Eine Mischung aus konventionellem Krieg, Guerillataktik, psychologischer und Cyberkriegsführung: Der hybride Krieg. Der Autor erklärt den Begriff ausgehend von einem alltäglichen Küchengespräch und zählt die Anzeichen auf.
Während ich diesen Text vorbereitete, war meine Frau in der Küche mit dem Essen beschäftigt.
Irgendwann fragte sie: „Worum geht es in deinem Text?“
Um den hybriden Krieg, sagte ich.
Sofort die zweite Frage: „Was ist ein hybrider Krieg?“
Der hybride Krieg ist ein Mischkrieg. Er ist eine neue Form irregulärer Kriegsführung, die aus einer Mischung von konventionellem Krieg und klassischen Methoden der Guerilla und Konterguerilla entsteht. Er ist ein weiter Begriff, der asymmetrische Kriegsführung niedriger Intensität, psychologische Kriegsführung, Cyberkrieg, kontrollierten Bürgerkrieg und sogar den Weltraumkrieg zusammen umfasst.
Meine Frau sagte: „Was soll das! Du hast 50 Kriegsarten aufgezählt, dabei gibt es nur einen ‚Frieden‘, aber die Menschen führen nicht nur Kriege, sie entwickeln auch noch neue Kriegsmethoden. Viel Erfolg, das ist kein Thema für mich.“
Die Feststellung meiner Frau „Du hast fünfzig Kriegsarten aufgezählt, doch Frieden gibt es nur einen“ gefiel mir sehr. Ja, man übertreibt nicht, wenn man sagt, die Geschichte der Menschheit bestehe aus Kriegen. Eine Welt, die keinen dauerhaften Frieden schaffen kann, führt ihre Kriege mit neuen Taktiken und Methoden fort.
Am schnellsten entwickelten sich diese Taktiken und Methoden in der Zeit der beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts und danach. Die Zerstörung durch die in diesen Kriegen eingesetzten Massenvernichtungswaffen führte die Staaten zu neuen Überlegungen in Sachen hybrider Krieg. Untersucht man die Kriegstechniken und -methoden des Kalten Krieges, in dem die Vereinigten Staaten (USA) und Sowjetrussland die Hauptrollen spielten, sieht man, dass viele davon dem Konzept des hybriden Krieges entsprechend angewandt wurden.
Auch wenn der Begriff hybrider Krieg erst vor Kurzem in die Literatur eingegangen ist, zeigt eine Untersuchung der zwanzig Jahre nach dem Kalten Krieg, dass die USA, Großbritannien, Frankreich und Russland bei der Anwendung hybrider Methoden führend sind, während der Iran beachtliche Fortschritte gemacht hat.
Obwohl es ein neuer Begriff ist, lässt sich sagen, dass ein wichtiges Ziel des so breiten Einsatzes hybrider Methoden darin besteht, dem Zielland unabhängig von Zeit und Ort durch Nachrichtendienste, paramilitärische Kräfte, Propagandainstrumente und sogar Mafiagruppen Schaden zuzufügen.
Das Schwierigste im hybriden Krieg ist, den Gegner zu identifizieren, der angreifen will. Denn die Angreifer agieren meist anonym und bleiben unsichtbar. Selbst wenn sie zufällig irgendwo eine Spur hinterlassen, erleichtert ihre Ausbildung es ihnen, sich aus den Ereignissen herauszuwinden. Zudem führen die Angreifer ihre Aktivitäten hochgradig koordiniert durch, ohne die Schwelle zu einem offiziellen Krieg zu überschreiten. Genau das macht die Verteidigung gegen hybride Angriffe so schwer. Gibt es keinen offenen Angriff und keinen erkennbaren Angreifer, werden die Taktiken und Techniken dagegen natürlich entsprechend schwieriger. Durch Aufrechterhaltung von Unklarheit und Unsichtbarkeit Verwirrung bei der Gegenseite zu stiften, ist die stärkste Waffe hybrider Methoden. Mit ihr treibt der Angreifer den Verteidiger in die Unentschlossenheit und lässt die Gegenseite im Dilemma stecken: „Sind wir noch im Frieden oder schon im Krieg?“
In diesem Zusammenhang möchte ich zwei Beispiele untersuchen: Die Besetzung der Krim durch Russland und den 15. Juli.
