Den Aufstieg der extremen Rechten in Deutschland allein politisch zu erklären, greift zu kurz. Es geht um die Angst von Menschen, die sich vergessen fühlen. Der Autor meint, die Antwort liege nicht in der Angst, sondern im Vertrauen.
Manchmal ist der beste Weg, eine Gesellschaft zu verstehen, ein Blick in den Spiegel. Aber ein wirklicher Blick … Nicht nur auf unser Gesicht, sondern auch auf die Spuren dahinter, die Risse, die Linien, die die Zeit hinterlassen hat.
Deutschland steht heute ein wenig vor einem solchen Spiegel. Auf den ersten Blick wirkt alles geordnet: starke Institutionen, eine funktionierende Verwaltung, eine disziplinierte Wirtschaft. Auf dem Papier ist das System nahezu makellos. Doch wer etwas genauer in den Spiegel schaut, bemerkt etwas anderes. Als ginge ein feiner Riss durch das Glas. Nicht sehr groß, aber er ist da. Man müsste wegsehen, um ihn nicht zu sehen.
Die Frage, die in den letzten Jahren so oft gestellt wird, entspringt genau hier: Warum erstarkt die extreme Rechte in Deutschland so schnell?
Es gibt einfache Antworten auf diese Frage. Doch einfache Antworten sind oft nicht die richtigen. Denn das Problem liegt jenseits der Politik, tiefer, verborgen in den Gefühlen der Menschen.
Heute tragen viele Menschen in Deutschland ein Gefühl der Unsicherheit in sich. Sie haben den Eindruck, dass ihnen die Kontrolle über ihr Leben langsam entgleitet. Das Gefühl, dass die Zukunft nicht mehr so vorhersehbar ist wie früher, wächst. Und dieses Wachstum setzt die Angst in Gang.
Dabei ist Deutschland kein Land, das sich durch Angst definieren ließe. Im Gegenteil: Wir sprechen von einer Gesellschaft, die nach der schwersten Zerstörung ihrer Geschichte wieder auf die Beine gekommen ist. Von einem Land, das aus Städten in Trümmern eine Demokratie aufgebaut hat. Es gibt daher keinen Grund zu glauben, dass der heutige Pessimismus von Dauer ist.
Dafür muss man aber zuerst den Riss im Spiegel sehen und verstehen, warum er entstanden ist.
Nur „dagegen“ zu sein, reicht nicht
Gegen etwas zu sein, ist leicht. Manchmal fühlt man sich mit einem einzigen Satz gut. Zum Beispiel: „Nein zur extremen Rechten.“
Dieser Satz ist natürlich wichtig. Doch für sich allein löst er nichts und hinterlässt Lücken. Und radikale Ideen wachsen meist in solchen Lücken. Sie schlagen dort Wurzeln, wo Menschen sich allein fühlen und glauben, dass ihre Stimme nicht gehört wird.
Wenn ein Mensch das Gefühl hat, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben, kann selbst die härteste Parole beruhigend klingen. Denn einfache Antworten sind immer tröstlich.
Wenn ein Vater überlegt, wie er am Monatsende die Rechnungen bezahlen soll, nützt es wenig, ihm die theoretischen Vorzüge der Demokratie zu erklären. Wenn ein junger Mensch spürt, dass seine Zukunft ungewiss ist, reicht es nicht, ihm Geduld anzuraten.
Der Mensch will sich zuerst sicher fühlen.
Menschen, die sagen: „Sie haben uns vergessen“
In den letzten Jahren hört man in verschiedenen Regionen Deutschlands einen ähnlichen Satz: „Sie haben uns vergessen.“
Diesen Satz hört man nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in kleinen Industriestädten, auf dem Land, ja sogar in den Randvierteln der Großstädte.
Die Menschen klagen nicht immer über eine Wirtschaftskrise. Manchmal ist es ein Gefühl, das die Unzufriedenheit auslöst. Als ginge das System voran, während sie zurückbleiben.
Nehmen wir den Staat. Der Staat kann manchmal sehr mächtig wirken und sich zugleich sehr fern anfühlen.
Begegnen Bürgerinnen und Bürger dem Staat nur über Steuerbescheide oder komplizierte Formulare, wird die Bindung schwächer. Wenn dagegen in einem Viertel eine neue Schule eröffnet, eine Fabrik vor der Schließung bewahrt wird oder eine Familie eine bezahlbare Wohnung findet, wird der Staat wieder sichtbar.
Gleichheit entsteht oft weniger aus großen politischen Parolen als aus kleinen, alltäglichen, gewöhnlichen Momenten.
Dass sich ein Mensch nicht vergessen fühlt, ist für die Demokratie oft wertvoller als Theorien, die ganze Bände füllen.
Die Tür zur Zukunft
Eines der stärksten Gegenmittel gegen Radikalisierung ist Bildung. Doch Bildung ist nicht nur Wissen.
Wichtig ist, dass ein junger Mensch diesen Gedanken verinnerlichen kann: „Wenn ich arbeite, habe ich einen Platz in dieser Gesellschaft.“
Heute stellen sich in Deutschland junge Menschen mit Migrationsgeschichte und junge Deutsche gleichermaßen dieselbe Frage: „Wo ist unsere Zukunft?“
In einem System, in dem die Anerkennung von Abschlüssen in jahrelanger Bürokratie versandet und eine Berufsausbildung immer schwerer erreichbar wird, kann die Antwort darauf verschwimmen. Dabei brauchen Menschen in einer Gesellschaft, in der Arbeit gewürdigt wird, weniger radikale Lösungen.
Wer seine Zukunft sehen kann, glaubt den Versprechen des Hasses nicht so leicht.
Der Riss im Spiegel
An die dunklen Jahre der 1930er wird in Deutschland häufig erinnert. Diese Erinnerung ist wichtig. Denn manche Seiten der Geschichte können erneut geschrieben werden, wenn man sie vergisst. Doch Geschichte ist nicht nur eine Geschichte der Katastrophen. Sie ist auch eine Geschichte des Wiederaufstehens.
Deutschland hat das schon einmal geschafft. Nach schwerer Zerstörung hat es eine starke Demokratie aufgebaut. Die Probleme, vor denen es heute steht, sind andere, aber nicht unlösbar.
Die eigentliche Frage ist die der Richtung. Gesellschaften gehen manchmal auf die Angst zu und manchmal auf die Solidarität. Die einfachste Frage, die wir heute stellen sollten, lautet: „Wie können wir zusammenleben?“
Wenn Gerechtigkeit nicht nur in Gerichtssälen, sondern auch im Alltag spürbar wird, wenn Menschen einander weiterhin als Nachbarn und nicht als Rivalen sehen, dann beginnt sich der Riss im Spiegel langsam zu schließen.
Die Möglichkeit ist da. Die Kraft auch. Werden wir diese Kraft nutzen, um unsere Ängste zu vergrößern, oder um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen?
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