieht, als Bedrohung für sich auffassen. Das Leben geht nicht in ständiger Schizophrenie und Paranoia weiter. Ja, Land wird vielleicht mit Blut und Krieg gewonnen, aber nicht mit Blut und Feindschaft bewahrt. Es wird durch Zusammenarbeit, Freundschaft und Abkommen bewahrt.

Sind immer ausländische Mächte schuld an dem, was geschieht?

Als Land glauben wir, dass uns mit wenigen Ausnahmen alle mit feindseligen und neidischen Blicken betrachten. Dazu gehören auch die verbündeten Länder, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Ich glaube, es dürfte kaum ein anderes Land geben, das ohne Krieg so viele Feinde angehäuft hat. Und das, obwohl es sich zum Vertreter von Frieden und Sicherheit erklärt.

Weder im Kalten Krieg noch in der unipolaren Weltordnung ist es uns gelungen, mit irgendeinem Land wirklich befreundet zu sein. Obwohl wir abgesehen von Korea und Zypern seit fast einem Jahrhundert keinen Krieg geführt haben, nimmt die Zahl unserer Feinde nicht ab. Selbst unsere Beziehungen zu unseren Verbündeten hängen an einem seidenen Faden. Unsere wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit liegt weit unter dem, was sie sein sollte. Selbst bei Projekten, an denen wir beteiligt sind, bleiben wir außen vor, wenn es ans Teilen geht. Das Interessante ist, dass sich dies nicht auf die Regierungspolitik beschränkt. Nach Ansicht eines großen Teils der Gesellschaft ist fast jedes Land und jede Nation, die im globalen Gleichgewicht Macht besitzt, unser Feind, hegt böse Absichten gegen unser Land und bewundert uns obendrein insgeheim. Sie sind auch für jedes sensationelle Ereignis verantwortlich…

Der größte Grund dafür, dass unsere Außenpolitik so wechselhaft und schwach ist, liegt darin, dass sie vom Wort einer einzigen Person abhängt. Vor allem wegen der Schwächen dieser Person und ihrer Verbrechen von internationaler Tragweite. Während die USA mit den Akten zu Halkbank und Korruption durchsetzen, was sie wollen, erpresst Russland Zugeständnisse über den 15. Juli und das IS-Öl. Infolgedessen kaufen wir als NATO-Mitglied S-400-Systeme. Wegen des Drucks können wir das System aber nicht aktivieren. Länder wie Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien, mit denen wir gestern befreundet waren, stehen infolge falscher Politik gegen uns. Ob es ein Ergebnis des Misstrauens des Volkes gegenüber anderen Staaten ist, dass die Außenpolitik selbst gegenüber Ländern gleichen Glaubens so voller negativer Sichtweisen ist, oder ob sich die Sicht des Staates auf das Volk übertragen hat, bleibt ein Rätsel. Fest steht, dass diese Denkweise uns bisher nichts als Schaden gebracht hat.

Es gibt tatsächlich viele Beispiele, die das deutlicher machen. Äußern sich die Niederlande negativ über unsere Politiker, drohen wir sofort, indem wir Orangen zerschneiden. Kritisiert Frankreich unsere Pressefreiheit, schlachten wir Hähne. Warnt Amerika vor der Verletzung von Grundrechten und Grundfreiheiten, verbrennen wir Dollar und zertrümmern Telefone. Am originellsten war für mich, dass in Istanbul aus Protest gegen China Südkoreaner angegriffen wurden, die uns gegenüber zu den treuesten und freundlichsten Menschen gehören, weil man sie wegen ihrer Mandelaugen für Chinesen hielt. Unsere außenpolitische Strategie hätte man nicht besser beschreiben können, finde ich…

Ein seit jeher wiederholter Spruch erklärt die Lage eigentlich sehr deutlich: „Der Türke hat keinen Freund außer dem Türken.“

Wie wahr ist dieser Spruch also? Gibt es wirklich keine anderen Nationen, die uns Türken lieben oder Sympathie für uns empfinden? Warten alle Länder nur auf eine Gelegenheit, uns anzugreifen oder zu vernichten?

Ich glaube, die Antwort auf solche Fragen lässt sich mit einem einzigen Beleg geben. Schon die Wörter ‚Griechenland‘ und ‚Grieche‘ zu hören, genügt in unserem Land, damit sich die Brauen zusammenziehen und die Nerven anspannen. Ob es daran liegt, dass es das letzte Land ist, gegen das wir Krieg geführt haben, oder daran, dass es noch politische Probleme gibt, weiß man nicht, aber wir hegen eine unglaubliche Feindschaft gegen die Griechen. Dass eines der schlimmsten Schimpfwörter ‚Grieche‘ ist, fasst die Lage zusammen. Man glaubt, dass sie uns gegenüber genauso empfinden. Ehrlich gesagt dachte ich das auch, bis ich nach Griechenland ging. Denn so wurde es sowohl in den Schulen als auch in unserem Umfeld geglaubt und erzählt. Ja, in der Vergangenheit gab es Feindschaften und Kriege. Aber solche Feindschaften kann es sogar zwischen Geschwistern geben. In den neun Monaten, die ich in Griechenland verbrachte, hörte ich kein einziges negatives Wort über Türken, sondern erlebte Freundschaft, Wärme und Unterstützung, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Man glaube nicht, dass sie von uns keinerlei Schaden erlitten hätten. Ich sah, wie einem Arzt griechischer Herkunft, der seinen Wehrdienst in der Türkei geleistet und jahrelang gedient hatte, die Augen feucht wurden, als er von der Türkei sprach, obwohl sein Besitz geplündert und er wie ein Vertriebener fortgeschickt worden war. Die erste Reaktion der Menschen, die erfuhren, dass wir Türken sind, war ein Lächeln und die Worte „Bruder“ und „Nachbar“. Alle, mit denen wir sprachen, sagten, dass wir Brudervölker seien, die Politiker aber Politik machten, indem sie uns als Feinde darstellten.

