StartGesellschaft und PolitikDer graue Wolf: Symbol oder Mittel der Manipulation?

Der graue Wolf: Symbol oder Mittel der Manipulation?

Merih Demirals Wolfsgruß bei der EM 2024 spaltete Europa. Der Wolf kommt in der Mythologie vieler Völker vor, von Rom bis Litauen, von Tschetschenien bis Skandinavien. Wann aber wird ein Symbol zum Mittel der Manipulation?

Im Spiel der Türkei gegen Österreich bei der Europameisterschaft 2024 feierte unser Nationalspieler Merih Demiral sein Tor mit dem „Wolfsgruß“. Das Bild spaltete die Anhänger der Mannschaft ebenso wie die internationalen Sportinstanzen und löste verschiedene Debatten aus. (Nachtrag: Die UEFA sperrte Demiral wegen der Geste später für zwei Spiele.)

Manche deuteten das Zeichen als Faschismus und politische Propaganda, andere hielten es für ein Zeichen, das allein der türkischen Nation eigen sei. Wie verhält es sich also tatsächlich?

Mythologische Erzählungen und Symbole spielen seit Beginn der Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle für die kulturelle Identität von Gesellschaften. Eines der stärksten und eindrucksvollsten dieser Symbole ist der Wolf. In verschiedenen Kulturen gilt er als Sinnbild für Mut, Schutz und Führung. Heute werden solche mythologischen Symbole jedoch manchmal auch dazu benutzt, nationalistische Gefühle der Bevölkerung auszunutzen und die Massen für politische Zwecke zu lenken.

Die kulturellen Kontexte der Wolfsmythologie

Die Wolfsmythologie gab es nicht nur bei den Türken, sondern in vielen verschiedenen Kulturen. Werfen wir nun einen kurzen Blick darauf.

Der Wolf in der türkischen Mythologie

In der türkischen Mythologie ist der Wolf als Bozkurt, der graue Wolf, bekannt und gilt als Stammvater der türkischen Nation. Der graue Wolf ist eine legendäre Gestalt, die den Türken in schweren Zeiten als Wegweiser und Beschützer gilt.

Eurasien und Nordamerika

Der Wolf ist ein gemeinsames Symbol in den grundlegenden Mythologien der Völker Eurasiens und Nordamerikas. In den Kulturen und Religionen vieler Nomadenvölker, etwa der eurasischen Steppen und der nordamerikanischen Prärien, hat er große Bedeutung. (Wikipedia)

Der Wolf in der italienischen Mythologie

In der römischen Mythologie steht die Säugung von Romulus und Remus durch eine Wölfin im Zentrum der Gründungssage Roms. Die Geschichte gilt als Symbol für Roms Macht und Ausdauer und spiegelt die Grundwerte des Römischen Reiches wider. Die Kapitolinische Wölfin ist ein greifbarer Ausdruck dieses Mythos und ein wichtiger Teil des kulturellen Erbes Roms. (Wikipedia)

https://en.wikipedia.org/wiki/File:Capitoline_she-wolf_-_Eden_Park,_Cincinnati_-_DSC03903.JPG

Der Wolf in der georgischen Mythologie

Der Name, unter dem Georgien in europäischen Sprachen bekannt ist, wird oft über das persische „Gorj/Gurj“ mit altiranischen Wörtern für „Wolf“ in Verbindung gebracht; diese Herleitung ist jedoch nicht gesichert.

Der Wolf in der litauischen Mythologie

Der Legende nach begann die Gründung von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, damit, dass Großfürst Gediminas im Traum einen eisernen Wolf sah, der in der Nähe eines Hügels heulte.

Der Eiserne Wolf ist eine legendäre Gestalt aus einer mittelalterlichen Sage über die Gründung von Vilnius, der Hauptstadt der Republik Litauen. Die Sage wurde in der Zeit des romantischen Nationalismus populär. Heute ist der Eiserne Wolf eines der Symbole von Vilnius und wird von Sportmannschaften, der litauischen Armee, Pfadfinderorganisationen und anderen verwendet.[i]

https://en.wikipedia.org/wiki/File:MPB_Gelezinis_Vilkas.gif

Der Wolf in der tschetschenischen Mythologie

Der Wolf ist das Nationalsymbol Tschetscheniens. Dem mythologischen Glauben nach wurden die Tschetschenen „von einer Wölfin geboren“.[i] Der „einsame Wolf“ steht für Stärke, Unabhängigkeit und Freiheit.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/eb/Coat_of_Arms_of_the_Chechen_Republic.png/330px-Coat_of_Arms_of_the_Chechen_Republic.png

Der Wolf in der nordischen Mythologie

In der nordischen Mythologie gelten Wölfe als Symbole sowohl der Zerstörung als auch des Schutzes. Fenrir, ein riesiger Wolf, wird bei Ragnarök zum Feind der Götter, während Odins Wölfe Geri und Freki an der Seite der Götter stehen. Diese mythologischen Gestalten haben in der skandinavischen Gesellschaft als Symbole für Stärke und Mut einen wichtigen Platz. (Wikipedia)

Der Wolf in der Mythologie der amerikanischen Ureinwohner

In vielen Stämmen der amerikanischen Ureinwohner gilt der Wolf als Symbol für Führung und Schutz. In manchen Stämmen steht er für Brüderlichkeit und Treue. Andere sehen in ihm einen spirituellen Führer.

