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Ich liege unter den Trümmern

„Mein Name ist Gewissen. Ich liege in der Türkei unter den Trümmern.“ Ein Essay, der mit der Stimme des Gewissens von verspäteter Hilfe, ausbleibenden Soldaten und zu spät eintreffenden Rettungsteams nach dem Erdbeben vom 6. Februar erzählt.

Mein Name ist Gewissen …

Ich liege in der Türkei unter den Trümmern …

Während niemand mich erreichen, sehen oder hören kann, sehe und höre ich alles, was geschieht …

Zuerst war da nur große Fassungslosigkeit und Angst …

Die, als sich Staub und Rauch legten, einem wachsenden Schmerz wich …

Ich versuchte, stark zu sein, auszuharren, zu überleben … Eine andere Wahl hatte ich ohnehin nicht …

Stundenlang hörte ich Stöhnen … Ich hörte jene, die über ihre Wunden weinten, Mütter, die nach ihren Kleinen riefen und keine Antwort bekamen …

Und natürlich die Zehntausenden, deren Schweigen die Zurückgebliebenen in Schreie stürzte …

Dann begann die Kälte wie ein Messer in meinen ohnehin zerschundenen Körper zu schneiden …

Der fallende Regen und der wehende Wind schürten meine nicht enden wollenden Schmerzen immer weiter …

Mein Name ist Gewissen …

Ich liege in der Türkei unter den Trümmern …

In den ersten Stunden wollte ich Sirenen hören, wehmütig heulende Sirenen, die in meinem Herzen das Gefühl wecken würden, dass Hilfe kommt …

Ich konnte sie nicht hören …

Ich wartete Stunden, Tage …

Meine Augen suchten Mehmetçik, den türkischen Soldaten … Mehmetçik, der in den schwersten Zeiten aufrecht an der Seite seines Volkes steht und dessen Wunden verbindet …

Ich konnte ihn nicht sehen …

Mehmetçik, der früher bei Katastrophen ohne auf Befehle zu warten die vorbereiteten Pläne in seinem Verantwortungsbereich umsetzte … Diesmal konnte er ohne Befehl seine Kaserne nicht verlassen …

In jener Nacht und am nächsten Tag hatte ich mir gesagt, dass als erster Befehl sofort Zehntausende Soldaten losgeschickt worden sein müssten …

Es war nicht so, wie ich dachte … Sie hätten an der Seite der Bürger sein, für Ruhe sorgen, Ordnung schaffen sollen, sagte ich …

Sie waren es nicht … Sie konnten es nicht sein … Sie kamen viel zu spät …

Mein Name ist Gewissen …

Ich liege in der Türkei unter den Trümmern …

Hatten wir nicht nach dem Erdbeben von Gölcük Dutzende Such- und Rettungsteams aufgebaut … Helden, die bei Erdbeben Leben retten …

Dann wartete ich auf sie …

Stundenlang, ja tagelang wartete ich auf viele von ihnen …

Sie kamen zu spät …

Natürlich wollten sie viel früher kommen, aber …

Sie konnten nicht kommen …

Sie blieben auf den Straßen stecken … Sie verfingen sich in der Bürokratie … Sie unterlagen dem Schneesturm … Sie konnten nicht kommen …

Und da waren die Bergleute, immer vorn und in der Hauptrolle bei den gefährlichsten Rettungseinsätzen …

Die Bergleute, die in ihren weißen Overalls Licht ins Dunkel bringen …

Auch sie konnten nicht kommen …

Wissen Sie, warum?

Weil man sie nicht losschickte, obwohl sie bereitstanden … Es mussten 36 Stunden nach dem Beben vergehen, bis sie den ersten Vorschlaghammer auf die Trümmer niedersausen lassen konnten …

Mein Name ist Gewissen …

Ich liege in der Türkei unter den Trümmern …

Es war ein Kampf um Leben und Tod …

Hunderttausende unter den Trümmern, Millionen draußen, wir alle waren fassungslos und wütend …

Wie hätten wir es nicht sein sollen?

