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Feldwebel Selim

Ein junger Berufsunteroffizier, der bei Stadtoperationen sein Leben riskierte, findet sich nach dem 15. Juli im Gefängnis von Şırnak wieder. „Feldwebel Selim“ ist eine Erzählung über Soldaten, die als „Verräter“ gebrandmarkt wurden.

Er schreckte aus dem Schlaf hoch. Er sah sich um. Er träumte nicht. Mit 20 Waffenbrüdern war er in einer kleinen Zelle im Gefängnis von Şırnak zusammengepfercht. Ihm fielen die Worte ein, die seine Mutter vor zwei Jahren gesagt hatte, als er zur ärztlichen Untersuchung für die Laufbahn als Berufsunteroffizier ging: „Mein Sohn, du bist so unerfahren, hoffentlich passiert dir beim Militär nichts.“ Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Er dachte an die Flüche der Polizisten und an die Folter an seinen Kommandeuren, und ihm wurde schwer ums Herz.

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In seinem Kopf herrschte Durcheinander. Er konnte nicht begreifen, dass Hunderte Soldaten, die noch eine Woche zuvor bei Stadtoperationen bereit gewesen waren, sich für die Heimat zwischen den Bomben zerfetzen zu lassen, nun als „Verräter“ gebrandmarkt dicht gedrängt in Zellen gefangen saßen. Einmal war er den Tränen nahe. Ihm wurde eng ums Herz. Er musterte die Gefängniszelle von einem Ende zum anderen. Es war sein dritter Tag in Haft, doch es kam ihm vor, als sei er seit Jahren in dieser feuchten Zelle.

Seit dem Tag, an dem er in der Kommandobrigade seinen Dienst angetreten hatte, war er zu Hunderten schwerer Einsätze aufgebrochen, mal bei klirrender Kälte, mal bei sengender Hitze. Vor allem in den letzten acht Monaten hatte er bei Ortskampfoperationen Angst in allen Spielarten erlebt, doch was er jetzt fühlte, war keine Angst. Eine tiefe Unruhe, die er sich nicht erklären konnte, hielt seine Seele gefangen. Von Politik verstand er nichts, und sie interessierte ihn auch nicht besonders. Sein einziger Leitsatz war: „Wer seine Heimat am meisten liebt, erfüllt seine Pflicht am besten.“ Nach diesem Leitsatz konzentrierte er sich auf seinen Dienst.

Wann immer ihm die Flüche der Polizisten einfielen, war er den Tränen nahe, und angesichts dieser Lage, die er nicht begriff, brach er innerlich zusammen. Einmal traf sein Blick den von Feldwebel Yasin, der im selben Team gedient hatte und sieben Jahre dienstälter war. Auch er saß grübelnd auf seiner Pritsche, und er hörte ihn sagen: „Wie die sich über uns lustig gemacht haben.“ Als sie am Vortag zum Hofgang gegangen waren, hatten PKK-Kämpfer aus den Nachbarzellen sie lautstark verhöhnt und verspottet. Feldwebel Yasin sprang von der Pritsche und kam zu ihm.

„Grünschnabel, gib mal eine Zigarette her. Was zündest du dir eine nach der anderen an! Sei nicht so trübsinnig, du bist ledig. Was würdest du machen, wenn du verheiratet wärst wie wir?“

„Darum geht es nicht, Bruder. Ich kann nicht fassen, was passiert ist. Du hast auch gesehen, was sie mit Hauptmann Fatih gemacht haben!“, sagte er, und Tränen begannen ihm aus den Augen zu fallen.

Feldwebel Yasins Lippe zitterte, er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.

„Nicht doch, wein nicht. Diese Tage gehen vorbei. Wir werden wieder zusammen sein. Er ist ein guter Soldat, er hält durch. Wir dürfen uns nicht verlieren“, brachte er nur heraus.

„Die Wärter sagen, sie haben die Offiziere und Unteroffiziere nach Mardin gebracht. Die Polizei hat die Brigade umstellt. Bruder Yasin, wir haben mit diesen Polizisten Schulter an Schulter gekämpft … Was soll das, Bruder? …“

„Sie befolgen auch nur Befehle. Manche haben wohl einen besonderen Hass auf Soldaten, aber man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Schau, laut den Nachrichten sind wir alle Verräter, aber dass wir keine Verräter sind, wissen sie am besten. Warum wollen sie uns opfern?“

Tage folgten auf Tage, und zuerst Feldwebel Yasin, dann Feldwebel Selim wurden entlassen, um sich auf freiem Fuß dem Verfahren zu stellen. Nach jener verfluchten Nacht waren alle inhaftierten Berufsunteroffiziere nach drei Monaten freigelassen worden. Nach der Haft nahm Feldwebel Selim eine Woche Urlaub und fuhr in sein Dorf, zu seiner Mutter. Er wünschte, diese Woche möge nie enden. Sollte er nicht zurückkehren und im Dorf Hirte werden? Doch er war ins Gerede des Dorfes geraten. Und wenn er nicht zurückkehrte, wäre das Gerede nicht mehr aufzuhalten.

Als er nach dem Urlaub durch das Brigadetor trat, kam es ihm vor, als betrete er ein Trauerhaus. Weil es nicht genug Offiziere für jede Kompanie gab, hatte man einige Kompanien zusammengelegt. Der neu ernannte Brigadekommandeur kannte die Region sehr gut. Es hieß, er habe dem Gouverneur gemeldet, dass er keine Leute für Einsätze habe, der habe es den Richtern gesagt, und daraufhin habe man die Berufsunteroffiziere freigelassen. Als er zum Kompaniegebäude ging, lernte er den neu ernannten Unteroffizier für Verwaltung kennen. Der sagte zu Selim:

„Alle aus der Haft entlassenen Soldaten melden sich zuerst bei Oberleutnant Burak. Hol weder Waffe noch Tasche, geh direkt zum Kompaniechef und melde dich.“

Als er zur Tür seines Kommandeurs ging, traf er ihn im Flur. Er meldete sich sofort und stellte sich vor. Oberleutnant Burak sagte „Komm herein, Selim“, und sie gingen in das Büro des Kommandeurs. Er war ein sehr herzlicher Offizier. Sie unterhielten sich eine Weile. Oberleutnant Burak machte ihm Mut und tröstete ihn. Als er das Büro verließ, fühlte er sich erleichtert. Er holte tief Luft. Er holte Rucksack und Ausrüstung und ging auf sein Zimmer.

Eine Woche war vergangen, als der neue Teamführer, so alt wie er, dem Team verkündete, dass am nächsten Tag ein Einsatz anstehe. „Nach vier Monaten wieder im Einsatz“, sagte er sich. Doch diesmal ginge es in die Berge. Er war ein Dorfkind, er liebte die Berge.

Die letzten Herbsttage. Nachts war der Frost schon zu spüren. Als er seine Tasche packte, nahm er seinen khakifarbenen Wollpullover in die Hand. Er dachte an seinen Kameraden Mustafa, der um diese Zeit im vergangenen Jahr gefallen war. Zum ersten Mal hatte er so deutlich gesehen, wie die Seele eines Sterbenden ihn verlässt; beim Tod seines liebsten Freundes hatte er den Körper gesehen, der sich beim letzten Atemzug verzweifelt dagegen wehrte zu gehen, und die Augen, die langsam ihren Glanz verloren und leer ins Nichts starrten.

Um 10 Uhr morgens war Appell. Oberleutnant Burak kam nicht. Nachdem die Teamführer die Anwesenheit festgestellt hatten, setzte die Kompanie ihre Vorbereitungen fort. Inzwischen war Feldwebel Yasin aufgefallen, dass kein einziger Offizier zu sehen war:

„Selim, wo sind die Offiziere?“

„Die halten wohl eine Einsatzbesprechung ab, Bruder, sie kommen zum Nachmittagsappell“, sagte er.

