Wir sind Kinder einer Kultur, die sagt: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Doch ist Schweigen in einer Gesellschaft, in der Unrecht alltäglich geworden ist, eine Tugend oder eine Bequemlichkeit mit hohem Preis?
Wir sind Kinder einer Zivilisation, die dem Schweigen große Bedeutung beimisst. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Wer schweigt, stimmt zu … Würden wir unser Gedächtnis bemühen, könnten wir Dutzende Sprichwörter aufzählen, die das Schweigen preisen. Im Grunde hat die Tugend des Schweigens (des Stillseins, des Sich-Zurückhaltens) mit persönlicher Reife zu tun. Wo und wann diese Reife zu zeigen ist, bestimmt unsere gesellschaftliche und persönliche Position innerhalb der Gemeinschaft.
Ist Schweigen immer eine Tugend?
Wo es um gesellschaftliche Beziehungen geht, kann von einer solchen Verklärung keine Rede sein. Wie kann es eine Tugend sein, in einer Gesellschaft, in der die Begriffe Recht, Gesetz und Gerechtigkeit aufs Äußerste ausgehöhlt wurden, das Schweigen vorzuziehen? Wo ungerechte und rechtswidrige Praktiken unvermindert andauern, ist Schweigen ein pathologischer Fall. Genau hier beschreibt die zur Maxime gewordene Wahrheit „Wer angesichts von Unrecht schweigt, ist ein stummer Teufel“ das Teuflische des Schweigens im Gegensatz zu seiner Tugend.
Manchmal wird Schweigen auch als Weg gewählt, sich von Problemen fernzuhalten und so die Seele zu beruhigen. In einer Zeit, in der ungerechte und unbillige Praktiken zum Himmel schreien, Dutzende Menschen gestorben, Tausende zu Hunger und Elend verurteilt sind, universelle Rechte mit einem Federstrich mit Füßen getreten, alle Freiheitsräume angetastet werden und die Gefängnisse von politischen Gefangenen und Gewissensgefangenen überquellen, muss man fragen, wie menschlich oder angemessen Schweigen als Haltung ist.
Kann man auf individuelle oder gesellschaftliche Rechte verzichten?
Wir müssen das Individuelle vom Gesellschaftlichen unterscheiden. Bei Gelegenheit auf eigene Rechte zu verzichten, ist eine wichtige Entscheidung und verdient Respekt. Von anderen aber zu erwarten, auf ihre Rechte zu verzichten, ist schlicht respektlos und eine Missachtung von Rechten. Allerdings ist dabei Folgendes zu bedenken. Verbreitet sich die Vorstellung, auf individuelle Rechte aus dem Bereich des Rechts zu verzichten, öffnet das einer ernsten Gleichgültigkeit unter den Menschen die Tür, und das führt dazu, dass auch bei Verletzungen gesellschaftlicher Rechte dieselbe Teilnahmslosigkeit herrscht. Betrachtet man diese Seite der Sache, wird es auch wichtig, dass der Betroffene sein Recht auf persönlichen Verzicht sorgfältig prüft.
Menschen, die Menschenrechtsverletzungen, unfairen Prozessen oder willkürlichen Maßnahmen ausgesetzt sind und schweigen, tragen dazu bei, dass dieser Zustand andauert und diese Praktiken breite Kreise treffen. Damit das Empfinden von Gerechtigkeit und Freiheit unter den Menschen wirksam und dauerhaft ist, ist es lebenswichtig, dass die Einzelnen ihre Haltung beibehalten, die Gerechtigkeit zu schützen und zu verteidigen. In einer Gesellschaft, in der Unrecht herrscht, lässt das Schweigen der Menschen die Probleme noch größer werden.
Schweigen oder Partei ergreifen? Warum schweigen wir?
Während ein Berg von Menschenrechtsproblemen vor uns liegt und Tausende unter ihm kaum atmen können, bedeutet Schweigen auch, dem Unrecht die Schulter zu leihen. In einer solchen Lage zu handeln und gegen Unrecht zu kämpfen, nützt nicht nur dem Einzelnen, sondern allen Teilen der Gesellschaft. Dieser Kampf ist für gesellschaftlichen Wandel, Veränderung und Wohlstand unerlässlich. Dabei ist es natürlich äußerst wichtig, Gewalt zu vermeiden und der Rechtsstaatlichkeit treu zu bleiben.
Warum also ziehen manche das Schweigen vor? Was bedeutet das Schweigen von Schriftstellern, Denkern, Meinungsführern, Politikern oder einfachen Bürgern, die angesichts gesellschaftlicher Probleme nicht die Stimme erheben? Ich vermute, wir können die Antwort auf diese Frage an zwei Begriffen sichtbar machen. Der erste ist „Geheimnis“, der zweite „Bequemlichkeit“.
Das Geheimnis des Schweigens
Wenn wir sehen, wie sich Menschen angesichts von Unrecht, Rechtlosigkeit und grausamen Praktiken im Hintergrund halten und sich eine geheimnisvolle Aura schaffen und wie ihnen dieser geheimnisvolle Zustand eine Komfortzone verschafft, verstehen wir auch, welchen Schlag das Schweigen der Gesellschaft, den Opfern und dem Glauben an die Gerechtigkeit versetzt.
