Eine Politik, die eine Vielvölkerzivilisation zum Vorbild erhebt und sich zugleich aus einem an Rassismus grenzenden Nationalismus speist, ist ein tiefer Widerspruch. Der Autor kritisiert einen Regierungsstil, der sich auf Mehmed den Eroberer beruft.
Es gibt einen Widerspruch, den ich nie verstehen werde, wie viel Zeit auch vergeht: dass diejenigen, die Politik im Namen einer Zivilisation machen, die Dutzende Völker in sich vereinte, und jene, die diese Politik unterstützen, nationalistische Ansichten vertreten, die an Rassismus grenzen. Was meinen Sie, woran liegt das: daran, dass man die Osmanen nicht verstanden hat, oder am Missbrauch von Empfindlichkeiten?
Wenn Menschen ihrer Rasse und Nationalität über jedes Maß hinaus Liebe und Bindung entgegenbringen, bringt das nicht nur keinen Nutzen, sondern kann zu einer Krankheit werden, die sowohl der Gesellschaft als auch dem Seelenleben des Einzelnen schadet. Schon dass jemand allein wegen seiner DNA behauptet, anderen überlegen zu sein, ist an sich krankhaft. Krankhaft deshalb, weil es mit der Zeit dazu führt, dass er andere geringschätzt, verachtet und alle anderen für wertlose Wesen hält, die ihm zu dienen haben. Weil diese Krankheit in der jüngeren Vergangenheit einen großen Teil der Menschheit erfasst hatte und weil die Herrschenden diese Schwäche ausnutzten oder selbst teilten, wurden die Grundsteine für den blutigsten Krieg der Geschichte gelegt. In diesen sinnlosen Kriegen brachen Staaten zusammen, und Millionen Menschen wurden getötet.
Leider sagen diejenigen, die unser Land heute regieren, sie nähmen sich Mehmed den Eroberer zum Vorbild, und führen doch eine Verwaltung, die an Nimrod erinnert.
Hautfarbe, Gesichtszüge und körperliche Merkmale sind kein Grund, sich über andere zu erheben, und auch die Taten der Vorfahren sollten für Menschen weder Anlass zu Stolz noch zu Scham sein. Um das deutlicher zu machen, ein Beispiel: Als ich noch ein kleiner Schüler war und ein neuer Lehrer in unsere Klasse kam, fragte er die Schüler der Reihe nach einiges ab. Dabei beging er einen großen Fehler, den ein Pädagoge nie begehen sollte, und fragte auch nach den Berufen der Eltern. Schüler mit gebildeten Eltern oder Eltern in angesehenen Berufen gewannen in den Augen des Lehrers sofort an Wert, während sich die anderen für Berufe schämten, die vielleicht nicht einmal ihre Familien selbst gewählt hatten. Als würde man für ein nie begangenes Verbrechen angeklagt und verurteilt. Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?
Hat Zukunft, wer in der Vergangenheit stecken bleibt?
Unsere Älteren erinnern sich oft wehmütig an ihre Jugend und erzählen vor allem, dass die Bayram-Feste früher schöner gewesen seien. Die Verklärung der Vergangenheit, die anhand des Osmanischen Reiches gezeichnet wird, entspringt meiner Meinung nach ebenfalls dieser Sehnsucht.
Für viele gilt es als beschämend, als Nachfahren eines über Kontinente ausgedehnten Reiches mit der Schwäche zu leben, innerhalb der heutigen Grenzen und in der Welt nicht genug zu sagen zu haben. Deshalb glaubt man, manches würde sich bessern, wenn man nach den Regeln oder der Verwaltung jener Zeit lebte. Doch die Wahrheit, die viele übersehen, ist, dass genau hier der Hauptgrund für den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und vieler ähnlicher Staaten liegt: dass sie nicht mit ihrer Zeit und deren Entwicklungen Schritt hielten … Ich möchte auch darauf hinweisen, dass in dem mächtigen Staat jener Zeit wiederum türkische Familien und Siedlungen die größten Entbehrungen ertrugen und den niedrigsten Lebensstandard hatten. So schwer es fällt, das zu akzeptieren: Schon eine einfache Recherche zeigt, dass die meisten Wohlhabenden in der osmanischen Verwaltung nicht Türken waren, sondern anderen Völkern angehörten.