Ähnliches lässt sich über Deutschland und die Deutschen sagen. Umfragen zufolge sehen 68 % die Deutschen als Feinde. Warum sollten die Deutschen, in deren Land rund 3 Millionen Menschen türkischer Herkunft leben und die Türken noch immer offen empfangen, vor Türkenfeindlichkeit glühen? Ich hatte gehört, dass die Deutschen die erste Gruppe von Arbeitern aus der Türkei mit Mehter-Märschen und Blumen empfingen. Denn die Türken in ihren Köpfen waren die starken, mutigen, aufopferungsvollen, ehrlichen und sittsamen osmanischen Soldaten, mit denen sie gemeinsam in den Ersten Weltkrieg gezogen waren. Was auch immer sie danach erlebt haben: Heute begegnen sie Türken mit Misstrauen. Könnte der Grund für ihre heutige Distanz nicht darin liegen, dass wir weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben sind?

Wirken die Reaktionen der Deutschen auf Menschen, die in jeder Sache den bequemen Weg wählen, Steuern zu hinterziehen versuchen, vom Staat Arbeitslosengeld beziehen und schwarzarbeiten und das in Deutschland verdiente Geld auf illegalen Wegen in die Türkei schaffen, nicht sehr mild im Vergleich zu dem, was heute in der Türkei mit den Syrern geschieht?

Notwendig ist eine Außenpolitik, die nicht auf Wählerstimmen, sondern auf Freunde zielt

Wenn die Nationen, die wir als unsere größten Feinde kennen, so für uns empfinden, lohnt es sich, uns selbst zu hinterfragen. Vielleicht schaffen wir uns imaginäre Feindschaften, kämpfen gegen Windmühlen und schotten uns von der Welt ab. Wir glauben, dass keine andere Nation uns ebenbürtig ist, und rühmen uns noch immer historischer Erfolge. Wir sehen uns als unvermeidlichen Hauptdarsteller, damit die Welt wieder Frieden findet. Die unbewussten Gründe und Motive dafür können wir den Sozialpsychologen überlassen. Doch es ist eine Tatsache, dass wir als Land das internationale System nicht sehr gut verstehen. Wir pressen Nationen in ein allgemeines Schema und verurteilen eine ganze Gesellschaft anhand eines einzigen Beispiels. So übersehen wir die eigentlich Verantwortlichen für unsere Misserfolge und hegen Groll gegen „nicht existierende“ Feinde, die uns die Verantwortlichen präsentieren.

In der Zeit, in der wir leben, haben wir wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. So sehr wir uns schämen, es auszusprechen: Unsere Wirtschaft steht kurz vor dem Bankrott. Nicht nur im Inland, sondern auch international sind wir mehr denn je auf Zusammenarbeit und Solidarität angewiesen. Bei der Gestaltung unserer nach außen gerichteten Politik müssen wir Schritte unternehmen, die nicht den Stimmengewinn in den Mittelpunkt stellen, sondern auf realistische, wirtschaftliche und regionale Beziehungen zielen.

Es gibt Feinde, die dir in schweren Tagen ohne Gegenleistung die Hand reichen. Und es gibt Freundschaften, die keine Feinde mehr nötig machen. Sie geben sich als Freunde, nutzen aber deine schlechten Tage, um dein Hab und Gut zu plündern.

Nach dem Marmara-Erdbeben vom 17. August 1999 und bei den Waldbränden der vergangenen Jahre war Griechenland das erste Land, das ohne Gegenleistung zu Hilfe eilte; Katar dagegen kauft unsere wertvollsten Institutionen im Gegenzug für das Geld, das es unserer auf finanzielle Unterstützung angewiesenen Wirtschaft gibt. Also muss man fragen: Wer ist Freund, wer ist Feind?

Monatlich · kostenlos

Kompass des Monats

Der monatliche Newsletter von PUGAT.

Wir senden Ihnen einen Bestätigungslink; Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutz

Weiterlesen

Was ist PUGAT? Eine gemeinnützige Gemeinschaft, die aus Europa unabhängige Analysen zu Sicherheit, Migration und Gesellschaft auf Türkisch, Deutsch und Englisch veröffentlicht.

Zur Startseite
RELATED ARTICLES

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr aus Gesellschaft und Politik

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
Alle →
Aktuelles Dossier

Ukraine-Krieg 2022

15 Beiträge →

Themen

Monatlicher Newsletter

Der monatliche Newsletter von PUGAT.

Wir senden Ihnen einen Bestätigungslink; Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutz