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Der Teufelskreis des Terrors

Kinder, die mitten im Krieg ihre Familien verlieren und barfuß Grenzen überqueren, könnten, wenn sich niemand ihrer annimmt, die jungen Menschen werden, die die radikalen Organisationen von morgen am leichtesten anwerben. Wie lässt sich der Teufelskreis des Terrors durchbrechen?

Ich will Ihnen erzählen, aus welchen Menschen neue Organisationen wie der IS und andere Terrorgruppen bestehen werden, wie sich neue kriminelle Netzwerke organisieren und wie sie zusammenfinden und den Menschen zur Plage werden.

Was am Ende zu sagen ist, sage ich gleich am Anfang: Ein Teil der Mitglieder der Terrororganisationen der neuen Zeit könnte aus jungen Menschen bestehen, auf die Bomben geregnet haben und die barfuß und hungrig über Grenzen gelaufen sind.

Natürlich sage ich nicht, dass alle so sein werden; aber diese Menschen werden einen bedeutenden Teil ausmachen. Ich gebrauche diese Worte keinesfalls, um sie zu beschuldigen oder herabzusetzen. Im Gegenteil, ich sage das, um eine Antwort auf die Frage zu suchen, wie wir den Weg dafür ebnen können, den größten Opfern zu helfen und sie zu unterstützen.

Die meisten der skrupellosesten Mörder, der grausamsten Täter und Ungeheuer der Weltgeschichte haben eines gemeinsam: Sie wuchsen in einem Umfeld auf, in dem Lieblosigkeit und Gewalt alltäglich geworden waren.

Manche erfuhren Grausamkeit von ihren engsten Verwandten, manche aus ihrem nahen Umfeld. Andere wuchsen, ohne auch nur diese zu haben, mit den Samen des Zorns auf, die völlig Fremde in ihre Herzen gesät hatten.

Heute verlieren in vielen Teilen der Welt Unschuldige auf unverdiente Weise ihre Liebsten.

Syrien, Palästina, Irak, Afghanistan und andere Länder mit ähnlichem Schicksal… Denken Sie an die Kinder, die in solchen Gegenden ums Überleben kämpfen. Versuchen Sie, in das von Tod und Blut befleckte Unterbewusstsein derer hinabzusteigen, die mitten im Krieg ihre Mütter, Väter und Geschwister verloren haben.

Diese Kinder werden oft ohne Liebe und Zuwendung und manche von ihnen ohne elterliche Fürsorge bleiben.

Auf dem Weg werden sie herumgestoßen, zum schnellen Gehen gezwungen, sie werden hastig und schweigend essen. Selbst wenn sie weinen, werden sie keinen Laut von sich geben. Sie werden zu Fuß und in Angst Entfernungen zurücklegen, die viele schon im Flugzeug ermüdend fänden. Manche werden unterwegs ihr Leben lassen, manche werden zwischen tobenden Wellen die Kälte des Todes umarmen. Die Glücklichen erreichen vielleicht einen sicheren Ort. Wie weit man das „Glück“ nennen kann, ist ungewiss. Denn auch dort, wo sie ankommen, werden sie herumgestoßen, verachtet und gedemütigt und an den untersten Rand der Gesellschaft gedrängt. Die eigentliche Gefahr, für sie wie für die Gesellschaft, in der sie leben, beginnt erst danach.

Und wer, glauben Sie, wird diese Kinder mit offenen Armen empfangen?

Ja, diejenigen, die wie sie zu „Anderen“ gemacht wurden, oder Organisationen und Netzwerke, die sie ausnutzen werden… Sie werden sich ihnen nähern und dabei all ihre Empfindlichkeiten, Schwächen und Schmerzen aus der Vergangenheit nutzen. Sie werden sie an die Bomben erinnern, die auf sie fielen, an die Familien, die vor ihren Augen ermordet wurden. In ihrem Gedächtnis werden nicht die Staaten bleiben, die sie aufgenommen haben, sondern die Zerstörung, die die von diesen Staaten produzierten Waffen angerichtet haben.

So beginnt ein neuer Teufelskreis. Diese verletzlichen jungen Menschen, voller Zorn auf diejenigen, die ihre Familien getötet haben, können aus Unwissenheit und weil ihre Wunden ausgenutzt werden, anderen Unschuldigen nach dem Leben trachten. Das gibt den eigentlichen Schuldigen recht und gebiert noch mehr Leid.

Den Kreislauf durchbrechen

Jedes Kind, das heute inmitten von Krieg und Flucht aufwächst, kann der mögliche Unterdrücker oder die Hoffnung von morgen werden. In welche Richtung es getrieben wird, hängt auch von unserer Haltung ab.

Jedes Kind, dem Liebe, Bildung und Zuwendung vorenthalten werden, kann in den Händen radikaler Ideologien zur Waffe werden. Doch dasselbe Kind kann, wenn man sich seiner annimmt, auch Arzt, Lehrerin oder Künstler werden und die Gesellschaft heilen.

Sich heute der unterdrückten Kinder anzunehmen, ist nicht nur eine humanitäre Pflicht, sondern zugleich die Garantie für gesellschaftlichen Frieden, Sicherheit und Zukunft. Denn jedes Kind ist ein Spiegel der Zukunft der Gesellschaft.

Eine weitere Wahrheit dürfen wir dabei nicht übersehen: Die falsche Politik von Staaten vertieft diesen Teufelskreis noch. Waffen weiter zu verkaufen, obwohl offen bekannt ist, dass sie Feuer auf Unschuldige regnen lassen, heißt in Wahrheit, die Saat des Terrors zu bewässern.

Mit dem Feuer spielen für politischen Vorteil

Ebenso führt die direkte oder indirekte Unterstützung extremistischer und radikaler Gruppen durch manche Staaten um kurzfristiger politischer Vorteile willen zu großem Unheil. Eine Organisation, die heute mit der Begründung „sie nützt uns“ unterstützt wird, kann morgen außer Kontrolle geraten und sowohl dem eigenen Volk als auch ihren Unterstützern schaden.

Die Geschichte ist voller Beispiele: Gruppen, die gestern „strategische Partner“ genannt wurden, sind heute die gefährlichsten Strukturen, die die internationale Sicherheit bedrohen. Den hohen Preis dieser Fehler zahlen wieder unschuldige Völker, vor allem Kinder.

Wenn wir den Kreislauf durchbrechen wollen, genügt es nicht, Mitgefühl mit den Opfern zu zeigen; auch falsche Politik, Waffenhandel und verdeckte Unterstützung aus Eigeninteresse müssen ein Ende haben. Denn Gewalt, einmal genährt, verbrennt auch ihren Herrn.

Was den Terror an der Wurzel ausrottet, sind nicht Bomben, sondern mehr Gerechtigkeit, Bildung und Barmherzigkeit.

Die Wahl liegt bei uns allen.

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