Während ich all das erlebte, erklärte ein Vertreter der Katastrophenschutzbehörde AFAD schon in der Nacht des ersten Tages: „Im Moment ist überall alles unter Kontrolle und jeder Ort erreicht!“

Der Zugang zu Twitter, über das Hunderttausende ihren Standort meldeten, wurde gesperrt …

Die Sendemasten auf den Dächern fielen nach den Einstürzen aus, und weil Telefon- und Internetinfrastruktur zusammenbrachen, gab es lange keine Verbindung …

Weil die Straßen, gebaut von denen, die man „Straßenbauer“ nannte, beim Beben wie Papier zusammenknickten, verspäteten sich Such- und Rettungsteams und Hilfsgüter, und auf den Straßen bildeten sich lange Staus …

Die Landebahn des Flughafens Hatay, gebaut im Becken des trockengelegten Amik-Sees und schon früher Überschwemmungen zum Opfer gefallen, war sofort unbrauchbar …

Diejenigen, die die Landebahn hätten reparieren müssen, damit Hilfe so schnell wie möglich ankommt, gerieten mit den anderen Gemeinden, die zu Hilfe kamen, in einen Streit darüber, wer die Reparatur macht und wer nicht …

Die Besitzer von Fahrzeugen, die Hilfsgüter transportierten, wurden von der Polizei an den Stadteinfahrten angehalten und bedroht: „Hängt einen AKP-Wimpel auf, dann lassen wir euch durch, sonst kehrt um!“

Der staatliche Sender TRT, der mit den Steuern des Volkes allen Bürgern dienen sollte, schwieg während einer Live-Sendung zum Aufschrei eines Bürgers: „Fragen Sie die Verantwortlichen, warum sie uns hier 50 Stunden lang allein gelassen haben!“, und die Übertragung wurde hastig abgebrochen …

Mein Name ist Gewissen …

Ich liege in der Türkei unter den Trümmern …

Es gab so viele eingestürzte Gebäude, dass sogar persönliche Beziehungen darüber entschieden, wer gerettet wurde … Von Trümmern, unter denen Menschen ohne Fürsprecher lagen, wurden AFAD-Teams hastig anderswohin geschickt …

Dann kam der Präsident, der die umfassendste Figur des Staates sein sollte, ins Erdbebengebiet … Über Bürger, die die verspätete Such-, Rettungs- und Hilfsorganisation nach dem Beben kritisierten, sagte er „würdelos, ehrlos, schamlos“ und spaltete und zerriss gerade in dem Moment, in dem Einheit und Zusammenhalt am meisten gebraucht wurden, erneut die Gesellschaft und unsere Herzen, die drauf und dran waren, ihre letzte Hoffnung zu verlieren …

Dann brachen im Erdbebengebiet Plünderungen aus … Autorität duldet kein Vakuum … Wo Polizei und Militär des Staates nicht hinkamen, stellte jeder nach eigenem Gutdünken seine eigenen Regeln auf …

Aber das Recht hätte noch funktionieren müssen, und Plünderungen hätten sich mit den geltenden Gesetzen und den Sicherheitskräften verhindern lassen …

Dann wurde der Ausnahmezustand ausgerufen … Grundlos … Dabei hatte das Land geltende Gesetze, die genug Mittel boten, um unter Katastrophenbedingungen alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen …

Es ging um etwas anderes … Jemand wollte hart durchgreifen … Er wollte, dass niemand seine Stimme erhebt … Niemand sollte ihn kritisieren, Fehlentscheidungen sollten nicht an die Öffentlichkeit dringen … Das Erdbebengebiet, in dem trauernde Menschen ums Überleben kämpften, sollte in ein offenes Gefängnis verwandelt werden …

In ein riesiges Gefängnis, in dem das Recht ausgesetzt war …

Dann kursierten in den sozialen Medien Videos von Menschen in Polizei- und Militäruniformen … „Polizisten“, die Menschen, denen man Plünderung vorwarf, halb totschlugen … Das Recht war wieder einmal in die Schublade gelegt worden. Menschen mit Knüppeln in der Hand begannen wieder einmal, im Namen anderer ihr eigenes Recht anzuwenden …

Solange jemand, der alles unter Kontrolle hat, jede Macht nach Belieben lenkt und jede Institution an sich gebunden hat, keinen Befehl gab, konnte niemand einen Schritt tun, niemand die Initiative ergreifen; alle fürchteten diesen einen Mann …

Auch ich habe Angst … Aber nicht vor dem einen Mann …

Sondern davor, dass das Land durch seine Hand Schritt für Schritt in einen inneren Konflikt getrieben wird …

Mein Name ist Gewissen …

Ich liege in der Türkei unter den Trümmern …

Stellt eure politischen und persönlichen Interessen zurück und hört bitte endlich meine Stimme …

Sonst werden die gebrochenen psychologischen und gesellschaftlichen Verwerfungslinien das ganze Land unter Trümmern begraben …

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