Der Wolf in der griechischen Mythologie

Die alten Griechen brachten Wölfe mit dem Sonnengott Apollon in Verbindung. (Wikipedia)

Der Wolf in der zoroastrischen Mythologie

Nach zoroastrischer Überlieferung brachten Dämonen Zarathustra als Kind in die Höhle einer Wölfin, in der Erwartung, dass das wilde Tier ihn töten würde; die Wölfin nahm ihn jedoch unter ihre eigenen Jungen auf. (Wikipedia)

Der Wolf in der mongolischen Mythologie

In der Geheimen Geschichte der Mongolen heißt es, die mongolischen Völker stammten von der Verbindung einer Hirschkuh (gua maral) und eines Wolfes (boerte chino) ab. (Wikipedia)

Die kulturelle Vielfalt der Wolfsmythologie

Wie die Beispiele zeigen, gab es die Wolfsmythologie nicht nur bei den Türken, sondern in vielen verschiedenen Kulturen. Auch die mongolische, zoroastrische, griechische, indigene amerikanische, nordische, tschetschenische, litauische und georgische Mythologie sowie die Mythologien Eurasiens und Nordamerikas betrachten Wölfe als wichtige Symbole. Das zeigt, dass die Wolfsmythologie ein universelles Thema ist und keiner bestimmten Kultur allein gehört.

Die Wolfsmythologie einer einzigen Kultur zuzuschreiben, hieße daher, die universelle Bedeutung dieses Symbols zu übersehen. Kurz gesagt: Den Wolf beanspruchen viele für sich, doch um die Schafe am Ufer des Euphrat kümmert sich niemand!

Die Manipulation mythologischer Erzählungen und rassistische Ansätze

Mythologische Erzählungen und Symbole sind zwar wirksame Mittel, um gesellschaftliche Identität und Solidarität zu stärken, sie können aber auch dazu dienen, die Gefühle der Menschen auszunutzen und die Massen unter Kontrolle zu halten. Vor allem nationalistische und faschistische Ideologien nutzen solche Symbole, um Gesellschaften um eine bestimmte Ideologie zu scharen, und können Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden erzeugen. Unter Mussolini nutzte die italienische faschistische Regierung die Geschichte von Romulus und Remus und das Symbol der Wölfin zu Propagandazwecken (Italy Travel and Life).

Eine globalisierte Welt

Die Globalisierung hat heute die kulturelle Vielfalt vergrößert und Gesellschaften in engeren Kontakt miteinander gebracht. Nationalistische und rassistische Ideologien können diese Vielfalt jedoch als Bedrohung wahrnehmen und gesellschaftliche Unruhen auslösen. Rassistische Ansätze können den gesellschaftlichen Zusammenhalt stören und Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen hervorrufen. Das beschränkt sich nicht darauf, die Überlegenheit einer bestimmten Nation zu behaupten, es bedroht auch den Frieden und die Stabilität in der Welt.

Fazit

Die Wolfsmythologie nimmt in verschiedenen Kulturen als kraftvolles und eindrucksvolles Symbol einen wichtigen Platz ein. Im Laufe der Geschichte wurde dieses Symbol häufig genutzt, um die kulturelle Identität von Gesellschaften zu festigen, nationalistische Gefühle zu wecken und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stiften.

In der heutigen Welt, in der unterschiedliche Identitäten zusammenkommen, können diese Symbole gesellschaftliche Spaltung verursachen. Spaltende Figuren und politisch-nationalistische Rhetorik können in einer globalisierten Welt den gesellschaftlichen Zusammenhalt stören und Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen hervorrufen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass wir zwar alle eine unterschiedliche Vergangenheit haben, jetzt aber in derselben Gemeinschaft, auf demselben Planeten leben und gemeinsam handeln müssen, um gesellschaftlichen Frieden und Einheit zu sichern.

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Yunus Emre: „Kommt, lasst uns einander kennenlernen, lasst uns die Arbeit leicht machen. Lasst uns lieben und geliebt werden, die Welt bleibt niemandem.“

Martin Luther King: „Wir mögen alle auf verschiedenen Schiffen gekommen sein, aber jetzt sitzen wir im selben Boot.“

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