StartAus dem LebenIch war ein kleines Kind

Ich war ein kleines Kind

Kinder, die unter den Trümmern erfroren, die Brot holen gingen und nicht zurückkamen, die nicht behandelt werden konnten, weil ihr Vater im Gefängnis saß. Eine Klage, geschrieben mit ihrer Stimme.

Als ich das Wort zum ersten Mal hörte, fragte ich meine Mutter: „Was heißt sterben?“ Ich hatte es gehört, als mein Vater im Fernsehen Nachrichten sah. Ein kleines Kind war gestorben, und die Frau, die es sagte, sah traurig aus. Als Kind war mir das Wort fremd, aber die Art, wie es gesagt wurde, reichte, um mir Angst zu machen. Dabei war das Kind, das gestorben war, schon lange krank gewesen …

Nachdem meine Mutter mit ausweichenden Antworten versucht hatte, das Thema zu wechseln, beugte sie sich hinunter, küsste mich auf die Augen und sagte: „So Gott will, wirst du ein langes und schönes Leben haben.“ Kurz bevor ich starb … Sie ließen mich nicht leben … Weder mich noch Tausende wie mich …

Ich war ein kleines Kind, in den Armen meiner Mutter. Unser Haus war eingestürzt, aber wir hatten keine schweren Verletzungen. Ich steckte mitten in einem Kampf ums Leben zwischen der wachsenden Kälte und der schwindenden Hoffnung. Die Hoffnungen, die mir meine Mutter machte, überzeugten mich mit jeder Stunde weniger. Mein Zittern ließ allmählich nach, und die Schmerzen in meinen Fingerspitzen und Ohren spürte ich nicht mehr. Meine Mutter, die zusehen musste, wie mein weicher kleiner Körper steif wurde, konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich in einen tiefen Schlaf fiel. Ich war ein kleines Kind, das tagelang in eisiger Kälte den Schauder spürte, den ihr empfinden werdet, wenn ihr meinen leblosen Körper findet … Ich war ein unschuldiges Kind, dessen Hoffnung auf Rettung vor seinem Körper starb und auf dessen Grabstein eine Nummer statt eines Namens steht …

Ja, ich war ein kleines Kind. Als mein schmächtiger Körper zwischen Betonblöcken zerquetscht wurde und als mein Körper, den man nie aus den Trümmern holte, zu „Schutt“ wurde, war ich ein Kind. Die Hände, Füße oder Rumpfteile, die ihr zwischen den Haufen zerbrochener Steine sehen werdet, können das sein, was von mir übrig ist. Ich war ein Kind, dem man sogar ein Leichentuch und ein Grab missgönnte … Dort, wo ich ankam, empfingen mich Berkin, Ahmet, Abdülkadir, Münir, Aylan und viele andere Kinder. Wie viele Kinder und Babys sind wie ich neu hier. Und nach mir kommen immer weitere … Auch wenn wir es nicht wollen, werden wir hier jeden Tag mehr …

Ich war ein kleines Kind, das aus dem Haus gegangen war, um Brot zu kaufen. Ich biss ein Stück vom Brot ab und ging spielend nach Hause. Wie hätte ich wissen sollen, dass das meine letzten Schritte sein würden? Das Letzte, woran ich mich erinnere, war ein Knall und ein unerträglicher Schmerz. Bevor ich den abgerissenen Bissen schlucken konnte, habt ihr mich aus dem Leben gerissen. Dabei war ich ein kleines Kind; auch als ihr mich und meine weinende Mutter gnadenlos ausgebuht habt, war ich ein Kind unter der Erde.  

Ich war ein kleines Kind, gequält von einer schweren Krankheit, geschwächt und kraftlos. Ja, ich war krank, aber meine Hoffnung auf Heilung wurde mit meinem Vater hinter Gitter gesperrt. Monatelang wartete ich, ob sie meinen Vater zu mir lassen würden … Sie ließen ihn nicht … Für meine Behandlung musste ich ins Ausland. Diesmal wollten sie mich von meiner Mutter trennen. Jeden Tag wartete ich voller Schmerz und Sehnsucht auf meinen Vater. Ich war ein Kind, das getötet wurde, während es sich nach seinem Vater sehnte, ohne ihn auch nur ein letztes Mal sehen zu dürfen.