Die Besetzung der Krim durch Russland
Bekanntlich begann die erste Ereigniskette 2013 mit Protesten von 800.000 Menschen in der Hauptstadt Kyjiw gegen die prorussische Regierung. Zwei Demonstranten wurden von Scharfschützen erschossen, der die Proteste unterstützende Aktivist Jurij Werbyzkyj wurde entführt und zu Tode gefoltert. Trotz allem wuchsen die Demonstrationen, und schließlich wurde die prorussische Regierung gestürzt. Daraufhin wurde Russland, das seine Aktivitäten und Interessen in der Ukraine, vor allem den Erhalt der Krim, als rote Linie für die Sicherheit seines Landes betrachtete, auf der Krim ohne Zeitverlust aktiv.
Unterdessen organisierte der prorussische ehemalige Anführer einer kriminellen Vereinigung, Aksjonow, Straßendemonstrationen. Diese von russischen Einheiten der irregulären Kriegsführung unterstützten Gruppen setzten den Ministerpräsidenten der Krim, Mohyljow, gewaltsam ab und brachten es fertig, Aksjonow, dessen Partei im Parlament nur drei Sitze hatte, zum Ministerpräsidenten zu machen. Hinter diesem Erfolg standen im Wesentlichen die Unsichtbarkeit und Unklarheit der Aktivitäten im Hintergrund. Denn dagegen konnte keinerlei Gegenmaßnahme ergriffen werden.
Zudem wurden im Verlauf einerseits unter vielen Vorwänden und Methoden, allen voran humanitären Hilfskonvois, Milizen, Waffen und Munition aus Russland in diese Gebiete geschafft, während andererseits im Hintergrund ständig Druck auf die proukrainische Bevölkerung ausgeübt wurde, in den Westen zu gehen.
Eines der wichtigsten Elemente der militärischen Aktivitäten Russlands in der Ukraine war der „Informationskrieg“. Während die russische Regierung eine intensive Propagandakampagne gegen die Bevölkerung auf der Krim und vor allem in der Ostukraine führte, erklärte sie der Außenwelt offen, sie könne eingreifen, um die Rechte der dort lebenden Russen zu schützen, falls diese bedroht würden. So wurde verhindert, dass Dritte die Lage vollständig verstanden.
Diese Verwirrung führte bei allen, vor allem in der NATO und den ukrainischen Streitkräften, zu Unentschlossenheit. Westliche Länder, die bewaffnete Gruppen in professionellen grünen Uniformen ohne Abzeichen sahen, die Barrikaden errichteten und Rathäuser, Kasernen, Flughäfen und Fernsehsender besetzten, sowie manche sie unterstützende professionelle Zivilisten, konnten all das weder vollständig deuten noch bewerten.
Im Grunde waren diese hinter den Kulissen in Abstimmung mit Russland angewandten Taktiken und Techniken genau die Anwendung hybrider Methoden. Die angestrebte Annexion der Krim durch Russland war längst erreicht und wurde durch den russischen Aufmarsch an der Grenze besiegelt.
Die Annexion der Krim durch Russland ist ein klassisches, ganz der Literatur entsprechendes Beispiel für einen hybriden Krieg.
Der 15. Juli aus der Perspektive des hybriden Krieges
Ein weiteres wichtiges Beispiel zum Verständnis des hybriden Krieges sind die Entwicklungen im Prozess des 15. Juli und die Lage, in die die Türkischen Streitkräfte gebracht wurden. Die hybriden Methoden, die Russland bei der Besetzung der Krim zeigte, können wir auch in der Nacht des 15. Juli 2016 sehen.