Wer Politik mit Nationalismus macht, verspricht dem Volk Verhältnisse, die es nie gesehen und erlebt hat, in denen aber seine Vorfahren einst gelebt haben sollen. Ob wahr oder erfunden, das Volk träumt stets davon, in Zeiten zu leben, die den Legenden der Vergangenheit gleichen. Es träumt von einer mit Hörensagen rosarot gefärbten Utopie eines Lebens, das sich mit heutigen Lebensstandards keinesfalls vereinbaren ließe. Träumen mag es ja, doch es wünscht sich all das, ohne die Bedingungen zu kennen, die es in der Praxis niemals akzeptieren würde.
Lassen sich dieselben Ziele mit anderem Verhalten und Charakter erreichen?
Aufgrund der Zeit, in der sich meine Jugend formte, und des Berufs, den ich seit meiner Kindheit ausübe, wuchs ich als Nationalist auf, der seiner Geschichte verbunden ist. Auch wenn ich meinen Wurzeln treu bin und sie achte, wirken die Bekundungen von Sehnsucht und Bewunderung für die Osmanen, die Seldschuken und andere alte türkische Staaten, die ich besonders in letzter Zeit so oft höre, auf mich inzwischen unsympathisch und weltfremd. Denn zwischen denen, die diese Argumente benutzen, und den Gestalten der Geschichte, die ich gelernt habe, bestehen Gegensätze von Grund auf. Schlimmer noch: Diese Gegensätze beschränken sich nicht auf einen engen Kreis, sondern haben einen großen Teil der Gesellschaft erfasst.
Händler, die ihren Kunden fehlerhafte Ware als neu verkaufen und die Kunden des Nachbarn mit Tricks in den eigenen Laden lotsen und dabei von der Handelsmoral der Zeit Mehmeds des Eroberers schwärmen …
Politiker und Bürokraten, die Politik mit dem Ideal des bescheidenen Lebens machen, sich als Diener des Volkes ausgeben und versprechen, nie in einem warmen Bett zu ruhen, sind so grausam wie Nimrod, so hochmütig wie der Pharao und so reich wie Korach …
Richter, die unablässig die Kadis rühmen, die ihre Keule unter dem Gewand verbargen und dem Sultan eine Lektion in Gerechtigkeit erteilten, lassen die Menschen den schlimmsten Tyrannen nachtrauern …
Journalisten und Künstler, die sich der Furchtlosigkeit von Gestalten wie Nef’î, Omar Chayyam und Ziya Pascha gegenüber den Missständen der Ordnung rühmen, werden zu Rädchen im Getriebe und zu Herolden der Unterdrückung: Das passt weder zur Geschichte, noch ist es im Verhältnis von Wort und Tat stimmig.
Gegenüber all diesen schönen Tugenden gleichgültig zu bleiben, Menschen, die gerade wegen dieser Eigenschaften in die Geschichte eingegangen sind, für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren und sich zu rühmen, ihre Nachfahren zu sein, ist wohl nichts anderes als Ausbeutung.
Natürlich muss man dieses Bild auch umgekehrt betrachten. Könnte man doch für jene, die davon träumen, mit den Eigenschaften von heute nach den Regeln der Vergangenheit zu leben, eine Simulation durchspielen und zusehen. Ich bin sicher, es kämen lehrreiche Bilder heraus. Dann würden wir sehen, wie diejenigen, die vor der Tastatur den Grenzen neue Städte hinzufügen, vor dem Militärdienst desertieren und sich verstecken, und wie viele Menschen mit abgehackten Händen oder Zungen durch die Straßen gingen …
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