Feldwebel Yasin erwiderte: „Seltsam.“

Es war 15 Uhr nachmittags, der Befehl zum Appell war gegeben. Während die Kompanie bereitstand, erschien Oberleutnant Burak an der Tür des Bataillons. Mit schweren Schritten näherte er sich seiner Kompanie. Nachdem der Kompaniefeldwebel Meldung gemacht hatte, betrachtete Oberleutnant Burak 20 Sekunden lang schweigend seine Kompanie und sagte dann:

„In diesem Abenteuer des Lebens ist keine Begegnung Zufall. Jeder Mensch, dem wir begegnen, lehrt uns etwas. Ich bin als Verbannter hierhergekommen, doch was die, die mich verbannt haben, nicht wissen: Die eigentliche Verbannung für Soldaten wie uns ist, dass man uns voneinander trennt. Das sollt ihr vor allem wissen, Jungs. Jetzt breche ich in eine echte Verbannung auf, zu einer Reise ins Ungewisse. Jede Reise hat ihre Schwierigkeiten. Anders ist es nicht denkbar. Doch die Schwierigkeiten und Hindernisse, denen wir begegnen, sind nicht da, um uns zu schwächen, sondern um uns zu schulen und reifen zu lassen. Heute wurde ich aus dem Dienst entlassen. Beim Einsatz heute Nacht werde ich nicht bei euch sein. Seid sehr vorsichtig. Ihr geht in ein Gebiet, das lange niemand betreten hat. Jetzt möchte ich mich der Reihe nach von jedem von euch verabschieden und jedem die Hand geben“, sagte er und begann, seinen Leuten die Hand zu schütteln.

Als Feldwebel Selim an der Reihe war, ergriff er nicht nur seine Hand, sondern umarmte plötzlich seinen Kommandeur.

„Schon gut, Selim“, sagte Oberleutnant Burak.

Feldwebel Selim sagte:

„Herr Oberleutnant, die Welt ist vergänglich, vergeben Sie mir.“

„Was hätte ich dir zu vergeben! Sie haben uns nicht zusammenarbeiten lassen. Wenn es etwas gibt, ist es dir von Herzen vergeben, vergib auch du mir.“

„Vergeben, Herr Oberleutnant …“

Als sie zum Einsatz aufbrachen, zeigte Feldwebel Yasin durch das kleine Fenster des Panzerfahrzeugs auf die Polizeipanzer am Brigadetor:

„Sie sind gekommen, um die entlassenen Offiziere abzuholen. Oberleutnant Burak nehmen sie auch mit. Sieh dir das an! Die Füße sind zum Kopf geworden, die Köpfe zu Füßen! …“

Sie hatten keinen Kompaniechef. Als sie in einer sternklaren Nacht mit schneidendem Frost über gewundene Wege den Berg Cudi hinaufstiegen, waren die Herzen gebrochen und die Körper unter den schweren Rucksäcken müde.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang erreichten sie das Gebiet, das sie halten sollten. Nachdem festgelegt war, wer wo Stellung bezieht, gingen Feldwebel Selim, Feldwebel Yasin und ein weiterer Kamerad auf einen Punkt mit guter Sicht auf das Tal zu. Die Sonne war am Horizont aufgegangen, und das Tal erwachte mit Vogelgezwitscher. Während Feldwebel Selim, an die Ereignisse des Vortags denkend, vorwärtsging, spürte er, wie ihm eine Explosion die Füße vom Boden riss. Beim Fallen schlug er mit dem Kopf auf einen Felsen. Er spürte sein warmes Blut im Mund. Ihm blieb die Luft weg. Er sah nichts mehr. Er wollte schreien, konnte es aber nicht. Nach einer Weile hörte er die Stimme von Feldwebel Yasin, der versuchte, ihm eine Infusion zu legen. „Halt durch, Bruder, du schaffst es“, sagte er. Er bat Feldwebel Yasin, den er mit einem Auge verschwommen sah, um Wasser. Er konnte einen Schluck trinken. Feldwebel Selims Füße waren abgerissen, Steinsplitter waren in seinen Körper gedrungen, seine Verletzungen waren sehr schwer. Zehn Minuten hielt er durch, dann gab er seine Seele hin.

In diesem Abenteuer des Lebens ist keine Begegnung Zufall. Jeder Mensch, dem wir begegnen, lehrt uns etwas. Ich bin als Verbannter hierhergekommen, doch was die, die mich verbannt haben, nicht wissen: Die eigentliche Verbannung für Soldaten wie uns ist, dass man uns voneinander trennt.

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