Ein Erdbeben ist vor allem ein Sicherheitsproblem. Nach jedem Beben werden gegebene Versprechen und eingenommene Steuern vergessen. Nach Ansicht des Autors ist wiederholte Nachlässigkeit keine Nachlässigkeit mehr, sondern Verrat.
Am 6. Februar 2023 um 4.17 Uhr erlebten wir das zweitstärkste Erdbeben in der Geschichte unserer Republik. Das Beben der Stärke 7,7 mit Epizentrum in Pazarcık (Kahramanmaraş) richtete gewaltige Zerstörungen an. Ich vermute, gemessen am betroffenen Gebiet ist es das größte Erdbeben, das wir erlebt haben.
Ein Erdbeben ist vor allem ein Sicherheitsproblem. Es muss in seinen individuellen, gesellschaftlichen, regionalen und internationalen Dimensionen betrachtet werden. Es erfordert vorausschauende Planung. Die Fähigkeit zu schneller Hilfe hängt von ernsthaften Investitionen in Personal und Ausrüstung ab. Auf Erdbebengebiete muss unabhängig von Politik und Interessengeflechten reagiert werden. Denn das menschliche Leben ist weit, weit mehr wert als jede politische, ideologische oder wirtschaftliche Gewinnerwartung.
Die Türkei ist leider erneut bei fast allen genannten Kriterien durchgefallen. Wenn trotz so vieler großer Erdbeben und Katastrophen bis heute keine Lehren gezogen und keine Vorkehrungen für die Zukunft getroffen wurden und sich das immer wiederholt, dann heißt das nicht mehr Nachlässigkeit. Wiederholte Nachlässigkeit „Verrat“ zu nennen, halte ich für unbedenklich.
Nach jedem Erdbeben haben wir uns daran gewöhnt, dass ein Erdbebenfonds eingerichtet, eine Erdbebensteuer erhoben, Bildungsprogramme zur Sensibilisierung erarbeitet, Erdbebenübungen abgehalten und versprochen wird, erdbebensichere Gebäude zu bauen und alle bestehenden Gebäude auf ihre Erdbebensicherheit zu prüfen. Und wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir nicht einmal protestieren, wenn diese Sensibilität zwei Tage später vergessen ist, die Regierung sich taub stellt und, was noch bitterer ist, niemand Rechenschaft darüber verlangt, wofür das gesammelte Geld ausgegeben wurde. Ich vermute, das liegt auch daran, dass wir uns den Spruch „Das Feuer brennt dort, wo es hinfällt“ so sehr zu eigen gemacht haben. Ja, das Feuer brennt, wo es hinfällt, und wer verbrennt, wessen Haus und Hof zerstört ist, wird vom Feuer in seinem Inneren verzehrt.
Aber was ist das für eine Gefühllosigkeit, dem Leid anderer zuzusehen?
Ist derjenige, der dem Leid anderer zusieht, ein gewöhnlicher Bürger, mag man das „Gleichgültigkeit“ nennen und darüber hinweggehen. Zeigt sich dieses Zusehen aber beim Politiker, der bei der Führung des Landes mitzureden hat, beim fachlich ausgebildeten Bürokraten, bei der Behörde, die wirtschaftliche Macht in Händen hält, bei dem Rechtsakteur, der verpflichtet ist, Recht und Gerechtigkeit herzustellen, kann man es nicht als Gleichgültigkeit abtun. Für mich ist das im vollen Sinn Verrat am eigenen Land und an seinen Bürgern. Die Türkei lebt mit der Realität von Erdbeben, und leider zahlt das Volk seit Jahren die bittere Rechnung großer und kleiner Beben.
Unsere Regierenden führen ständig den Spruch „Lass den Menschen leben, damit der Staat lebt“ im Mund. An dem Punkt, an dem wir heute stehen, sind sie aber bei der Gleichgültigkeit von „Der Tod liegt in der Natur der Sache!“ oder „Es war Schicksal!“ angelangt. Das ist kein akzeptables Regierungsverständnis. Gottvertrauen ist ein Element religiösen Glaubens. Wer in Regierungsverantwortung steht, hat kein Recht, dieses Verständnis zu missbrauchen. Aber sie missbrauchen es. Einfach gesagt: Sie machen die Religion zum Werkzeug der Politik. Sie beuten die religiösen Gefühle der Menschen aus. Wenn wir dem bei der jetzigen Regierung einen Namen geben wollen, müssen wir nicht zögern, es „politischen Islam“ zu nennen.
Den Angehörigen der Toten den Tod schönzureden, ist nicht Aufgabe derer, die das Land regieren. Ihre Aufgabe ist es, die Wege in den Tod so weit wie möglich zu verschließen, also Menschen am Leben zu erhalten.
Wie? Unser Erfahrungsschatz ist voller bitterer Erfahrungen. Zuerst müssen aus diesen bitteren Erfahrungen Lehren gezogen werden.
Man mag einwenden, dass Prüfung, Kontrolle und Erneuerung alter Gebäude viele Jahre dauern werden. Doch die Ausrede, dass die Vorbereitungen auf ein Erdbeben, die längst hätten getroffen sein müssen, nicht abgeschlossen sind, ist nach so vielen bitteren Erfahrungen nicht mehr hinnehmbar.
- Zunächst hätte man mit diesen Vorbereitungen beginnen können, indem man die stärksten bisher im Land gemessenen Erdbeben sowie die von Fachleuten erwarteten möglichen Höchststärken und Regionen berücksichtigt.
- Danach hätte man die Maßnahmen planen können, die nötig sind, um nach einem Beben in den Katastrophengebieten einzugreifen.
- In diesem Rahmen hätte man Personal für Such- und Rettungseinsätze ausbilden können.
- Material und Ausrüstung für den Einsatz hätte man beschaffen und einsatzbereit halten können.
- Erprobte, flexible und umsetzbare Einsatzpläne hätte man griffbereit haben können.
Doch nichts davon wurde auf brauchbare Weise getan. Wäre es getan worden, würden wir heute, 48 Stunden nach dem Beben der Stärke 7,7 mit Epizentrum in Kahramanmaraş, nicht noch immer Trümmerstellen sehen, die niemand erreicht hat. Wir müssten nicht mit ansehen, wie Menschen, die der Zerstörung entkommen sind, unter den Trümmern ausharren, um nicht zu erfrieren. Wir müssten nicht empört verfolgen, wie Rettungsarbeiten ohne Strom, im Dunkeln und in der Kälte stattfinden. Wir würden nicht in den Tränen eines Vaters ertrinken, der eine Packung Kekse in seiner Tasche verwahrt, um sie seinem Kind zu geben, falls es lebend aus den Trümmern kommt.
Den Toten des Erdbebens Klagelieder nachzurufen, ist nicht die Aufgabe der Machthaber. Die Machthaber und alle, die an der Regierung beteiligt sind, sind verpflichtet, tausendundeinen Weg zu finden, Menschen am Leben zu erhalten. Und dafür führt kein Weg daran vorbei, Rechenschaft darüber abzulegen, was sie erreicht haben und was nicht. Denn für diejenigen, die das Land regieren, muss es einen Preis haben, dem Leid anderer zuzusehen.
Quellen
- AFAD – Erdbeben vom 6. Februar 2023 afad.gov.tr
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