Das Schweigen hat immer auch eine geheimnisvolle Seite. Dieses Geheimnis soll als Zeichen von Stärke, von Rechthaben oder davon gesehen werden, die Initiative in der Hand zu haben. Die Menge fällt oft auf diese Wahrnehmung herein. Dabei hat Schweigen auch direkt mit Angst, sozialem Druck, Gerissenheit und Heuchelei zu tun.
Manche professionelle Wahrnehmungsakrobaten etwa neigen dazu, Schweigen als politische Methode einzusetzen. Für jene, die eine zurückgezogene Haltung einnehmen, kann dieser Zustand dagegen als ehrenvolle Haltung gewählt werden. Viele weitere Bedeutungen dieser Art können aus dem Geheimnis des Schweigens entspringen, und welche davon Respekt verdient, lässt sich nicht leicht treffsicher bestimmen. Selbst wenn uns das gelänge, änderte es nichts daran, dass ein Schweigen, das sich hinter dem Mantel des Geheimnisvollen verschanzt, einen gesellschaftlichen Preis hat.
Die Bequemlichkeit des Schweigens
Andererseits verschafft die erwähnte geheimnisvolle Atmosphäre dem Schweigenden auch eine weite Komfortzone. In dieser Komfortzone sich aus allem herauszuhalten und die drei Affen zu spielen, obwohl man die ungerechten, rechtswidrigen und tyrannischen Praktiken bemerkt, muss für diejenigen, die die Stimme ihres Gewissens leiser gedreht haben, sehr angenehm sein.
Nicht die Stimme zu erheben, während Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Menschenrechtsverletzungen manche leiden und sogar sterben lassen, heißt auch: „Ich sehe kein Problem, der jetzige Zustand kann weitergehen.“ Wer sich dem Unrecht nicht mit der Hand, der Zunge oder dem Herzen entgegenstellt, hat sich zwangsläufig dafür entschieden, zu denen zu gehören, die mit der Hand, der Zunge oder dem Herzen Unrecht tun. Dazwischen gibt es keine Haltung, die man Neutralität nennen könnte.
Der Preis des Schweigens
Zwar tragen alle Verantwortung dafür, angesichts gesellschaftlicher Probleme Stellung zu beziehen und eine möglichst aktive Rolle zu übernehmen, doch zuerst sollten Intellektuelle, Schriftsteller, Denker, Meinungsführer und Ähnliche die Aufgabe übernehmen, voranzugehen.
Man kann sagen, dass sich mit den heutigen Kommunikationsmitteln alle Teile der Gesellschaft erreichen lassen. Zu handeln, bevor die Probleme noch größer werden, bevor noch mehr Menschen geschädigt und Rechte verletzt werden und bevor der Glaube an die Gerechtigkeit weiter verwundet wird, ist eine menschliche, gewissenhafte und dem Gemeinwohl verpflichtete Verantwortung. Ob Sie diese Verantwortung mit den laufenden Strafprozessen, mit den beim Erdbeben zutage getretenen Verwaltungsproblemen und Leiden, mit den vor der Tür stehenden Wahlen oder mit einem anderen Problemfeld verbinden, spielt keine Rolle. Denn nicht nur unter den Trümmern des Erdbebens, sondern auch unter den Trümmern von Wirtschaft, Recht, Diskriminierung und Intoleranz sterben Tausende Unschuldige, ringen nach Luft und warten auf jemanden, der mutig genug ist, ihre Stimme aufzunehmen.
Angesichts von Problemen des Rechts, des Gesetzes und der Gerechtigkeit, die in der Gesellschaft schwere Traumata verursachen, eine emotionale oder gedankliche Fähigkeit zur Empathie zu entwickeln, wird für die menschliche Seele eine ernste Belastung sein. Das ist sicher. Ein Weg, dem zu entkommen, ist, sich im gegnerischen Lager (an der Front der Tyrannei, die weder Recht noch Gesetz noch Gerechtigkeit kennt) zu positionieren; der andere, sich der geheimnisvollen und bequemen Atmosphäre des Schweigens zu überlassen.
Da das gegnerische Lager ohnehin die Quelle von Unterdrückung und Rechtlosigkeit ist, bedarf seine Haltung keiner Erklärung. Was jene betrifft, die es sich zur Methode machen, die durch Schweigen gewonnene Atmosphäre des Geheimnisses und der Bequemlichkeit zu genießen, so werden sie gewiss Rechenschaft ablegen und für den Preis, den die Opfer zahlen, ihrerseits einen Preis zahlen müssen.
Den Preis des Schweigens werden nicht diejenigen zahlen, deren Rechte mit Füßen getreten werden, die unterdrückt und geschädigt werden, sondern die Mächtigen, die Urheber des Problemknäuels vor uns, ihre Claqueure und diejenigen, die sich in ihren geheimnisvollen und bequemen Zonen vergnügen, obwohl sie wissen, was geschieht. Dieses Bewusstsein müssen wir in alle Teile der Gesellschaft tragen.
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