Von Scharfschützen über köpfende Fanatiker, von Sendungen mit Nachrichtendiensten verbundener Journalisten über das Mobilisieren der Bevölkerung auf die Straßen durch die Medien bis zu den Geisterhubschraubern nach Marmaris ließen sich Dutzende Beispiele anführen. Ich möchte das Thema hier nicht in die Länge ziehen, indem ich allgemein bekannte Details erneut ausbreite.
Betrachtet man jedoch die Entwicklungen vor und nach dem 15. Juli, lässt sich meinen, dass es ernste Anzeichen für den Einsatz hybrider Methoden gibt. Und zwar so:
Im Krieg gibt es Parteien. Krieg findet zwischen Ländern statt. Er hat politische, militärische und diplomatische Ziele. Das gilt auch für hybride Kriege. In diesem Sinne lässt sich deuten, dass das politische Ziel des 15. Juli darin bestand, ohne Kriegserklärung die Hauptinstitutionen der Türkei auszuschalten und ein neues System nach den Interessen der Mächte hinter den Kulissen aufzubauen.
Hätte sich das, was in jener Nacht und danach geschah, während eines konventionellen Krieges ereignet und wäre das Land besetzt worden, hätten die Besatzungskräfte eine mit schweren Korruptionsvorwürfen verbundene Person ‚X‘ zur Führung des Landes bestimmt und die Große Nationalversammlung faktisch funktionsunfähig gemacht, hätten sie etwa die Hälfte der Generäle der Türkischen Streitkräfte, Tausende Generalstabsoffiziere und Piloten und etwa ein Drittel der Richter und Staatsanwälte aus ihren Berufen entlassen und einen großen Teil ins Gefängnis geworfen, so wäre die Reaktion der türkischen Gesellschaft „Widerstand gegen die Besatzung“ gewesen. Dass die Bevölkerung dieselben angestrebten Ergebnisse jedoch mit Beifall und Glückwünschen aufnahm, können wir als mühelose Erreichung des politischen Ziels des hybriden Krieges sehen.
Wir hatten in unserer obigen Definition gesagt, dass der hybride Krieg darin besteht, durch Aufrechterhaltung von Unklarheit und Unsichtbarkeit Verwirrung bei der Gegenseite zu stiften, und dass dies die stärkste eingesetzte Waffe ist. Wer stand dann am 15. Juli im unsichtbaren Raum auf der anderen Seite?
Wegen der Natur des hybriden Krieges ist es für den 15. Juli keineswegs leicht, diese Frage eindeutig zu beantworten. Doch in diesem Zusammenhang lassen sich viele Akteure ausmachen, von Großbritannien, das die Politik der AKP-Regierung nach dem 15. Juli großzügig unterstützte, bis zu Russland, dem durch Waffengeschäfte Milliarden Dollar für Raketen gezahlt wurden, die in Depots verrotten werden. Zudem lassen sich die Ernennung von Richard Moore, der 2014-2017 britischer Botschafter in der Türkei war, zum Chef des britischen Geheimdienstes MI6 und die Äußerungen des deutschen Bundesnachrichtendienstes BND nach dem 15. Juli, man „glaube der offiziellen Darstellung nicht“, in diesem Rahmen bewerten.
Dass das Regime ab diesem Punkt sowohl, damit der 15. Juli nicht aufgeklärt wird, als auch um seines Fortbestands willen immer aggressiver wird, kommt Akteuren wie Großbritannien, dem Iran und Russland, die ihren Anteil längst eingestrichen haben, nur gelegen.
Fazit
Während sich die Definition des Friedens nicht ändert, haben sich Definition und Methoden des Krieges im Laufe der Zeit gewandelt und sind in jüngster Zeit zum hybriden Krieg und seinen Methoden geworden.
Wir können sagen, dass sowohl die bei der Annexion der Krim durch Russland eingesetzten Methoden als auch die am 15. Juli in der Türkei aufgetretenen Praktiken Methoden des hybriden Krieges enthalten.
Die gegenwärtige AKP-Regierung wird um ihres Fortbestands willen auch in der kommenden Zeit hybride Methoden weiterentwickeln und rücksichtslos einsetzen. Halten wir diese Feststellung hier fest und beenden damit unseren Text.
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