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Die Welt ist auf Migration gebaut

Fast jede Epoche beginnt oder endet mit einer Migration. Der Autor fragt, warum Menschen, die die Hoffnung verloren haben, ihr Land verlassen und was der Braindrain ein Land kostet.

Die Welt ist auf Migration gebaut. Fast alle Revolutionen und Epochen haben entweder mit einer Migration begonnen oder geendet.

Menschen, die von den Verhältnissen um sie herum direkt oder indirekt betroffen sind und an ihrem Ort keine Hoffnung mehr haben, sind, sobald sie die Möglichkeit fanden, in andere Länder ausgewandert, in denen sie sich besser entfalten oder bessere Möglichkeiten haben konnten. Die Gründe, die Menschen zur Migration zwingen, sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und sozial. Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst, der Verlust des Glaubens an die Gerechtigkeit, das Gefühl, wertlos zu sein, oder keinen Lohn für die eigene Arbeit zu erhalten, sind nur einige davon.

So wie Investoren und Kapitaleigner nicht dort bleiben, wo es kein Vertrauen in die Wirtschaft gibt, verlassen auch gut ausgebildete und qualifizierte Menschen Orte ohne Demokratie und Freiheit oder ein Umfeld, in dem sie sich wertlos fühlen.

Wie in der ganzen Welt stoßen wir in letzter Zeit auch in der Türkei ständig auf Nachrichten über Migration. Studierende, die zum Studium ins Ausland gehen, Arbeiter, die von wirtschaftlichen Problemen erdrückt werden, Menschen, die das Land aus politischen Gründen verlassen, Verbannte, Ärzte, Ingenieure, Softwareentwickler und IT-Fachleute, die den Wert, den sie verdienen, in anderen Ländern suchen…

Der Wunsch, im Ausland zu studieren und sich danach dort niederzulassen, reicht inzwischen bis in die Gymnasien. Während 2012 nur 59 Ärzte einen Antrag stellten, um ins Ausland zu gehen, näherte sich diese Zahl 2021 der Marke von 1.400. Bei den Ingenieuren ist die Lage nicht anders. Die Türkei, so die Professorin Lale Akarun von der Boğaziçi-Universität, „bildet diese Menschen aus und serviert sie dem Ausland auf einem goldenen Tablett“.

Hochschullehrer werden es müde, auf die Bitten um Empfehlungsschreiben von Studierenden zu reagieren, die ihre Ausbildung im Ausland fortsetzen wollen. Ich kenne Anwälte und Psychologen, die ihr Leben im Ausland fortsetzen wollen, obwohl sie wissen, dass sie ihren Beruf in einem anderen Land frühestens nach fünf Jahren ausüben können.

Manchmal erfolgen diese Migrationen mit Erste-Klasse-Flügen oder Jachten in ein anderes Land. Im neuen Land, in dem Millioneninvestitionen getätigt wurden, warten ein vorbereitetes Haus, ein Auto, ein fertiges Umfeld und eine Arbeit. In den letzten drei Jahren haben 10.000 Millionäre sowie 13.000 Unternehmer und Geschäftsleute die Türkei verlassen.

Andere verlassen das Land mit mühsam aufgebrachten Mitteln, und wer politische Probleme hat, sogar auf illegalen Wegen mit einem Flüchtlingsboot.

Während die Bewohner der Etage der Reichen ihr ganzes Kapital zusammenpacken und ins Ausland gehen, lassen die Bewohner der unteren Etagen all ihre Ersparnisse zurück. Die einen gehören zum „Braindrain“; andere wie Bürokraten, Sicherheitsfachleute oder Juristen, deren „Wert eher im eigenen Land liegt“, lassen ihre ganze Erfahrung zurück.

Jeder trägt das Dilemma zwischen Bleiben und Gehen im Kopf. Manchmal fragen mich ehemalige Studierende oder Freunde, die in der Türkei geblieben sind, nach meiner Meinung dazu. Wenn ich den politischen Druck, dem ich ausgesetzt war, beiseitelasse, nenne ich ihnen das Kriterium, auf dem meine eigene Entscheidung zur Auswanderung beruhte:

„Wenn das Land dir nichts mehr zu geben hat und du dem Land nichts mehr zu geben hast, hat es keinen Sinn, dort zu bleiben!“

Auch wenn die politische Führung in der Türkei Märchen von einem „umgekehrten Braindrain“ erzählt, auch wenn die Ausgewanderten als „Verräter, die nicht geblieben sind, um für ihr Land zu kämpfen“ beschuldigt werden oder Äußerungen fallen wie „Eigentlich wollen wir sie gar nicht in unserem Land“, gibt es eine Tatsache: Das Land verliert im wahrsten Sinne des Wortes seine Zukunft und seine ausgebildeten, qualifizierten Arbeitskräfte. Der materielle Verlust durch den „Braindrain“ der letzten drei Jahre soll fast der Hälfte der gesamten Auslandsschulden entsprechen, also mindestens 220 Milliarden Dollar. Schlimmer noch: Mit den Nebenwirkungen und immateriellen Werten ist der tatsächliche Verlust weit größer.

Wir sagten, die Welt ist auf Migration gebaut.

Wie viel von der gewaltigen Abwanderung, die die Türkei in den letzten Jahren erlebt hat, künftig ins Land zurückkehren wird, ist ungewiss. Gleichwohl muss man sehen, dass das gegenwärtige repressive Klima des Landes nicht nur die Gegenwart beeinflusst, sondern auf diese und ähnliche Weise auch seine Zukunft.

Welchen Epochen und Zeiten diese Migrationswelle künftig die Tür öffnen und welche Rolle sie im neuen Gleichgewicht der Welt spielen wird, wird man sehen, wenn man das uralte Buch mit dem Titel „Das Dorf in Sichtweite braucht keinen Führer“ zur Hand nimmt und seinen Deckel aufschlägt.

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