StartAus dem LebenWir sind alle gestorben, nur euch haben sie begraben

Wir sind alle gestorben, nur euch haben sie begraben

Zum ersten Jahrestag des Erdbebens ein Brief aus einem Zelt zwischen den Trümmern an die verlorene Familie. Ein persönliches Zeugnis von Schmerz, Vernachlässigung und Einsamkeit.

Ja, ich bin es wieder. Was soll ich machen, ich vermisse euch. Bis zum Abend vergesse ich euer Fehlen irgendwie über der Arbeit. Doch auf dem Heimweg fällt mir wieder ein, dass ihr nicht da seid. Wundert euch nicht, dass ich es mein Zuhause nenne: Es ist ein notdürftiges Zelt zwischen den Trümmern. Haluk Levents Verein hat es mir gegeben. Der hat es wiederum vom Roten Halbmond gekauft.

Ironisch, nicht wahr? Der Rote Halbmond, der mit unserem Geld Zelte gekauft hat, verkauft uns die Zelte. Wärt ihr da, wäre mir dieses Zelt ein Palast, aber egal. Bald sollen Wohncontainer in unser Viertel kommen, aber wir bekommen keinen.

Nein, nein, nicht weil ich zur Opposition gehöre. Wer vom Staat Wohnhilfe bekommen soll, bekommt sie angeblich nicht, wenn er in einem Container wohnt. Du würdest sagen: „Sei dankbar, auch dafür“, aber ich kann nicht verdauen, dass ein „so großer Staat“ so etwas tut.

* * *

Uns geht es noch gut. Wer per Notstandsdekret entlassen wurde, bekommt nicht einmal diese Hilfe, heißt es.

Den ganzen Weg über halte ich nur mit Mühe die Tränen zurück. In der belebten Straße, die einst von Läden gesäumt war, hallen jetzt die Stille und der Schrei des Todes. Überall verstreute Betonblöcke, zwischen zusammengesackten Stockwerken eingeklemmte Möbel, Dächer, die mit dem Boden eins geworden sind; glaub mir, es sieht unserem Viertel gar nicht mehr ähnlich.

Je näher ich unserem eingestürzten Haus komme, desto weniger kann ich mein Schluchzen zurückhalten. Als sich mein Blick mit dem der Frau aus der Straße trifft, die sich früher über den Lärm der Kinder beschwerte, lassen wir beide unseren Tränen freien Lauf. Dann fällt mein Blick auf den Laden des Kaufmanns an der Ecke. Ich stelle mir vor, wie er früher war, und rede mit ihm. „Unsere Kinder werden bei dir keine Bonbons und keine Schokolade mehr kaufen“, bringe ich mühsam heraus. Könnte er antworten, würde er vielleicht mit bitterem Lächeln sagen: „Ich lege trotzdem etwas für sie zurück.“

* * *

Wisst ihr, heute ist der erste Jahrestag jenes Erdbebens.

Ich weiß nicht, wie ich ein Jahr ohne euch ausgehalten habe. Eigentlich ist für uns an jenem Tag die Zeit stehen geblieben, nur die Zeiger drehen sich weiter. Wie der Dichter sagte: „Wir sind alle gestorben, nur euch haben sie begraben.“ Und dies hier ist ein Garten des Schmerzes unter der Erde, in dem auf den Grabsteinen Nummern statt Namen stehen, in dem mehrere Menschen im selben Grab liegen, viele davon Kinder und Babys.

Eigentlich habe ich sogar Glück, hier zu sein. An eurem Grab sitzen und mein Herz ausschütten, ab und zu Blumen und Spielzeug bringen und Wasser gießen zu können, ist zum Luxus geworden. Manche haben nicht einmal das Grab ihrer Familie gefunden; die leblosen Körper anderer wurden unter den Schutt gemischt und als Material für die neuen Gebäude verwendet, die sie bauen wollen.

* * *

Neulich hörte ich bei der Arbeit euer Lieblingslied.

Als ich die Ohren spitzte, um es zu hören, hörte ich plötzlich eure Schreie. Das Echo von „Rettet uns, uns ist so kalt“ ging mir monatelang nicht aus dem Ohr. Jetzt denke ich, wie leer die Worte waren, mit denen ich euch beruhigen wollte.

