2021 behauptete die britische Presse, Dong Jingwei, ein hochrangiger Leiter der chinesischen Spionageabwehr, sei in die USA übergelaufen. Der Text behandelt den Hintergrund der Behauptung und ihre Bedeutung im Geheimdienstkrieg.
Aktualisierungshinweis: Kurz vor der Veröffentlichung dieses Textes, am 18. Juni 2021, trat Dong Jingwei bei einer offiziellen Sitzung in Peking öffentlich auf; die Behauptung, er sei in die USA übergelaufen, bestätigte sich somit nicht. Der Text ist als Bewertung der damals kursierenden Behauptungen und der Methoden des Überlaufens in der Geheimdienstwelt zu lesen.
In den letzten Tagen wird vor allem in britischen Medien behauptet, Dong Jingwei, stellvertretender Chef des chinesischen Geheimdienstes, sei mit seiner Tochter in die Vereinigten Staaten geflohen. Den Berichten zufolge floh der 57-jährige Geheimdienstler im Februar zunächst nach Hongkong und dann nach Amerika. Bestätigt sich diese Behauptung, wird Dong Jingwei der ranghöchste Chinese sein, der im Geheimdienstkrieg zwischen Amerika und China je die Seite gewechselt hat. Denn der kurz vor seiner Flucht beförderte Geheimdienstler leitete zuletzt die chinesische Spionageabwehr.
Dass der Name des erfahrenen Geheimdienstlers in einigen chinesischen und Hongkonger Medien veröffentlicht und er in manchen chinesischen Zeitungen an den Pranger gestellt wurde, verstärkte die Behauptungen über ihn. Eine diese Behauptungen stützende Aussage kam auch von einem anderen, namentlich nicht genannten Chinesen, der vor Jahren nach Amerika übergelaufen war. Demnach versucht China seit Monaten, seinen geflohenen Agenten zurückzuholen. Es heißt sogar, im März 2021 habe in Alaska ein hochrangiges Treffen mit dem US-Außenminister stattgefunden, doch Minister Blinken habe sich nicht überzeugen lassen.
In der Geheimdienstwelt läuft das Überlaufen, englisch „defection“, mitunter so ab: Ein Staatsbediensteter mit kritischen Informationen muss einige Informationen liefern, um die Aufrichtigkeit seines Wunsches nach Zuflucht in einem anderen Land zu beweisen und seinen Wert zu zeigen. Mit dieser in der Geheimdienstliteratur auch „Chicken Feed“ genannten Täuschungstaktik lässt ein Funktionär mit Zugang zu kritischen Informationen kontrolliert einige echte Informationen durchsickern, um in das System des Ziellandes einzudringen oder aufgenommen zu werden, und „scheint“ diesem Land zu dienen. In Wahrheit arbeitet er weiter für sein eigenes Land. So gibt es Geheimdienstexperten, die den Fall Edward Snowden, der vor Jahren nach Russland floh, auf diese Weise deuten.
Auch über die Entwicklungen um den Namen Dong Jingwei, einer der Spitzenfiguren des chinesischen Geheimdienstes, werden solche Deutungen angestellt. Zugleich heißt es, die Informationen und Beweise, die er zur Beziehung zwischen den Labors in Wuhan und dem Coronavirus besitze, seien Dong Jingweis Eintrittskarte nach Amerika gewesen.
Bekanntlich behaupteten viele, als das Coronavirus auftauchte, es sei ein im Labor geschaffenes Virus. Obwohl die Trump-Regierung China ständig beschuldigte, konnte sie der Öffentlichkeit keine Beweise vorlegen und verlor an Glaubwürdigkeit. Nun scheint die Biden-Regierung das Thema ernster anzugehen. Zu den Meldungen in der amerikanischen Presse gehört, dass Joe Biden die Nachrichtendienste angewiesen hat, die Beziehung zwischen dem Labor in Wuhan und Corona genauer zu untersuchen.
Bekannt ist, dass China fürchtet, das Labor in Wuhan könnte infolge einer möglichen internationalen Untersuchung für Inspektionen geöffnet werden. Der chinesische Geheimdienstler, der sein Land verlassen haben soll, soll den USA Informationen übermittelt haben, dass China versuche, Beweise für biologische Kriegsführung im Labor in Wuhan zu vernichten.
Chinesischen Quellen zufolge ist Dong Jingwei ein Geheimdienstchef, der auf ausländische Agenten in den Reihen des Staates aufmerksam machte und diesem Thema große Bedeutung beimaß. Diskutiert wird auch die Möglichkeit, dass ein so hochrangiger Geheimdienstler ins Visier genommen wurde, damit seine Karriere Schaden nimmt und er in Ungnade fällt, und dass deshalb unbegründete Behauptungen über ihn verbreitet wurden.
Die Behauptungen stützen sich überwiegend auf Aussagen amerikanischer Denkfabriken und pensionierter amerikanischer Geheimdienstler. Auch wenn die Behauptungen eine sehr wichtige Nachricht wären, scheinen sie, solange die offiziellen Stellen keine Erklärung abgeben, vorerst nicht mehr als ein aufregendes Gerücht zu sein. Zumal manche meinen, eine offizielle Erklärung werde nie kommen. Bekannt ist aber auch, dass die Biden-Regierung die Theorien, das Coronavirus sei unter Laborbedingungen geschaffen worden oder könnte von Tieren auf Menschen übergegangen sein, ernsthaft prüft. Die chinesische Regierung, die im Zentrum dieser Behauptungen steht, hat bislang keine neue Erklärung abgegeben.
Offenbar soll China auf die eine oder andere Weise in die Enge getrieben werden. Findet Amerika auch nur den kleinsten Beweis für die seit Langem in der Weltöffentlichkeit diskutierte Verbindung zwischen China und Corona, wird es ihn gewiss bis zum Letzten ausnutzen.
Bestätigen sich die Behauptungen, dass der hochrangige chinesische Geheimdienstler aus seinem Land geflohen ist, wird es unvermeidlich sein, Antworten auf folgende Fragen zu suchen: Wurde das Virus wirklich zum Zweck biologischer Kriegsführung aus China verbreitet? Oder ist China ein Ziel, das in einem größeren Szenario ausgewählt wurde? Werden die Informationen des übergelaufenen Geheimdienstlers Amerikas Position gegenüber China stärken? Werden neue Beweise gegen China gewonnen? Es gibt so viele geschriebene Meinungen zu den Antworten auf diese Fragen, dass in einem Umfeld, in dem Behauptungen und Verschwörungstheorien das Geschehen unsichtbar machen, noch etwas Zeit nötig ist, bis die Wahrheit ans Licht kommt.
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