Mein Bruder und ich waren ganz kleine Kinder. Wir waren die Kinder einer Familie, die ein gekentertes Boot auseinandergerissen hatte, und ertranken langsam mit jedem Atemzug. Selbst als unsere leblosen Körper in Jahreszeiten, in denen ihr euch nicht ins Wasser trautet, durch die kalten Fluten der Ägäis und des Evros trieben, hattet ihr kein Erbarmen. Wir waren die Kinder, von denen ihr sagtet, sie sollten lieber sterben, „als Terroristen zu werden wie Mutter und Vater“, für die die Imame nicht beten wollten, denen man auf dem Friedhof keinen Platz gab … Wir haben diese Welt als Gläubiger verlassen, für den Ort, an den ihr mit der Last so vieler Leben kommen werdet …

…

Ich bin ein kleines Kind … Ein Kind, das noch lebt, noch atmet und ein gebrochenes Herz hat … Ja, mein Körper ist noch der eines kleinen Kindes. Aber in meiner Seele, in meinem Herzen scheint ein alter Mann zu wohnen. Ihr habt mich alt gemacht, bevor ich fünfzehn wurde. Was habt ihr mich alles durchmachen lassen … Ich zweifle nicht nur daran, dass ihr Mütter und Väter seid, sondern sogar daran, dass ihr Menschen seid. In den Dokumentarfilmen, die ich sah, sah ich, dass sogar manche wilden Tiere barmherziger sind als ihr. Wenn dort von vielen Tieren die Rede war, hieß es immer: „Nur ein kleiner Teil überlebt bis ins Erwachsenenalter.“ Leider unterscheidet sich unsere Welt nicht mehr von ihrer …

Lasst mich doch endlich in Ruhe … Lasst mich mein Leben leben. Hoffnung auf ein gutes Leben und große Möglichkeiten habe ich ohnehin nicht. Wie lang mein Leben auch sein mag, lasst mich wenigstens das leben. Wie oft muss ich noch sterben, damit eure Kinder reicher werden?

Mein schmächtiger Körper, mein zartes Herz können nicht mehr ertragen, was ihr tut. Ich komme gegen eure Bosheit nicht an, ich kann mich nicht wehren. Was muss ich als Kind noch erleiden, damit ihr zufrieden seid …

Unser Haus stürzte über uns ein, unser Zuhause und unsere Habe wurden verstreut. Manche von uns starben unter den Trümmern, manche wurden verletzt gerettet.  Statt euch um die Übriggebliebenen zu kümmern, habt ihr uns in Kälte, Schnee und Winter allein gelassen. Während ihr mit euren riesigen Autos und teuren Kleidern davonfuhrt, ohne euch mit Schlamm zu beschmutzen, warteten wir in dünnen Kleidern und barfuß zitternd auf ein Stück Brot.

In den Heimen von Orden und Stiftungen und in Kinderschutzeinrichtungen taten uns diejenigen, die uns hätten schützen sollen, gnadenlos jedes Übel an, vor allem Gewalt und Missbrauch. Menschen, die nie das Tageslicht sehen dürften, habt ihr mit Hilfe des Staates gerettet. Unsere Herzen, die dem Bösen verschlossen waren, habt ihr ignoriert und über das Abscheuliche, das man uns antat, gesagt: „Es gab eine Einwilligung.“ Diese Ungeheuer habt ihr gemeinsam gerettet und das dann auch noch schamlos gefeiert …

Während ich auf einen Schulkittel wartete, habt ihr mir ein Brautkleid aufgezwungen. In einem Alter, in dem ich die Zärtlichkeit von Mutter und Vater brauchte, habt ihr mich einem Mann im Alter meines Vaters gegeben. Die Schuld für jede eurer Perversionen habt ihr einer Religion aufgebürdet, die ihr nicht lebt.

Tausende Babys und Kinder habt ihr zusammen mit ihren Müttern ins Gefängnis gesteckt.  Fürchtet ihr den Fluch von Kindern nicht, die bei Verwandten bleiben müssen, weil Mutter und Vater im Gefängnis sind? Wie Ahmet, den ihr mit der Sehnsucht nach seinem Vater in die Erde geschickt habt, verurteilt ihr mich zur Sehnsucht nach meiner Mutter. Glaubt ihr, niemand hört mein Stöhnen, vor dem ihr eure Ohren verschließt?

Wie lange wollt ihr uns noch für den Ehrgeiz von Männern vernichten, die weniger Leben vor sich haben als das kurze Leben, das ich hinter mir gelassen habe … Kinder und Babys sind die Zukunft eines Landes und eines Volkes. Ihr nennt uns eure Zukunft, aber ist euch bewusst, wie schlecht ihr die Zukunft unseres Landes gebaut habt, genau wie die mangelhaft gebauten Häuser, die ihr errichtet habt?

Wie konntet ihr als Mütter und Väter, die zittern, dass ihren eigenen Kindern auch nur ein Haar gekrümmt wird, uns diese Grausamkeiten antun? Sagt, wann seid ihr so böse geworden?

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