Gleich würden die Soldaten kommen, AFAD würde kommen und euch retten. Früher riefen die Rettungsteams, jetzt rufen die unter den Trümmern: „Ist da jemand?“ Unsere Soldaten kamen sogar nach den Rettungsteams aus dem Ausland. Das „Präsidialsystem“, das wir eingeführt haben, damit der Staat schnell entscheiden kann, ist zu einem System „nach Lust und Laune des Präsidenten“ geworden.

Weißt du, was er neulich gesagt hat? „Wenn Zentralregierung und Kommunalverwaltung nicht Hand in Hand arbeiten, kommt in dieser Stadt nichts an. Ist in Hatay etwas angekommen?“ Er deutete an, dass er so diejenigen bestraft, die ihn nicht gewählt haben. Du kennst doch die, die sagen, wenn am Ufer des Euphrat ein Wolf ein Lamm reißt, seien sie dafür verantwortlich? Das Ufer des Euphrat wurde dem Erdboden gleichgemacht, und sie fühlten sich nicht einmal dafür verantwortlich. Niemand trat zurück, niemand entschuldigte sich.

Nach dem Erdbeben war der Staat lange nicht zu sehen, aber die Unterstützung der Bürger spürten wir von der ersten Stunde an. Die Menschen mobilisierten für uns, was sie hatten. Bekannte und Unbekannte, Einheimische und Fremde, alle versuchten, uns zu helfen. Außer, ja, den Einrichtungen, deren Aufgabe das ist. AFAD, dessen Aufgabe die Katastrophenhilfe ist, weigerte sich sogar, uns die Hilfe zukommen zu lassen, die andere geschickt hatten. Und wisst ihr, warum? Hilfsgüter, auf denen nicht „AFAD“ stand, sollten angeblich nicht an die Bürger verteilt werden. Kurz gesagt: Verantwortliche, die nicht einmal die Hälfte ihrer Aufgaben erfüllten, und Hilfsorganisationen, die ihre Verantwortung nicht einmal kannten, setzten sich auf alle Hilfen und suchten ihren eigenen Vorteil.

* * *

Neulich soll ein Minister im Fernsehen die wahre Zahl der Erdbebentoten verraten haben. Nach dieser Behauptung haben wir 130.000 Leben verloren; die offizielle Zahl liegt bei rund 53.000. Doch selbst wenn du den Zustand unseres schönen Viertels nur von Weitem sähest, würdest du merken, dass die offizielle Zahl eine große Lüge ist.

* * *

Letzten Monat gab es in Japan ein Erdbeben. Sie nannten es nicht „Katastrophe des Jahrhunderts“. Vielleicht, weil nicht einmal ein Prozent so viele Menschen starben wie bei uns. Wenn weiterhin ohne jede Regel neue Häuser und Gebäude auf Erdbeben- und Verwerfungslinien gebaut werden, wird die Zahl der „Katastrophen des Jahrhunderts“ weiter steigen. Ich weiß nicht, ob es ein anderes Land gibt, das so viel bebt und dem es so gleichgültig ist.

Schon gut, schon gut, ich höre auf, vor den Kindern über Politik zu reden. Es nagt so viel an mir, so viel Unrecht kränkt mich, dass ich manchmal einfach den Mund nicht halten kann. Heute habe ich wieder zu viel geredet. Egal, vergiss nicht, ihnen Märchen zu erzählen. Du weißt, sie haben Angst, im Dunkeln zu schlafen. Ich erzähle ihnen ihre Lieblingsgeschichte. Ein Licht für sie anzuzünden, fehlt mir die Kraft, aber wenigstens sollen sie meine Stimme hören. Dann gehe ich. Morgen komme ich ja wieder. Wie gern würde ich fragen: „Soll ich euch etwas mitbringen?“ Ich vermisse euch so sehr, dass ich manchmal nicht einmal weiß, warum ich von hier weggehe. Aber das Leben geht weiter. Auch ohne Seele lebt der Körper irgendwie weiter.

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